Wer etwas über die "Neue Rechte" in Deutschland schreiben wollte, der ging bisher los und portraitierte den Welt-Redakteur und einstigen Ullstein-Lektor Rainer Zitelmann: Zitelmann beim Kekseessen. Zitelmann, wie er Beaujolais zum Hamburger empfiehlt. Zitelmann, den schnauzbärtigen Integrator einer heterogenen neurechten Szene von Journalisten, Publizisten, Historikern - Hauptsitz: Berlin; Hauptkampforgan: der Ullstein-Verlag; Hauptthema: die "selbstbewußte", normalisierte Nation, befreit vom Schatten der Vergangenheit. Man mußte den Mann nicht einmal bezichtigen, ein Rechter zu sein - er selbst bezeichnete sich gerne so. Mit dieser Strategie wollte er - in gewendeter 68er Manier - linke "Denkverbote" und "Tabus" brechen.

Bis vor drei Wochen. Auf einem "Eichholzer Forum" der Konrad-Adenauer-Stiftung outete sich Zitelmann als "Liberaler"; die Bezeichnung "Rechter" sei eine bloße Zuschreibung, rief er. Der Tagungsleiter war verwirrt, hatte er ihn doch als abschreckendes Kontrastprogramm zu Peter Müller eingeladen, dem liberalen CDU-Chef im Saarland. Zitelmann plötzlich auch ein Liberaler? Das Spiel der "Neuen Rechten" heißt Begriffe besetzen; nach Volk und Vaterland nun also liberal - ein Ullstein-Buch wird schon vorbereitet. Junge, neue und alte Rechte im Publikum freuten sich. Etliche waren in Eichholz zu Gast: Neben einer Art Zitelmann-Fanclub aus Jung-Unionisten fand sich etwa Albrecht Jebens auf der Gästeliste, der Geschäftsführer von Filbingers rechtskonservativem Studienzentrum Weikersheim. Und Ulrich Schacht, der gemeinsam mit Zitelmann, dem Welt am Sonntag-Kollegen Heimo Schwilk und Ex-konkret-Herausgeber Klaus Reiner Röhl den Aufruf "Gegen das Vergessen" zum 50. Jahrestag des Kriegsendes initiiert hatte - einen Aufruf, der das Vertreibungsunrecht gegen die Naziverbrechen aufzurechnen sucht. Dieses Pamphlet hat der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz jüngst als "gelungenen Versuch bezeichnet, ein Thema öffentlich zu dominieren und dabei ein revisionistisches und die nationalsozialistischen Verbrechen relativierendes Geschichtsbild zu verbreiten".

Was eint diese scheinbar so disparate Szene - und wie weit nach rechts driften ihre Mitglieder? Im direkten Gespräch ist das nicht zu ermitteln: Da verabscheuen sie allesamt Extremisten, betonen den Konsens der Demokraten, wollen einfach nur "Fragen stellen" und "Denkanstöße geben". Eine Ahnung von den Gedankengängen, die da angeregt werden sollen, erhält man aus ihren schriftlichen Äußerungen - wobei sie es für sehr ungerecht halten, jemandem seine veröffentlichten Meinungen später einfach "in entlarvender Absicht" vorzuhalten.

Die Protagonisten halten sich allesamt für absolut harmlos, lieben aber die öffentliche Provokation. Sie pflegen eine geradezu pathologische Abneigung gegen "Linksabweichler" in der CDU wie etwa Heiner Geißler, Rita Süssmuth, Richard von Weizsäcker, Peter Müller und Friedbert Pflüger. Auf ihrer gemeinsamen Themenliste steht die "Normalisierung" des deutschen Nationalgefühls, die Historisierung des Nationalsozialismus, Euro- und Westbindungsskepsis; konservativ-revolutionärer Kulturpessimismus mit bewundernden Seitenblicken auf den "vitaleren" Islam; Opposition gegen die "kulturelle Hegemonie" der Linken, gegen einen angeblich totalitären Feminismus und die Denkverbote der Political Correctness; die Ablehnung des "Multikulturalismus" und Klagen über den Werteverfall der Gesell schaft.

Weinerlich sind sie außerdem: Ständig haben die "Neuen Rechten" das Gefühl, schlecht behandelt, "ausgegrenzt", "verketzert" zu werden. Als "Konservativer" fühle man sich heute wie die Sozialdemokraten 1933, sagt Klaus Hornung, Politologieprofessor, Unterzeichner jedweden neurechten Aufrufs, Junge Freiheit-Autor, Mitglied im Kuratorium des Studienzentrums Weikersheim, Vortragsgast bei der rechten Psychosekte VPM; ein nicht mehr ganz junger, dafür aber eifriger Teilnehmer an konservativen Aktionen.

Daß der Mainstream der veröffentlichten Meinung "links" sei, daß es in Medien und Wissenschaft eine Vormachtstellung "der Linken" gebe, wurde auch in Eichholz bejammert und prägt die rechte Wirklichkeitswahrnehmung. Leo Kirch, Welt, FAZ, Bild und Focus werden großzügig übersehen. So klagen dreizehn junge, nach eigenem Bekunden "rechts" empfindende Menschen in dem Ullstein-Band "Wir 89er" wortreich darüber, daß alles, was sie politisch äußerten, von linken Lehrern (Sozialpädagogen, Journalisten, Professoren) mit der "Faschismus-Keule" niedergeknüppelt werde. Das Gejammer mag sogar zum Teil berechtigt sein, denn es gibt ja einen primitiven "antifaschistischen" Reflex, der sich selbst gegen Mitglieder der Jungen Union mobilisieren läßt und Gespräche unmöglich macht. Zum überwiegenden Teil aber ist das rechte Märtyrertum Selbstinszenierung; wie auch die routinierte Distanzierung von Nazis und NS-Nostalgikern nicht innerer Überzeugung entsprechen muß, sondern zuweilen Bestandteil einer Taktik sein kann: clean bleiben.

Den Kampf um die "kulturelle Hegemonie" führt die "Neue Rechte" unter Rückgriff auf den kommunistischen Theoretiker Antonio Gramsci in einer Art "Querfrontstrategie": Man will einen möglichst großen Adressatenkreis mit den eigenen Themen in Berührung bringen. Dabei ist die Vielfalt der neurechten Landschaft hilfreich, multipliziert sie doch die potentiellen Anknüpfungspunkte für verunsicherte Linke, vagabundierende Intellektuelle und andere Sinnsucher. Über den Begriff der "Nation", über eine Mobilisierung der "Liebe zum eigenen Land", die endlich den "nationalmasochistischen" Schuldkomplex der Deutschen in bezug auf das "Dritte Reich" überwindet und Auschwitz der Geschichte überantwortet, versuchen die "Neuen Rechten" auch linke Neutralisten zu integrieren - das "normalisiert" alles mögliche, die Nation, die Geschichte und natürlich auch die "Neue Rechte" selbst.