Vergangene Woche lief wieder alles ganz normal: Erst hieß es erneut, die Flugzeugriesen Boeing und McDonnell Douglas erwägten eine Fusion. Dann bekräftigte die Großbank Wells Fargo ihr Angebot für die First Interstate Bank. Und schließlich genehmigte die Federal Communications Commission (FCC) die Hochzeit des Fernsehsenders CBS mit dem Elektrokonzern Westinghouse. Die Übernahmewelle in den Vereinigten Staaten ist längst zur Flut geworden.

Bis Mitte November verbuchten die Analysten der Securities Data Company dieses Jahr bereits Fusionen im Wert von 389 Milliarden Dollar - weit mehr als eine Milliarde pro Tag. 1994 waren es in allen zwölf Monaten nur 347 Milliarden. Da wird offenbar selbst den Amerikanern schwindelig. Seit einigen Wochen mehren sich jedenfalls die kritischen Stimmen. Dabei geht es freilich weniger um die erstaunliche Leidensfähigkeit der Kartellwächter als um die Frage: Lohnen sich die Hochzeiten überhaupt - sowohl für die beteiligten Unternehmen als auch für die ganze Gesellschaft? Die Antworten fallen überraschend negativ aus: Das einflußreiche Wirtschaftsmagazin Business Week veröffentlichte kürzlich ein seitenlanges "Plädoyer gegen Fusionen". Und die angesehene Tageszeitung Los Angeles Times kommentierte vergangene Woche: "Was bringt das alles dem Durchschnittsamerikaner? Wahrscheinlich einen akuten Fall von Jobunsicherheit."

Daß die Übernahmewelle in den achtziger Jahren bereits viel Schaden angerichtet hat - darüber wird in Fachkreisen kaum noch gestritten. Mit geliehenen Milliarden kauften halbseidene Finanzjongleure Unternehmen auf, um sie dann stückchenweise wieder zu Geld zu machen. Ob die Transaktionen auch industriell Sinn machten, spielte kaum eine Rolle. Für die neunziger Jahre hatte Wall Street deswegen Besserung geschworen. Statt des schnellen Dollar sollten fortan Strategie und Synergie die Geschäfte prägen. Die Übernahme des Computerkonzerns NCR durch den Telekomgiganten AT & T 1991 war da typisch: Die Fernmeldegesellschaft Ma Bell wollte davon profitieren, daß Rechner und Netze technisch immer mehr zusammenwachsen. Doch die Zwischenbilanz sieht nicht gut aus.

Eine Studie der Unternehmensberatung Mercer Management Consulting kommt - wie viele andere zu diesem Thema - zu dem eindeutigen Ergebnis: Die Übernahmen der vergangenen Jahre halten bei weitem nicht, was sie versprachen. Von 150 Geschäften, errechneten die Analysten der Mercer Management Consulting, machte rund die Hälfte die Aktionäre ärmer. Nur siebzehn Prozent ließen die Aktienkurse merklich steigen. Die Gründe: Meist überschätzen kaufwillige Manager die strategischen Vorteile einer Fusion. Sie zahlten deswegen häufig einen überhöhten Preis für den Übernahmekandidaten. Schließlich schafften sie es oft nicht richtig, die beiden Unternehmen zu verschmelzen - vor allem weil die Kulturen der Firmen in der Regel sehr unterschiedlich sind. Die Fusion von AT & T und NCR ist dafür ein Musterbeispiel. Der Telekomkonzern und die Computerfirma wuchsen nie zusammen. Das mittlerweile in AT & T Global Information Solutions umbenannte Unternehmen schrieb jahrelang rote Zahlen. Jetzt will sich AT & T-Chef Robert E. Allen, der den Deal von 7,4 Milliarden Dollar 1991 in den höchsten Tönen gelobt hatte, wieder von seinem Adoptivkind trennen.

Auch viele der jüngsten Megamergers scheint ein ähnliches Schicksal zu ereilen. Wertvolle Synergien, also die Verschmelzung von unterschiedlichem Know-how für die Multimedia-Revolution, ist das Hauptargument etwa für die Hochzeiten der Medienkonzerne Turner Broadcasting und Time Warner sowie Disney und Capital Cities/ABC. Doch viele Branchenexperten zweifeln daran, daß sich beide Geschäfte jemals auszahlen. Wer Disney-Chef Michael Eisner oder den Time-Warner-Vorsitzenden Gerald Levin nach erfolgreichem Abschluß gesehen hat, der ahnt, daß ein anderer Grund für die Transaktionen genauso wichtig ist wie Synergien: das Ego der Chefs. Je größer die Eitelkeit, fand jedenfalls die Business School der Columbia-Universität heraus, desto höher der Preis, den der Manager zu zahlen bereit ist.

Ob Fusionen gelingen oder nicht - eines ist immer sicher: Für Arbeitnehmer sind sie kein Vergnügen. Massenentlassungen sind nach den Zusammenschlüssen der Normalfall, etwa bei den jüngsten Bankenfusionen. Der Zusammenschluß von Chemical Banking und Chase Manhattan wird Tausende von Arbeitsplätzen kosten, genauso wie die geplante Fusion von Wells Fargo und der First Interstate Bank. Die Übernahmewelle ist daher mit dafür verantwortlich, daß die Zahl der Entlassungen in den Vereinigten Staaten derzeit wieder steigt. Zwischen Januar und Oktober strichen die amerikanischen Unternehmen laut der Arbeitsvermittlungsagentur Challenger, Gray & Christmas rund 343 000 Stellen. Damit haben seit Beginn des Aufschwungs im Frühjahr 1991 rund 2,5 Millionen Menschen ihren Job verloren. Dennoch ging die Arbeitslosenquote von 6,1 Prozent im vergangenen Jahr auf 5,5 Prozent heute zurück, weil die meisten der Fusionsgeschädigten schnell wieder einen Job fanden. "Die Zusammenschlüsse sind Teil der natürlichen Entwicklung einer flexiblen und dynamischen amerikanischen Wirtschaft", betont denn auch Michael Boskin, Wirtschaftsprofessor an der Universität Stanford, "die trotz all ihrer Probleme den höchsten Lebensstandard der Welt liefert."

Der Nachteil ist nur: Vom Wohlstand profitieren immer weniger Menschen. Denn wer eine neue Stelle finden will, muß sich meist mit einem geringeren Lohn zufriedengeben. "Der durchschnittliche Arbeitnehmer hat bisher nur die schlechten Seiten der Fusionswelle mitbekommen", meint denn auch der Ökonom Lawrence Mishel, Koautor einer Studie zur Einkommensverteilung für das Washingtoner Economic Policy Institute. Der Titel: "Profite rauf, Löhne runter: Die Verluste der Arbeiter bringen große Gewinne für die Unternehmen". Danach stagnieren nicht zuletzt wegen der Fusionen die Reallöhne für die große Mehrheit der Erwerbstätigen seit 1989 - während die Unternehmen immer bessere Ergebnisse einfahren.