Wer im Frühsommer dieses Jahres die Programmvorschau des Ullstein/Propyläen-Verlages für den Herbst aufschlug, der mochte seinen Augen nicht trauen: Als Verfasser des neunten und letzten Teils der "Propyläen Geschichte Deutschlands", der die Zeit des Nationalsozialismus behandelt, tauchte nicht, wie lange annonciert, der Bochumer Historiker Hans Mommsen auf, sondern Karlheinz Weißmann. Ausgerechnet für den wichtigsten Band der bedeutenden Geschichtsreihe sollte ein Göttinger Studienrat auserkoren sein, der bislang vor allem als Propagandist einer "neuen Rechten", kaum aber durch profunde historische Arbeiten aufgefallen war? Da witterten manche einen Skandal.

Nun liegt das Opus unter dem Titel "Der Weg in den Abgrund" vor, und siehe da: Der forsche Künder einer "selbstbewußten Nation" hat Kreide gefressen. Er müht sich um Seriosität, doch wer genauer hinschaut, wird hinter dem Programm einer "Historisierung" des Nationalsozialismus unschwer den Versuch erkennen, die Geschichte der braunen Diktatur für die Bedürfnisse eines nationalkonservativen Publikums zurechtzustutzen (siehe die Besprechung von Ulrich Herbert in der Literaturbeilage dieser Ausgabe, Seite 24).

Im Vorwort bedankt sich Weißmann bei seinem "Freunde Dr. Rainer Zitelmann", der "die Anregung zu diesem Werk" gab und dessen "mehrjährige Entstehungszeit dauernd begleitete". Und Zitelmann war es auch, der während seiner Zeit als Cheflektor bei Ullstein den Autorwechsel veranlaßte. Gewiß: Hans Mommsen hatte sich allzu viel Zeit gelassen, doch das ist bei Geschichtsprofessoren, zumal wenn es um Großprojekte dieser Art geht, nichts Ungewöhnliches. Die Säumigkeit hat Zitelmann schließlich genutzt, um seinen Spezi mit einer Aufgabe zu betrauen, für die er im Sinne der neuen, rechtslastigen Linie des Ullstein- Programms besonders geeignet schien.

Herausgeber Dieter Groh und die Mitherausgeber wurden über die Entscheidung des Verlages nicht informiert. Sie haben es aber auch nicht für nötig gehalten, sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Aufgewacht sind sie erst, als das Kind in den Brunnen gefallen war. Ein Herausgeber eines so wichtigen historiographischen Unternehmens, der, wie er versichert, erst durch das ihm zugesandte druckfrische Exemplar des Weißmann-Bandes erfährt, welche Mogelpackung ihm da untergejubelt wurde - das dürfte ein in der Wissenschafts- und Verlagsgeschichte einmaliger Vorgang sein.

Hier hat nicht nur der Verlag mit verdeckten Karten gespielt; hier hat auch der verantwortliche Herausgeber der Reihe versagt. Seine von den Mitherausgebern unterzeichnete Protesterklärung, in der er sich von Band 9 des Geschichtswerks distanziert, wirkt seltsam larmoyant. Denn hätte er sich schon früher einmal um das Schicksal der Reihe gekümmert - der Zitelmannsche Überraschungscoup hätte nicht gelingen können.

Etwas künstlich mutet auch die Empörung der FAZ an. Denn sie hat mitgeholfen, den jetzt als "bekannten Unbekannten" gescholtenen Autor großzuziehen. In der Serie "What's right?" erhielt Weißmann im April 1994 Gelegenheit, sein politisches Credo darzulegen. Und noch jüngst durfte er in den Spalten des Frankfurter Blattes das große Werk des englischen Historikers Eric Hobsbawm "Das Zeitalter der Extreme" niedermachen. "Biedermännisch daherkommende Geschichtserschleichung in einer dreisten Räuberpistole aus Verlags- und Geschichtspolitik" nennt FAZ-Redakteur Michael Jeismann Weißmanns Ansatz. Komisch, daß man das in Frankfurt erst jetzt merkt.