Vor dem vornehmen "Hôtel des Indes" in Den Haag, dessen Name noch alte Kolonialherrlichkeit widerspiegelt, steht ein kleines Standbild. Es stellt einen Herrn dar, bekleidet mit einem gutgeschnittenen Mantel, einem Schal, dem man trotz der Bronze ansieht, daß hier Seide gemeint war, einem Spazierstock mit elegantem Griff, einem lässig in der Hand gehaltenen Zylinder. Am Sockel steht in schlichten Buchstaben "FLANEUR". Manchmal, wenn ich in Den Haag - meiner Geburtsstadt - bin, gehe ich hin und grüße ihn, denn ich habe ihm viel zu verdanken. Flaneur war eines der vielen Pseudonyme von Eduard Elias, jüdischer Schriftsteller und Journalist, Aristokrat und Kosmopolit, der einen unendlich leichten und zugleich melancholischen Ton kreiert hatte, um so zu tun, als täte er nichts. Er flanierte, er war ein Straßenschlenderer, einer, der vorbeikam und schaute. Daß er auch aufschrieb, was er sah, und daß man das täglich in der Zeitung lesen konnte und daß das folglich Arbeit war, fiel eigentlich niemandem auf. Er tat, was Flaneure immer tun, das heißt: tun, als ob sie nichts täten, und dabei die Augen sehr gut aufmachen.

Flaneure sind Künstler, auch wenn sie nicht schreiben. Sie sind zuständig für die Instandhaltung der Erinnerung, sie sind die Registrierer des Verschwindens, sie sehen als erste das Unheil, ihnen entgeht nicht die kleinste Kleinigkeit, sie gehören zur Stadt, die ohne sie undenkbar ist, sie sind das Auge, das Protokoll, die Erinnerung, das Urteil und das Archiv, im Flaneur wird sich die Stadt ihrer selbst bewußt.

Er kennt ihre Geheimnisse, ihre unterirdischen Wasserwege, ihre Launen und Schwächen, ihre nächtliche Stille und ihre euphorischen Momente, in seinen Sohlen, so Walter Benjamin, stecken ihre Erinnerungen, die Dinge, die jeder bereits vergessen hat, weil sie einem nichts nützen. Er ist der ganz und gar unnütze und zugleich ganz und gar unentbehrliche Passant, seine Arbeit besteht aus dem, was andere versäumen: Während sie in der Stadt oder von der Stadt sind, ist er die Stadt, so wie die Bürgersteige, die Schaufenster, die Parks, die Verkehrsadern die Stadt sind, selbst wenn niemand ihn entbehrt, ist er unentbehrlich.

Ohne den Flaneur in Joyce, Baudelaire, Döblin, Proust wären "Ulysses", "Les Fleurs du Mal", "Berlin Alexanderplatz", "A la Recherche du Temps perdu" nie geschrieben worden.

Wenn ich sage, daß ich diesem ersten Flaneur viel zu verdanken habe, so meine ich damit nicht, daß er mich das Flanieren gelehrt hätte. Das hat man, oder man hat es nicht. Nein, er hat mich gelehrt, deswegen keine Schuldgefühle zu empfinden. Wenn ich an all die Stunden - und allmählich Jahre - denke, die ich durch die Straßen der Welt geschlendert bin, dann hätte ich in dieser Zeit die gesammelten Werke von Hegel und Kant mit der Hand abschreiben können. Statt dessen habe ich ein Buch gelesen, das nie zu Ende geht, ein Buch, dessen Kapitel und Buchstaben aus Gebäuden, Standbildern, Straßen, Autobussen und Menschen bestehen, vor allem vielen Menschen.

Und wahrscheinlich, denke ich jetzt im nachhinein, habe ich in erster Linie gestaunt. Gestaunt über die Vielseitigkeit von Städten, über die merkwürdige Art und Weise, wie sie plötzlich irgendwo mitten auf einer Fläche beginnen, über die täglich wiederkehrende Ebbe und Flut ihrer Bevölkerung, über die Tatsache, daß aus allen Hähnen Wasser fließt, daß man immer wieder in allen Restaurants etwas zu essen bekommt, daß man sich so gut in ihnen verbergen kann, daß sie manchmal schon fast vor dem Tode stehen und dann doch nicht sterben, daß sie Kriege überleben, daß sie sich auf de m Untergrund ihrer eigenen Geschichte selbst in einem fort weiterbauen, daß man in ihnen in aller Öffentlichkeit albern sein kann, unbemerkt sterben kann, seine Botschaften von Haß und Liebe an Mauern schreiben kann, daß sie unendlich arm sind und die größten Schätze beherbergen, daß sie die Vergangenheit in ihren Straßennamen bewahren, daß sie ihre Bewohner mal kosen und dann wieder strafen und daß diese Bewohner immer wieder namenlos verschwinden und die Stadt einfach weitergeht, eine Pass age, ein Durchgangshaus, eine Seele, die ihre Bewohner dazu benutzt, um sich selbst zu behaupten.

Die Geschichte der Architektur ist auch die Geschichte der schlechten Architektur, denn, und das wird jeder Flaneur Ihnen bestätigen können: Eines haben alle Architekten, die guten wie die schlechten, gemein: Um das, was sie bauen, wenn sie bauen, kommt man im wahrsten Sinne des Wortes nicht herum, es steht da. Es steht immer und überall um uns herum. Wir sehen es sogar, wenn wir nicht hinschauen. Wer in eine Bibliothek, ein Krankenhaus, eine Kirche, ein Postamt, eine Zelle, einen Bahnhof, ein Kaufhaus, ein Theater geht, tritt in einen gedachten, entworfenen und schließlich gebauten Raum und hat in gewisser Weise zu gehorchen. Richtung und Maß sind vorgegeben. Jemand anders hat bestimmt, ob er oder sie in einen hellen oder dunklen Raum kommt, sich vor einem Schalter bücken oder strecken muß, ob er oder sie erst eine gigantische Treppe - wie bei vielen Gerichtsgebäuden - hinaufsteigen muß, bevor man überhaupt hineingehen kann.