Fritz Hartmann, von Geburt an blind, ist in der Nazizeit aufgewachsen. In seiner Umgebung wurde Hitler als Messias verehrt. Das Horst-Wessel-Lied ("Die Fahne hoch") konnte der Fritzel auswendig, sang es begeistert mit. Nur die Zeile "Der Tag für Freiheit und für Brot bricht an" wollte nicht über seine Lippen. Mit seiner ebenfalls blinden Schwester Else besuchte er die Blindenschule in Ilvesheim bei Mannheim. Dort paukten ihnen sehende Lehrer ein: "Ich bin geboren, deutsch zu fühlen, bin ganz auf deutsches Denken eingestellt . . ."

Deutsches Denken ließ sich im Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von 1933 studieren. Das "Erbgesundheitsgesetz" legalisierte die Zwangssterilisierung von insgesamt 400 000 psychisch Kranken, Behinderten und "sozial Lästigen". Fritz Hartmann erinnert sich noch heute: "Ich hatte Angstträume und wunderte mich, daß die Lehrer und auch die Blinden so feige waren und nicht wenigstens sagten, ihr Nazis seid Schweine." Unter den Sterilisierten war auch die Freundin seiner Schwester: "Daß man dieses stille, gescheite Mädel, das im übrigen später mehr als fünfzig Jahre lang Organistin in ihrer Kirchengemeinde war, sterilisiert hat, das zeugte doch davon, daß das Schweine waren, die so etwas taten."

Hartmann ist nach eigener Einschätzung einer der wenigen Blinden, welche die Nazizeit nicht ausblenden. So erzählt er auch, daß er 1936 in den HJ-Bann B (Blinde) gekommen ist. Daß es blinde Hitlerjungen gab, wissen nicht einmal NS-Forscher. Krüppel-Funktionäre und Sonderpädagogen, manche sicher im Glauben, etwas Gutes zu tun, kämpften schon früh um die Aufnahme der "Gebrechlichen" in die HJ. Für Blinde, Gehörlose und Taubstumme wurde 1934 je ein "Sonderbann" zugelassen. Die Körperbehinderten folgten 1935.

Die Hilfsschüler durften erst 1936 das "Ehrenkleid des Führers" anlegen. Voraussetzung war das Bestehen der "Pimpfenprobe", die neben sportlichen Leistungen die Kenntnis etwa des Horst-Wessel- und des HJ-Fahnen-Liedes verlangte. Der Bann K (Körperbehinderte) wurde bereits 1937 wieder aufgelöst.

Am eifrigsten betrieben Lehrer der Staatlichen Blindenanstalt Berlin-Steglitz die Aufnahme der "Lichtlosen" in die HJ. Einer von ihnen war Hellmuth Söllinger, SA-Mann seit 1928, ein, wie er sich selbst rühmte, "alter Nationalsozialist und junger Blindenlehrer". Schon in den ersten Wochen der NS-Herrschaft, im Februar 1933, war in der ältesten deutschen Blindenschule die blinde HJ gegründet worden. Wenige Monate später, im Dezember 1933, erschien der Weckruf, der sich im Untertitel Mitteilungsblatt für die Hitler-Jugend aller deutschen Blindenanstalten nannte. Das Blatt wurde in Punktschrift gedruckt, mußte aber zwecks Zensur in Schwarzschrift übersetzt werden. 1934 wurde das Steglitzer Blindenblatt zum amtlichen Organ der Reichsjugendführung für die blinde Hitlerjugend (Zeitschrift für die national-sozialistische blinde Jugend).

Sonderschulrektor Uwe Benke ("Wie blind ist die blinde Hitlerjugend?") hat die Geschichte der Steglitzer Blinden-HJ aufgearbeitet. Zwei Photos aus dem Anstaltsalltag erscheinen geradezu makaber: Die eine Aufnahme zeigt blinde Mädchen, die im Rassekundeunterricht sogenannte Rasseköpfe ("Neger") betasten. Das andere Bild zeigt blinde HJ-Angehörige, die mit leerem Blick den Hitlergruß üben. Die "Lichtlosen" durften Uniform tragen, mußten aber die HJ-Armbinde durch die Blindenbinde (drei schwarze Kreise auf gelbem Tuch) ersetzen. Blinde mit schweren körperlichen Gebrechen durften das braune "Ehrenkleid" zwar anziehen, aber das Anstaltsgelände nicht verlassen. Schwachsinnigen Blinden war die Aufnahme in die HJ grundsätzlich versagt. Ein Pädagoge: "Jungen, die rechtsum und linksum nie lernen, kann die HJ nicht gebrauchen . . . Der Hitlerjunge in seiner schmucken Uniform darf in seinem Gesicht keine Züge geistiger Verblödung tragen."

Ein Blinder erkannte schon früh die braune Gefahr: Rudolf Kraemer, der dank reicher Eltern eine allgemeine Schule besucht und in Jura und Philosophie promoviert hatte. Im Februar 1933 erschien seine Schrift "Kritik der Eugenik vom Standpunkt des Betroffenen". Hellsichtig warnte Kraemer davor, "nur aus Gründen der Nützlichkeit dem höchsten Rechtsgut, dem Leben", den Schutz zu entziehen.