BONN. - Die kürzlich in München versammmelten Kommandeure der Bundeswehr trauten ihren Ohren nicht: Unerwartet sprach Minister Rühe über "40 Jahre Bundeswehr - Selbstverständnis und Tradition"! Und da fielen dann die entscheidenden Sätze:

"Auftrag und Selbstverständnis der Bundeswehr orientieren sich am Werterahmen unserer Verfassung. Deshalb stützt sich die Bundeswehr vor allem auf die freiheitlichen Werte der deutschen Geschichte . . .

Neben den preußischen Reformern stehen daher die Frauen und Männer des deutschen Widerstandes gegen Hitler im Zentrum unserer Tradition . . .

Die Wehrmacht war als Organisation des Dritten Reiches in ihrer Spitze, mit Truppenteilen und mit Soldaten in Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt. Als Institution kann sie deshalb keine Tradition begründen . . ."

Mit diesen klaren und mutigen Worten beendete Minister Rühe eine jahrzehntelang geführte, quälende Auseinandersetzung über die Frage, ob die Wehrmacht für die Bundeswehr traditionsfähig sei. Zwar hatte auch Generalinspekteur Naumann gelegentlich schon ähnliches gesagt. Aber stets waren viele "Wenn" und "Aber" und vehemente Warnungen vor "pauschaler Verurteilung der Wehrmacht und ihrer Soldaten" und vor "Diffamierung soldatischer Pflichterfüllung" dazugekommen.

Schon im Amt Blank (1952 bis 1955), so wissen wir heute, konnten sich die Befürworter einer klaren Aussage zur Wehrmacht nicht durchsetzen. Man scheute sich, das heiße Eisen anzufassen. Politische Rücksichten auf die Bestrebungen zur Wiederbewaffnung und Ehrenerklärungen für die Soldaten der Wehrmacht von Adenauer, Schumacher, Mende und Eisenhower bestimmten die politische Debatte. Die Politik begnügte sich in der Regel mit dem Verdrängen von Schuld und Verstrickung.

So dauerte es zehn Jahre, bis Minister Kai-Uwe von Hassel am 1. Juli 1965 den ersten Traditionserlaß der Bundeswehr herausgab. Er war von den streitenden Parteien innerhalb und außerhalb des Ministeriums so oft neu gefaßt und romantisierend geschönt worden, bis das Wort "Wehrmacht" darin überhaupt nicht mehr vorkam. Vom "Widerstand" war nur sehr allgemein, bezogen auf die gesamte deutsche Geschichte, die Rede.