Die Teilnehmer am Kongreß Ethik und Wirtschaft im umbrischen Faligno horchten auf. Was da Italiens Notenbankchef Antonio Fazio über den Mezzogiorno sagte, das in Italien und ganz Europa als beklagenswert arm und rückständig bekannte Armenhaus Süditaliens, klang trotz des trockenen finanzwissenschaftlichen Tons sensationell. "Das verfügbare Gesamteinkommen übersteigt die Ausgaben für Konsum und Investitionen. Und daraus entsteht eine in gewisser Weise paradoxe Situation", dozierte der Notenbankchef: "Die private Sparquote übersteigt erheblich die Investitionen."

Roms Notenbankgouverneur begründete dies Phänomen vor allem damit, daß im Süden Italiens kaum jemand investiert - am wenigsten die Einheimischen. Die legen das Geld, das der Staat ihnen zukommen läßt - Antonio Fazio sprach diskret von "Einkommensübertragungen" -, am liebsten wieder in Staatsschuldscheinen an, denn die bringen den höchsten Zins. Weil wenig investiert wird, fehlen Arbeitsplätze. Und die in Süditalien tätigen Banken können dort im Verhältnis zu den Spareinlagen nur drei Fünftel ausleihen - in Norditalien sind es vier Fünftel der Einlagensumme. Dafür entstehen in Süditalien dreimal so viele Kreditausfälle: Großbanken wie Banco di Sicilia und jetzt Banco di Napoli sind nur durch Intervention der Regierung vor dem Zusammenbruch gerettet worden (siehe Kasten).

Ist also Süditalien ein Faß ohne Boden, in das der Rest Europas auf Dauer immer neues Geld hineingeben muß? Oder ist der Mezzogiorno vielmehr eine besondere Wirtschaftsregion, deren Ökonomie eigenen, dem übrigen Kontinent wenig verständlichen Gesetzen folgt? Beides scheint zutreffend.

Fast ein halbes Jahrhundert lang hat der italienische Staat einen im Verhältnis zur Bevölkerung überproportionalen Teil seiner Finanzmittel in den Mezzogiorno hineingepumpt. Das Ergebnis ist kläglich, wenn es daran gemessen wird, in welchem Umfang Süditalien nach all diesen Hilfen am Entstehen des Sozialproduktes beteiligt ist. In diesem Gebiet wohnen 36 Prozent aller Italiener. Die aber tragen nur mit einem Viertel zum Sozialprodukt bei, bestreiten nur ein Fünftel des nationalen Steueraufkommens und erarbeiten noch nicht einmal ein Zehntel der italienischen Ausfuhr. Damit nicht genug: Die Produktionskosten sind in Süditalien vergleichsweise höher als im Norden des Landes. Und obwohl ein Fünftel der Süditaliener arbeitslos gemeldet ist, hat kürzlich eine Umfrage der Notenbank unter 700 dort tätigen Betrieben der mechanischen Industrie ergeben, daß 46 Prozent dieser Unternehmen im Laufe dieses Jahres im Mezzogiorno Facharbeiter suchten und nicht genügend fanden.

Die typische süditalienische Familie hat ein oder zwei ihrer Mitglieder im Staatsdienst beschäftigt. Süditalien ist überzogen von einer allgegenwärtigen, wenn auch uneffizienten öffentlichen Verwaltung. Ein Sizilianer oder Kalabrese, der als Postbeamter in Norditalien seinen Dienst beginnt, hat nach fünf Jahren das unwiderrufliche Recht auf Beschäftigung in seiner Heimat, gleichviel ob er dort überhaupt sinnvolle Arbeit tun kann.

Die süditalienische Durchschnittsfamilie erreicht nach den Daten des staatlichen statistischen Instituts Istat nur siebzig Prozent des durchschnittlichen Familieneinkommens in Mittel- und Norditalien. Allerdings: Diese Rechnung läßt außer acht, daß im Süden viel mehr Italiener im eigenen Hause wohnen, daß sie noch sehr häufig ihre Nahrungsmittel nebenher auf eigenem Land produzieren und tauschen, daß charakteristische Arbeiten im Bauwesen und bei jeder Art von Dienstleistungen schwarz erfolgen - sogar der Rechtsanwalt verschmäht als Honorar keineswegs ein paar Portionen Tintenfische, wenn er einen Fischer vor Gericht vertritt.

Werden diese zusätzlichen Wertschöpfungen auch nur vorsichtig in die Rechnung einbezogen, dann steigt das Durchschnittseinkommen in Süditalien auf 76 Prozent des Wertes für Nord- und Mittelitalien. In Konsum und Aufwand haben sich die charakteristischen Ausgaben zwischen Nord und Süd weitgehend angeglichen: Der Verbrauch an elektrischer Energie je Einwohner hat sich im Süden innerhalb der vergangenen beiden Jahrzehnte verdoppelt und entspricht jetzt dem Landesdurchschnitt. Und wenn der Müll als Indiz für den erreichten Lebensstandard gelten soll: Ein Neapolitaner produziert heute mit 500 Kilo Abfall im Jahr die gleiche Menge wie ein Mailänder. Auch wenn das familiäre Durchschnittseinkommen der Süditaliener noch immer unter dem ihrer Landsleute im Norden liegt, so übersteigt es doch inzwischen dasjenige anderer Randgebiete Europas wie Irland, Spanien oder Portugal.