Während des raschen Vormarsches der deutschen Truppen im Süden der Ukraine traten 1941 "Ereignisse ein, die uns aus unserer Faulheit des Tuns und des Denkens herausreißen und uns nie wieder zur Ruhe kommen lassen sollten". Mit diesen Worten leitet der Kriegschirurg und spätere Bestsellerautor Peter Bamm 1952 den Bericht über die Ermordung der jüdischen Bevölkerung Nikolajews ein. Wer diesen Bericht heute vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um die Verbrechen der Wehrmacht wieder liest, erlebt manche Überraschung, zumal hierzulande viele immer noch (oder wieder) bestreiten, daß deutsche Landser am Holocaust beteiligt beziehungsweise Zeuge waren.

"Die unsichtbare Flagge", Bamms Welterfolg von 1952 - dieser "Bericht" des Arztes Curt Emmrich, der sich erst als Feuilletonist Peter Bamm nannte, liegt gegenwärtig in der dreizehnten Auflage vor. Aus der Sicht des Chirurgen einer Sanitätskompanie schildert Bamm hier seine Erlebnisse im Krieg gegen die Sowjetunion. Dabei dürften junge Leser kaum noch wissen, wer Peter Bamm war. Der 1897 im rheinischen Hochneukirch geborene Pastorensohn kam 1918 hochdekoriert aus dem Ersten Weltkrieg zurück und begann ein Medizinstudium. Nach dem Examen 1923 in Frankfurt bereiste er als Schiffsarzt und Pharmavertreter die ganze Welt, bevor er 1938 eine chirurgische Praxis in Berlin-Wedding eröffnete.

Unter dem Pseudonym Peter Bamm schrieb er seit 1923 zahllose Feuilletons für die konservative Deutsche Allgemeine Zeitung, später für die Deutsche Zukunft. Der Mitarbeit an der nationalsozialistischen Neugründung DasReich entzog sich Bamm 1940 nach eigenem Bekunden durch den Eintritt in die Wehrmacht als Chirurg einer Sanitätskompanie. Er überlebte die Kriegszüge in Frankreich, auf dem Balkan und in Rußland. Nach 1945 verdiente er sein Geld zunächst als Hörfunkredakteur, dann als Verfasser von Sachbüchern, die Millionenauflagen erreichten. Bamm starb 1975 in der Schweiz.

Sein "Bericht" über die heldenhaften Kämpfer unter der unsichtbaren Flagge der Humanität ist das mit Abstand erfolgreichste Buch zum deutschen Sanitätswesen im Zweiten Weltkrieg. Eine aufmerksame Lektüre dieses Bestsellers führt auch nach vier Jahrzehnten noch zu überraschenden Ergebnissen, die von der zur Zeit durch Deutschland und Österreich wandernden Hamburger Ausstellung "Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" (die vom 26. November an in Innsbruck zu sehen ist) bestätigt werden.

Diejenigen, die eine Mitwisserschaft und Mittäterschaft zahlreicher Wehrmachtsangehöriger an den Greueltaten leugnen, hätte schon die Lektüre der "Unsichtbaren Flagge" des über jeden Verdacht der Verunglimpfung erhabenen Bamm eines Besseren belehren können. "In Nikolajew wurden die russischen Bürger, die jüdischen Glaubens waren, von einem Kommando der Anderen registriert, zusammengetrieben, ermordet und in einem Panzergraben verscharrt. Wir hörten davon durch Gerüchte, die wir erst nicht glauben wollten, aber schließlich glauben mußten. Ein Offizier vom Stabe des Armeeführers hatte die Szene photographiert."

Bamm grenzt sich von den "Anderen" ab, bestätigt aber die Dokumentation des Verbrechens durch die Wehrmacht. Aus Bamms Memoiren von 1972 erfährt man zusätzlich, daß in Cherson SS-Kommandos die Juden "an die von den Russen verlassenen Panzergräben vor der Stadt geführt hatten. Dort wurden sie erschossen und in den Gräben verscharrt. Diese Tatsachen waren im Heer weitgehend bekannt. Sie wurden aber von den meisten ignoriert." Nach der Eroberung Sewastopols auf der Krim im Frühjahr 1942 sammelten "die Anderen" die jüdischen Bewohner "Mauer an Mauer" mit der Sanitätskompanie Bamms und töteten sie in speziellen Fahrzeugen, in die während der Fahrt Abgase geleitet wurden - ein Verfahren, das sich während der Euthanasie-Aktion "bewährt" hatte. Bamm bekennt: "Wir wußten das. Wir taten nichts."

