Er hat sie nicht gehalten. Auf einer Veranstaltung in Hamburg erklärte der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, zwar, er habe am neunten November 1989 in der Frankfurter Synagoge die Rede gehalten, mit der der damalige Bundestagspräsident und heutige Botschafter Deutschlands beim Vatikan, Philipp Jenninger, sich am zehnten November 1988 innerhalb weniger Stunden aus dem zweithöchsten Amt der Republik katapultiert hatte. Inzwischen aber hat Bubis jedem, der es genauer wissen wollte, erklärt, daß er nur große Abschnitte aus der Jenninger-Rede übernommen, aber natürlich nicht die ganze Rede noch einmal gehalten habe.

Philipp Jenningers Rede vor dem bundesrepublikanischen Parlament war ein Skandal gewesen. Der Bundestagspräsident hatte sich die Gelegenheit erkämpft - die Grünen hatten den damaligen Vorsitzenden des Zentralrats, Heinz Galinski, als Redner vorgeschlagen - und sie genutzt, um sich in die Seelen der Täter und Mitläufer der Nazizeit zu versetzen. Dabei kam es zu Reflexionen wie diesen: "Was die Juden anging, hatten sie sich nicht in der Vergangenheit doch eine Rolle angemaßt, die ihnen nicht zukam? Mußten sie nicht endlich einmal Einschränkungen in Kauf nehmen? Hatten sie es nicht vielleicht sogar verdient, in ihre Schranken gewiesen zu werden?" Über weite Strecken blieb den erschrockenen Zuhörern unklar, wo Jenninger selbst sprach und wo er zitierte. Als man die Rede später nachlesen konnte, stellte man fest, daß Jenninger kaum Falsches gesagt hatte. Aber er hatte alles falsch gesagt. Sebastian Haffner erklärte damals: "Jenninger hatte kein Gespür für den Anlaß. Wenn ein Mensch ermordet worden ist, spricht man an seinem Grab auch nicht von der interessanten Persönlichkeit des Mörders."

Aus dieser Rede bediente sich 1989 Ignatz Bubis: "Seit zwanzig Jahren hielt ich Reden zur Erinnerung an die Pogromnacht 1938. Mir fiel nichts Neues mehr ein. Da griff ich nach Jenningers Text." So Ignatz Bubis heute. Er lächelt freundlich dazu. "Natürlich habe ich die schlimmen Stellen nicht genommen."

Hat er sich nicht bübisch gefreut, als er große Passagen aus Jenningers Vortrag einem ahnungslosen Publikum zur Kenntnis brachte? Er lacht. Nickt er? Nein. Er lacht noch einmal. Dann schüttelt er den Kopf: "Nein, ich hatte Angst, daß einer der Journalisten es merken würde."

Aber Jenningers Auslassungen waren doch nicht irgendein beliebiger, unverdächtiger Steinbruch. Es war die erste große Rede, in der ein Bundestagspräsident sich um Einfühlung in die Nazimentalität bemühte. Nicht am Stammtisch, in irgendeinem Hinterzimmer, sondern vor dem Parlament; und nicht anläßlich einer Fachtagung über die Wurzeln des Rechtsradikalismus, sondern bei einer Veranstaltung zum Gedenken an den Auftakt zur mörderischen Phase der Judenverfolgung.

Bubis' lächelnd vorgetragene Antwort: "Aber die Rede war ja im wesentlichen eine gute Rede. Nur schlecht gehalten. Darum mußte Jenninger gehen . . ." Nein, er kennt ihn nicht näher. Er hat ihn nur auf dem Empfang nach der Rede im Bundestag getroffen. Bubis hatte im Bundestag gesessen und Jenningers Rede gehört. Er hatte nur wenig Anstößiges darin gefunden. Natürlich sei es Unsinnn von Hitler als einem Faszinosum zu sprechen, und die zahllosen Anführungszeichen habe man beim Vortrag leicht überhören können . . .

Als ein Jahr später Ignatz Bubis nach seiner Jenninger-Rede nach Hause kam, sah er im Fernsehen die Bilder vom Fall der Berliner Mauer. Nun kam wieder zusammen, was zusammengehört. In dieser Nacht des neunten November entstand nicht nur das neue Deutschland, sondern auch - wie wir erst jetzt erfahren haben - der neue deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens.