Der Titel des Buches könnte bei erstem Hinsehen mißtrauisch stimmen. Aber was hier vorliegt, ist weder eine grobschlächtige Polemik noch der Klagegesang unbelehrbarer Einheitsgegner oder DDR-Nostalgiker. Schon die Herausgeber bürgen dafür: Wolfgang Dümcke ist ein kritischer DDR-Wissenschaftler, der dem untergegangenen SED-Regime nichts schenkt, und Fritz Vilmar ist zwar ein überzeugter demokratischer Sozialist, aber einer von der Sorte, die in der DDR permanent im Knast gesessen hätten. Beide Herausgeber - der Dozent der Humboldt- Universität (Berlin Ost) und der Professor der Freien Universität (Berlin West) - haben sich nach der Wende zusammengefunden, um als Wissenschaftler den politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Prozeß der deutschen Vereinigung zu begleiten.

In einem mehrjährigen gemeinsamen Forschungsseminar haben sie junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beider Universitäten zusammengeführt und sie sich in die Problematik der deutschen Vereinigung detailliert einarbeiten lassen. Das Ergebnis dieser fast vierjährigen Arbeit findet sich in dem Buch: zwanzig Einzelbeiträge (darunter auch einige der Herausgeber selbst) - eingeführt und abgeschlossen von grundsätzlichen Erörterungen Dümckes und Vilmars.

Die Grundtendenz der Beiträge ist kritisch; aber diese Kritik richtet sich nicht gegen die Vereinigung als solche, sondern gegen das Wie des Vereinigungsprozesses. "Es hat grundlegende und partielle Alternativen gegeben, die das Leben für die Menschen im Osten erträglicher, zukunftsorientierter und würdiger . . . hätten machen können", ist die im Vorwort formulierte Grundthese der Herausgeber.

Drei große Themenbereiche werden behandelt: 1. Die politisch-gesellschaftliche Vereinnahmung der DDR durch die BRD; 2. die Umstrukturierung der Wirtschaft nach dem westdeutschen Modell; 3. die planmäßige Auflösung der - trotz aller inneren Distanz zum SED-Regime - in über vierzig Jahren gewachsenen sozialen und kulturellen Identität der DDR-Bürger.

Manche der im Buch dargestellten Alternativen mögen den Lesern aus der Sicht der alten BRD unrealistisch erscheinen. Sie sollten jedoch bedenken, daß sie oftmals nur deshalb so realitätsfern anmuten, weil die einseitig vom Westen bestimmten ökonomischen, politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen von vornherein darauf abgestellt waren, solche Alternativen gar nicht erst möglich werden zu lassen.

In exemplarischer Deutlichkeit tritt das bei der praktisch gescheiterten Verfassungsreform zutage. Die konservative Mehrheit der sogenannten Verfassungskommission - vom Westen beherrscht - vertrat den Standpunkt: Das Grundgesetz hat sich bewährt, es gibt nichts Wesentliches zu ändern. Daß gerade die demokratisch-oppositionellen Kräfte der alten DDR auf diesem Gebiet Wichtiges beizutragen hatten (zum Beispiel den kompletten Verfassungsentwurf des Runden Tisches), wurde schlicht nicht zur Kenntnis genommen. Hingegen wurden die mitgliederstarken SED-hörigen bürgerlichen Blockparteien umstandslos in die Westparteien übernommen und konnten mit intakter Infrastruktur einfach weiterarbeiten, während die Parteien der demokratischen Opposition - SPD und Bündnis 90/Die Grünen - mühsam neu gegründet werden mußten. Sie haben diesen Startnachteil bis heute nicht ausgleichen können.

Auf derselben Ebene liegt die umstandslose Übernahme der ostdeutschen Presse durch westdeutsche Großverlage, einzig und allein auf Grund von deren überlegener Kapitalkraft. Eine ironische Pointe dieser Entwicklung ist übrigens, daß gerade das ehemalige Zentralorgan der DDR-Staatspartei, das Neue Deutschland, dieser Vereinnahmung widerstehen konnte und nun auf dem Felde der überregionalen Tageszeitungen das einzige Blatt im östlichen Besitz ist. Die "Demokratisierung" der ostdeutschen Rundfunkanstalten durch den erzkonservativen CSU-Journalisten Mühlfenzl sei als weiteres Beispiel nur am Rande erwähnt.