Auch die Verbrechen an den russischen Kriegsgefangenen waren durchaus in der Truppe bekannt. Die Sanitäter aus der Kompanie Bamms erfuhren in Urlauberzügen von den Wachmannschaften, daß man Hunderttausende verhungern ließ. Die menschenunwürdigen Verhältnisse auf den Transporten der russischen Zwangsarbeiter erlebten sie als Zugbegleiter selbst.

Bamms "Flagge der Humanität" schützte die Ärzte in Uniform nicht vor Inhumanität. Zahlreiche Soldaten versuchten, sich durch "Selbstverstümmelung" dem mörderischen Einsatz an der Front zu entziehen. Bamm erzählt, daß er 1943 einen jungen Soldaten mit Handdurchschuß vor dem Todesurteil bewahrte. Allerdings überwand erst das entschlossene Handeln der Operationsgehilfen die anfängliche Furcht vor einer "psychischen Epidemie", die die Kampfkraft der Truppe geschwächt hätte. Leider blieb dieser passive Widerstand ein Einzelfall. Nur beiläufig bemerkt Bamm, daß bei zahlreichen weiteren Selbstverstümmelungen ein solches Heldentum ausblieb. Die Verletzten wurden operiert, vom Arzt gemeldet, in einer Beobachtungsstation bis zur Genesung interniert, verurteilt und gewöhnlich hingerichtet.

Zu einem ähnlichen Konflikt zwischen ärztlichem und militärischem Ethos kam es im Fall der Fahnenflucht, wie Bamm in der Autobiographie bestätigt. Erst der Hinweis eines "anständigen" Kriegsgerichtsrats, "Leben zu retten sei doch jedes Arztes Pflicht", bewegte Bamm als psychiatrischen Gutachter, einem Deserteur zu helfen. Auch dies eine Einzeltat: "Die Rettungsaktionen gelangen nicht immer", schließlich "waren wir ebensogut Truppe wie Sanität". Die militärischen Notwendigkeiten hatten im Zweifel Vorrang vor den medizinischen. So durften, um Material zu sparen, gegen Ende des Krieges die Stiefel nicht mehr aufgeschnitten werden. "Daß den Verwundeten mehr Schmerzen zuzufügen seien, wurde nicht ausdrücklich mitangeordnet."

Trotzdem gab es aus verständlicher Angst vor Gefangenschaft und Kriegsgericht, aber auch aus Opportunismus, Abenteuerlust und arroganter Selbsttäuschung keinen offenen Widerstand oder gar Fahnenflucht in Bamms Kompanie. Man funktionierte mehr oder weniger reibungslos als Rädchen in der verbrecherischen Gesamtmaschinerie, als "Roboter der Nächstenliebe", ferngesteuert und zu Gefühlen nicht fähig. "Es war wie ein Fließband des Schicksals, auf dem der Ausschuß (!) der Schlacht in die Reparaturwerkstätte für Menschen hineingeschleust wurde. Natürlich hatten wir kein Mitleid." Hinzu kam der wachsende Einfluß der nationalsozialistischen Ideologie. "Das Gift des Antisemitismus hatte sich schon zu tief eingefressen. (. . .) Der Wurm saß schon im Holz. Die moralische Korruption nach sieben Jahren Herrschaft der Anderen war schon zu weit fortgeschritten, auch bei denen, die das bei sich selbst damals noch heftig geleugnet hätten." Man hoffte sogar auf Lebensraum im Osten: "Als ob das Land niemandem gehörte, steckten wir uns Claims ab wie die Goldgräber vom Klondyke."

Bamm ist so ehrlich, diese Taten und Motive 1952 zu benennen. Dennoch hinterläßt die Lektüre einen unangenehmen Beigeschmack. Da ist zum einen der unangemessene feuilletonistische Stil, das anekdotische Hinwegplaudern über schreckliche Ereignisse, die dem Autor anscheinend gar nicht nahegehen. Dann das Abwälzen der Verantwortung: Der Krieg wird zum unvermeidlichen Naturgeschehen, Hitler zum Psychopathen, der Nationalsozialismus zur Krankheit, die die "Anständigen" infiziert. Damit erübrigt sich die Suche nach den konkreten Interessen der Beteiligten.

