Die Überraschung war gelungen. Kaum hatte Opel im Gefolge der Grafschen Steueraffäre angekündigt, den Sponsorenvertrag mit dem Tennisstar nicht mehr zu verlängern, lag schon ein neues Angebot auf dem Tisch. Absender war ein mittelständischer Textilunternehmer aus der schwäbischen Provinz. Der fand das Verhalten der Opel-Manager "menschlich indiskutabel" und erkannte seine Chance: "Ich wollte Frau Steffi Graf schon immer und habe angeboten als Hauptsponsor und Ausrüster einzusteigen."

Der Steffi-Fan heißt Wolfgang Grupp, und als alleiniger Geschäftsführer und Inhaber des T-Shirt-Herstellers Trigema brauchte er "vorher keinen zu fragen". Die spontane Aktion paßt zu dem 53jährigen. Der Vollblutunternehmer aus der Kleinstadt Burladingen auf der Schwäbischen Alb schwimmt auch sonst gerne gegen den Strom. Er macht fast alles anders als seine Kollegen aus der Textil- und Bekleidungsbranche: Während traditionsreiche Firmen wie jetzt gerade Schiesser weitere Produktionsstätten in Billiglohnländer verlagern, fertigt Trigema ausschließlich im Ländle. Während seine Unternehmerkollegen über nicht mehr tragbare Löhne klagen, stellt Grupp Leute ein und - statt wie andere Konzernchefs die Fertigungstiefe massiv zu verringern - erhöht die eigene Wertschöpfung. Wo allerorten im Zuge von just in time und Lean Production die Lager schrumpfen, füllen die Burladinger fleißig ihre Regale.

Trotz aller Verstöße gegen die herrschenden Management-Dogmen: Das Trigema-Rezept scheint aufzugehen. Im selben Zeitraum, in dem die Zahl der Beschäftigten in der westdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie von über 880 000 (1970) auf gerade noch gut 260 000 (1994) abstürzte und über die Hälfte der Unternehmen vom Markt verschwand, kann Grupp eine bemerkenswerte Bilanz vorweisen: "Ich habe in 25 Jahren weder kurzarbeiten lassen noch jemanden aus Arbeitsmangel entlassen." Dabei sah es bei seinem Einstieg in die Familienfirma im Jahre 1969 alles andere als rosig aus. Der frischgebackene Betriebswirt Wolfgang Grupp arbeitete gerade in Köln an seiner Doktorarbeit, als das vom Vater geführte kleine Firmenimperium auf der Schwäbischen Alb in die Krise schlitterte. Da das angestammte Unterwäschegeschäft der 1919 gegründeten Mechanischen Trikotwarenfabrik Gebr. Mayer stagnierte, hatte sein Vater Franz Grupp auf Diversifikation gesetzt: Er gründete eine Plastikfabrik und fertigte zusätzlich Damenoberbekleidung und Jerseystoffe. Doch die Strategie ging nicht auf. Im Jahr 1969 standen siebzehn Millionen Mark Umsatz zehn Millionen Mark Bankschulden gegenüber, das Traditionsunternehmen stand kurz vor dem Ende. Filius Wolfgang ließ seine Doktorarbeit sausen und eilte als Nothelfer heim ins Schwäbische.

Dann kam ihm der Zufall zu Hilfe. Ein Kunde hatte einen praktisch unverkäuflichen Restposten weißer Unterhemden mit Knopfleiste zu einem überraschend guten Preis gekauft. Kurze Zeit später tauchten diese Hemden - im damals aufkommenden Batik-Look eingefärbt - auf der Düsseldorfer Modemesse Igedo auf. Der Einkäufer einer großen Textilkaufhauskette entdeckte in den Hemden das Etikett Trikotwarenfabrik Gebr. Mayer. Als er in Burladingen anfragte, ob kurzfristig 10 000 dieser bunten Shirts geliefert werden könnten, reagierte Wolfgang Grupp schnell. Er ließ sich ein Muster schicken und beschloß kurzerhand, das Färben selbst zu übernehmen. Der neue Chef brachte seine Leute auf Trab, lieferte kurzfristig - und hatte einen Großkunden gewonnen.

Das zum T-Shirt mutierte Unterhemd wurde fortan zur Basis des Erfolgs. Der rührige Junior ersetzte den sperrigen Traditionsnahmen durch das Kürzel Trigema, kreierte ein neues, flottes Markenzeichen und verkaufte seine Tennisklamotten und T-Shirts nur noch unter diesem Label. Flexibilität und Schnelligkeit wurden zur obersten Geschäftsmaxime. Wenn ein Kunde kurzfristig T-Shirts oder Sweatshirts einer bestimmten Farbe brauchte, Trigema lieferte sofort. "Die meisten Geschäfte machten wir nur deshalb, weil andere nicht schnell genug liefern konnten", erläutert Grupp die Erfolgsmasche als Lückenfüller. Und um rasch reagieren zu können, setzte er auf ein immer gut gefülltes Lager.

Bei diesem Prinzip ist es bis heute geblieben. Die Burladinger machen fast alles selbst: Stoffproduktion, Ausrüstung (Bleicherei, Färberei), Veredlung (Druckerei, Stickerei) und Konfektion in den eigenen Nähereien. Dadurch hält sich der Kapitalaufwand für die Lagerhaltung in Grenzen. "Bei einem T-Shirt für 10 Mark entfallen lediglich 22 Prozent auf den Einkauf, 78 Prozent sind eigene Wertschöpfung", kalkuliert Grupp.

Ist die Nachfrage besonders groß, so wird sie mit Hilfe des Lagers und so lang wie möglich mit Überstunden befriedigt, ist die Nachfrage dagegen gering, läuft die Produktion dennoch voll weiter, und die Teile werden auf Lager genommen. So sind Menschen und Maschinen dauernd ausgelastet und die "deutschen Löhne deshalb nicht zu hoch", betont Grupp. Das Kunststück dabei: Der Disponent - bei Trigema natürlich der Chef persönlich - braucht einen besonders guten Riecher dafür, welche Produkte er auf Halde legen kann.