WANDKALENDER

Arche Literatur Kalender. Beim Thema dieses Jahres, "Die Familie", sind wir alle Opfer, äh: Täter. Väter & Söhne und Väter & Töchter, Mütter & Töchter und Mütter & Söhne. Und die Tanten. Und erst die Kusinen. Und Oma & Opa. Man ahnt, aus welcher Fülle von Texten Klaus Blanc und Elisabeth Raabe (Photoauswahl: Regina Vitali) schöpfen konnten. Doch gibt es auch Trost. Papa Fontane sitzt neben Tochter Mete auf der Treppe vor dem Haus, und wir lesen, was der Märker vor hundert Jahren notiert hat: "Freundschaft und Liebe verschwinden immer mehr; in der Familie kommen diese Luxusartikel noch vor, weil die Familie nichts ist als ein auf 3 oder 5 (höhere Zahlen sehr selten) erweitertes Individuum, das von ein und demselben Egoismus inspiriert wird . . . Aber sowie man über den Kreis der Familie hinaus ist, beginnt die Sahara." (Arche Verlag, Zürich/Hamburg; 57 Blätter, farbige Photos, 32,- DM)

Aufbau Literatur Kalender. Auch hier für jeden Wochenbogen einen Text und ein Bild, im März etwa Blätter aus dem Herbarium, das Rosa Luxemburg 1916 als politisch Inhaftierte im Gefängnis angelegt hat; dazu die tröstenden Worte der Frau im Zuchthaus an die Freundin draußen, in der "Freiheit", an Sophie Liebknecht: "Sie fragen: ,Wie kommt es, daß Menschen über andere Menschen entscheiden dürfen? Wozu ist das alles?` Mein Vöglein: die ganze Kulturgeschichte der Menschheit basiert auf der ,Entscheidung von Menschen über andere Menschen`, was in den materiellen Lebensbedingungen tiefe Wurzeln hat. ,Wozu?` - ist überhaupt kein Begriff für die Gesamtheit des Lebens und seine Formen. Wozu gibt es Blaumeisen auf der Welt?" Daß die Kalendermacher in der DDR groß geworden sind, merkt man auf keineswegs unangenehme Art: So erinnern beide Kalender, Arche und Aufbau, am 8. März an die Geburtstage von Robert Wolfgang Schnell und Heinar Kipphardt, an die Todestage von Sherwood Anderson und Hubert Fichte; während bei Arche die am 8. März 1879 geborene Mechthild Lichnowsky erscheint, hält Aufbau das Gedenken wach an die am selben Tag geborenen Autoren Walter Jens, Juri Rytchëu, Harry Thürk - und an den Internationalen Frauentag. (Redaktion: Günther Drommer, Gestaltung: Ute Henkel: Aufbau-Verlag, Berlin; 24,90 DM)

Kleiner Bruder. Diesen Gedichte-Kalender werden im 12. Jahr manche schon ihren Großen Bruder als Jahresbegleiter nennen. Legt doch Traugott Giesen, Pastor in Keitum auf Sylt, stets Wert darauf, auch "an die Verkehrtheiten der Welt" zu erinnern, nicht nur "schöne" Verslein zu drucken. Wie immer sind unter den 25 Gedichten, die man zwei Wochen lang lesen und sich einprägen kann, ein Sonett, ein Gedicht in antikem Metrum, ein Choral und ein Volkslied. Besonders schön macht sich zwischen Reimen von François Villon und Jesse Thoor, Fontane und Sarah Kirsch der Lobpreis Erich Kästners für den Monat Mai ("der Mozart des Kalenders"). Der fällt für diesen ironischen Skeptiker geradezu hymnisch aus: "Die Zeit versinkt in einer Fliederwelle, / O, gäb' es doch ein Jahr aus lauter Mai!" (Verlag Langewiesche-Brandt, Ebenhausen; 22,- DM)

Fliegende Wörter. Diesen Postkartenkalender kann man auch auf den Tisch stellen, da ist er vielleicht sogar besser aufgehoben. Denn jede Woche kann man ein Gedichtblatt abreißen und als Postkarte verschicken. "52 Qualitätsgedichte zum Verschreiben und Verbleiben" verspricht der Verlag. Ein ganzes Jahr muß warten, wer dieses Gedicht verschicken will, das vor mehr als achthundert Jahren Fujiwara Toshinari in Japan mit dem Pinsel gemalt hat unter dem Titel "Jahresschluß": "Bei jedem Heute denke ich: / heute könnte es zu Ende gehn. / Und siehe, auch dieses Jahr habe ich wieder erlebt!" (Herausgegeben von Hiltrud Herbst, Doris Mendlewitsch, Ulrike Schräder-Kleikamp; Daedalus Verlag, Oderstraße 25, 48145 Münster; 24,80 DM)

Isolde Ohlbaum: Autorenporträts. Schon ein Klassiker. Die zwölf Autoren, lebende und tote, Dürrenmatt und Enzensberger, Borges und Rushdie, Gisela Elsner und Michael Krüger, schauen freundlich oder kritisch von der Wand. (ars vivendi verlag, Egersdorfer Straße 12, 90556 Cadolzburg; 39,80 DM)

Isolde Ohlbaum: Denn alle Lust will Ewigkeit. Die immer neugierige Photographin hat für ihren 1992 erschienenen Bildband die faszinierende, in manchen Ländern laszive Erotik lebensgroßer Frauenfiguren auf Friedhöfen entdeckt. Zwölf Aufnahmen aus dem Band sind für diesen Kalender ausgewählt. (ars vivendi verlag, Egersdorfer Straße 12, 90556 Cadolzburg; 48,- DM)