Unerträglich wirkt die starke Beschönigung der Vorgänge durch heitere Episoden vom idyllischen Zusammenleben mit den russischen Bauern und von medizinischen Wohltaten. Bamm erweckt den Anschein, die Armee habe keinen Vernichtungskrieg gegen die russische Bevölkerung, sondern einen "Feldzug der Hygiene" gegen Malaria und Fleckfieber geführt. Im Nebensatz erfährt man, daß die "Sanierung" der "wenigen Russen, die in ihren Dörfern verblieben waren", in erster Linie "der Truppe" diente.

Bamms Fazit: "Es ist keiner von uns ganz schuldig am Ausbruch der Barbarei. Es ist aber auch keiner ganz unschuldig. Wir sollten nicht vergessen, daß die, welche ihr Leben für ihren Nächsten dahingegeben haben, uns unsere Schuld ein wenig leichter tragen lassen. Das Licht, das von ihren Gräbern leuchtet, wirft einen hellen Schein auf den Weg des Menschen in die Zukunft. Die unsichtbare Flagge, unter der sie gefallen sind, ist keine verlorene Flagge gewesen. So ist in ihrem Tod ein wenig Trost." Bamm gedenkt nicht der Millionen getöteter Juden, Russen oder Polen. Er gedenkt nicht der Menschen des Widerstandes. Er gedenkt der "Nächstenliebe" von Soldaten eines verbrecherischen Regimes, die mit ihrem roboterhaften Einsatz für die Verletzten das reibungslose Funktionieren der Kriegsmaschinerie ermöglichten. Durch diese Rechtfertigung eines Teiles der Wehrmacht trug Bamm in der Diskussion um die deutsche Wiederbewaffnung 1952 dazu bei, die Armee wieder salonfähig zu machen.

Der Autor war sich dieser Funktion des Buches, dem eine Hörfunkserie im Nordwestdeutschen Rundfunk vorangegangen war, durchaus bewußt. In einem Interview bekannte er 1966: "Als es vorbei war, kam eine phänomenale Reaktion von den Hörern. Es war das erstemal, daß über den Krieg unbekümmert (!) etwas über den Sender ging. Der merkwürdige Grund: daß ich eben Sanitätssoldat war. Jeder andere, der am Kaukasus wie ein Löwe gekämpft hatte, mußte begründen, warum und wieso kämpfte er am Kaukasus."

Bamms geschickter Versuch, das Heldentum im Krieg neu zu legitimieren, wurde überschwenglich aufgenommen. In der Neuen literarischen Welt pries Hansjürgen Wille den "schöpferischen Erspürer des Sinnes des Sinnlosen", der zum Glück der "Wollust" entgangen sei, "mit masochistischer Bußsucht nur nach dem Scheußlichen, Erbärmlichsten, Niederträchtigsten" zu fahnden. Der Kollege von der Gegenwart lobte Bamms "spirituelle Hygiene" dem Bösen gegenüber, "denn der Krieg der Einen war ein Verteidigungskampf mit zwei Fronten und hatte nichts, aber auch gar nichts mit dem Krieg der Anderen zu tun". Nur Heinrich Böll geißelte in der FAZ diese Schwarzweißmalerei. "Die einen und die anderen, sie überschnitten einander, gingen stellenweise ineinander über." Erst der Rezensent der englischen Übersetzung der "Unsichtbaren Flagge" respektierte 1956 in der Times bei aller Kritik die Ehrlichkeit Bamms, die moralische Korrumpierung weiter Teile der Wehrmacht angeprangert zu haben.

Denn schließlich, das wurde damals und wird bis heute in Deutschland überlesen, läßt Peter Bamms "Unsichtbare Flagge" durchaus die ganze Wahrheit erkennen über den Krieg und die, die ihn auf deutscher Seite führten: daß viele Soldaten, Wehrmachtssoldaten, (zumindest) Zeugen des großen Mordens "hinter der Front" wurden. Sie wußten das. Sie taten nichts.

Der Autor ist Arzt und arbeitet am Institut für

Medizingeschichte der Universität Heidelberg