Klirrend zerbrach der Spiegel in tausend Stücke. Schwarze Katzen liefen von links nach rechts. Anschließend wanderten die Teilnehmer des Treffens am Freitag, dem 13., im Gänsemarsch unter einer angelehnten Leiter hindurch. Der allen Aberglauben verspottende Unfug wurde im Hauptquartier der US-amerikanischen Skeptikerbewegung getrieben, in Amherst, New York. Deren "Committee for the Investigation of the Paranormal" überprüft kritisch populäre Behauptungen, die naturwissenschaftlichen Kenntnissen widersprechen. Werden derlei Behauptungen mit dem Anspruch vorgetragen, wissenschaftlich gesichert zu sein, dann handelt es sich um eine Parawissenschaft. Und jetzt gibt es also ein "Kleines Lexikon der Parawissenschaften", es reicht von Alchemie bis Zukunftsschau.

Das Präfix "para" weist diesem Wissenstyp eine Art Nebenexistenz zu: Er ist nicht nur para sondern auch Paria, also unterprivilegiert, und erhält keinen Zutritt zu den offiziellen Institutionen der Wissenschaft. Doch was ist Haupt-, was Nebenwissenschaft? Leider gibt es dafür keine feststehende Regel. Der Wissenschaftsbegriff ist normativ, eine Art Übereinkunft. Es gab Zeiten, da waren Astrologie und Alchemie als Wissenschaften anerkannt; sie sind es nicht mehr, weil ihre Hypothesen trotz langer Mühen nicht erhärtet werden konnten. Die Verabredung über die Zugehörigkeit zum Wissenschaftskanon (oder nicht) wird unablässig erneuert. Just das macht auch die Beschäftigung mit Parawissenschaften mehr als nur amüsant, nämlich auch intellektuell lohnend: Sie ist zugleich eine Art Verständigung über den Wissenschaftsbegriff.

Der eingangs erwähnten Skeptikerbewegung wird zuweilen vorgehalten, sie kapriziere sich nur auf das Entlarven. So sieht das auch Gerald L. Eberlein, Soziologieprofessor an der TU München und Herausgeber des neuen Lexikons. Seit vielen Jahren schon verwirrt der freundliche, humorvolle Mann sowohl Paragläubige als auch Skeptiker, indem er die Position des neutralen Beobachters einnimmt: Er weist immer wieder darauf hin, daß er das Thema soziologisch betrachte und daher nicht als Schiedsrichter auftreten mag. Manchmal sitzt es sich zwischen den Stühlen eben bequemer.

Eberleins Kenntnis des Gebiets und der Akteure ist jedenfalls bewundernswert, und um so gespannter durfte man auf sein Büchlein sein. Doch diesmal ist etwas schiefgegangen.

"Kritisch" hätten seine Autoren geschrieben, behauptet Eberlein im Vorwort. Das stimmt für viele Beiträge leider nicht. Denn wen beispielsweise ließ er über Wünschelruten schreiben? Einen Mitautoren des "Wünschelruten-Reports", einer statistischen Studie, die der Kritik nicht standgehalten hat. Und wer schrieb wohl den Satz "Es wäre an der Zeit, die Homöopathie gründlich zu erforschen"? Ein Homöopathieforscher. Kritisch schreiben einige Autoren zwar sehr wohl, nämlich über ihre parawissenschaftlichen Konkurrenten, doch nur, um sodann eigene Paratheorien zu verkünden.

Das ist ja alles auch erlaubt. Nur sollte das Publikum deutlich darauf hingewiesen werden, daß hier zum großen Teil Parawissenschaftler über Parawissenschaft schreiben. Würden, beispielsweise, Autoren aus der Atomindustrie ein Lexikon der Kernkraft schreiben, dann möchte der Leser auch dies gern wissen.

Extrem zeigt sich dieser Mangel in dem Beitrag über "Paraphysik"; dabei handelt es sich um den Versuch, für Hellsehen und ähnliches physikalische Deutungen zu finden. Dieser Wissenszweig benutzt allerhand Begriffe der modernen Physik, und dem Nichtphysiker fällt es schwer, den Unterschied zwischen Physik und Paraphysik auszumachen. Eberleins Buch hilft ihm dabei nicht. Gerade Paraphysiker beuten den Umstand aus, daß die Naturwissenschaft ungegenständliche Begriffe wie Kraft, Energie, Feld, Information und Dimension verwendet. Das sind zwar Konzepte, die mathematisch definiert und mit meßbaren Größen verknüpft sind, aber zugleich sind sie bildlich, ihr sprachlicher Ausdruck ist seltsam übersinnlich aufgeladen, lädt ein zu allerlei Hokuspokus. Es ist schon frappierend, was Wünschelrutenfans und Geistheiler alles über Energien, Felder, Wellen und Strahlen faseln, ohne eine physikalische Überprüfung ihrer Hypothesen anzubieten.

Bücher über Parawissenschaften gehen gemeinhin gut, der Beck-Verlag hat bereits Erfahrungen mit Ufos und Yetis. Das Interesse des Publikums ist groß. Es geschehen mitunter ja auch die wunderlichsten Dinge. So war im schottischen Provinzblatt Dundee Courier am 19. Juli 1995 die Beschreibung eines mysteriösen Grunzens zu lesen, das angeblich aus den Tiefen von Loch Ness kam. Die Insassen eines Mini-U-Bootes hatten es in dem legendären See vernommen.

Was war wohl da schon wieder los?

Gerald L. Eberlein (Hrsg.):

Kleines Lexikon der Parawissenschaften

Verlag C. H. Beck, München 1995;

184 S., 17,80 DM