Vier Räuchermännchen standen in diesem Jahr schon vor deutschen Gerichten.Sie kamen aus China.Alle vier wurden abgeschoben, zurück in die Kartons, verbannt von allen Weihnachtsmärkten!Der Grund: Sie sahen deutschen Räuchermännchen allzu ähnlich. Der "Kunstmaler" zum Beispiel: flachsblond, weißer Kittel, roter Schal, Baskenmütze, einen Pinsel in der einen, eine Farbpalette in der anderen Hand.Anfang des Jahres war er vor das Landgericht Leipzig, Zweite Kammer für Handelssachen, geladen worden.Etwas kauzig wirkte er in seinen Pantoffeln und mit der Pfeife im Mundwinkel, aber auf den ersten Blick durchaus nicht kriminell.Im Gerichtssaal befand sich jedoch ein zweites Exemplar.Ähnlicher Kittel, ähnlicher Schal und Baskenmütze, F arbpalette in der einen, Pinsel in der anderen Hand.Die beiden hätten Zwillingsbrüder sein können. Doch der eine stammte aus China und der andere aus dem nahe gelegenen Erzgebirge. Das Landgericht Leipzig kam zu dem Schluß, daß diese Ähnlichkeit kein Zufall sein konnte.Es untersagte dem Importeur der chinesischen Räuchermänner, das Modell weiter zu vertreiben.In Sachen Räuchermänner und Doppelgänger wurden danach noch drei weitere Prozesse geführt.In allen Fällen bekamen die Kläger, Kunsthandwerker aus dem Erzgebirge, recht.Die Geschäfte mit den beklagten Nachahmungen aus Fernost wurden verboten.Sollte der aus dem Verkehr gezogene Kunstmaler noch einmal irgendwo au fgegriffen werden, droht seinem Importeur eine Ordnungsstrafe von 500 000 Mark, ersatzweise Ordnungshaft bis zu sechs Monaten. "Die verstehen da unten doch gar nicht", sagt Dieter Uhlmann und meint die Leute in China, "was die Holzkunst für die Region hier bedeutet."Uhlmann ist Geschäftsführer des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller.Der Verband hat seine Mitglieder nicht nur dazu ermutigt zu prozessieren, sondern die Kläger auch finanziell dabei unterstützt.So wurden Privatdetektive beauftragt, die Nußknacker observierten und verdächtige Räuchermännchen in Gewahrsam nahmen.Alles Beweismater ial!Denn eine Schlappe wie im vergangenen Jahr auf der Spielwarenmesse in Nürnberg sollte den Sachsen nicht wieder passieren.Dort war bei einem Aussteller ein Plagiat entdeckt worden.Als einer der Kunsthandwerker dagegen eine einstweilige Verfügung b eim Landgericht in Nürnberg erwirken wollte, scheiterte er an der Chuzpe des Importeurs.Der legte eine Art Urheberrechtsurkunde vor - auf chinesisch. Die vier gewonnenen Prozesse, so hoffen die Väter der Originalfiguren, werden in der Branche und in der Öffentlichkeit wie Rauchzeichen wirken und immer mehr Menschen dazu bringen, die qualmenden China-Männer zu boykottieren.Die echten Figuren sind zu erkennen an einem Stempel oder einem Schild mit dem Hinweis auf das Erzgebirge, Etikettenschwindel hat man den Nachahmern nämlich noch nicht nachweisen können. Manchmal wagen sie einen Schriftzug wie "Original Handarbeit" oder verkaufen ihre Figuren unter der Überschrift "Zweite Wahl aus dem Erzgebirge".Meistens aber ist die Volkskunst aus Fernost nicht gekennzeichnet.Man kann sie aber an der wenig sorgfältigen Bemalung identifizieren.Gewißheit habe man, so die Bewahrer echter deutscher Volkskunst, spätestens nach einem Jahr, dann nämlich würden die Räuchermännchen aus China, soweit sie noch nicht verschimmelt seien, wegen der Feuchtigk eit des Holzes bald auseinanderfallen. Große Unterschiede gibt es beim Preis: Während die Kunstmalerfigur aus dem Erzgebirge im Laden etwa fünfzig Mark kostet, ist der Kollege aus China schon für fünf, höchstens zehn Mark zu haben.Nicht verwunderlich bei den niedrigen Löhnen in China."Schon für eine Handvoll Reis am Tag" leimen, wie die Erzgebirgler mutmaßen, die Asiaten eifrig deutsches Kulturgut zusammen. Anfangs hielten sie sich dabei nicht an die Vorgaben, so daß plötzlich gelbhäutige Engel Trompete bliesen und Nußknacker mandeläugig auf den europäischen Markt gelangten.Diese Eskapaden haben die deutschen Auftraggeber ihren chinesischen Bastlern schnell ausgetrieben.Ein "Sächsischer Trommler" aus Kanton gleicht nun aufs Schnurrbarthaar dem Rest der deutschen Kompanie, auch wenn an seinem Rücken nur ein fusseliger Webpelz klebt. Während die Weihnachtsfiguren aus China auf eine Tradition von zwei bis drei Jahren zurückblicken können, sind es im Erzgebirge ein paar hundert Jahre mehr.Schon im 17.Jahrhundert sind dort die ersten Drechslereien entstanden.Und als sich die Zinnvorkommen, lange Zeit die einzige Einnahmequelle in dieser Gegend, dem Ende zuneigten, begannen arbeitslose Bergleute, Haushaltswaren und Spielzeug aus Holz herzustellen. Bis heute haben sich Familienbetriebe erhalten, die in dritter oder vierter Generation Engel drechseln und Spieluhren bauen.Das Dekorieren und Bemalen der Figuren geschieht überwiegend in Handarbeit.Im Seiffener Nußknackerhaus, dem Geburtshaus des Kunstmalers, streicht Geschäftsführer Klaus Kaden über die rauhe Oberfläche eines Holzrohlings."In China", sagt er, "würden die das so lassen."In Seiffen aber wird der Rumpf einer Figur an einer Handdrechselbank geglättet.Zwei Räume weiter malen Fr auen Krankenschwester-Engeln Schürzen auf den Bauch oder ziehen Kurrende-Sängern die Augenbrauen nach."Bei uns ist jeder mit Leib und Seele dabei", sagt Klaus Kaden und vermutet: "In China könnten die doch genausogut Fleischklopfer zusammenleimen." Nach der Wende wehte der rauhe Wind der freien Marktwirtschaft im Erzgebirge besonders eisig.Zu DDR-Zeiten waren die "geflügelten Jahresendfiguren", so die sozialistische Vokabel für Engel, als Devisenbringer willkommen und wurden hoch subventioniert.Als mit der Mauer auch die Abnahmegarantie für ihre Erzeugnisse wegfiel, mußten sich die Kunsthandwerker selbst auf dem Markt behaupten und, um überhaupt kostendeckend zu arbeiten, die Preise drastisch erhöhen.Das schreck te die Einkäufer ab.Die Umsätze sanken dramatisch.Etwa die Hälfte der Arbeitsplätze im erzgebirgischen Kunstgewerbe mußte abgebaut werden.Heute hat sich die Branche von diesem Schock erholt.Sie zählt weiterhin zu den wichtigsten Arbeitg ebern der Region und verzeichnet wieder steigende Umsätze. Die Freude wäre groß, würde sie nicht durch die Importe chinesischer Räuchermänner getrübt."Zehntausende von Mark", glaubt Klaus Kaden vom Seiffener Nußknackerhaus, sind seinem Unternehmen durch die Plagiate schon entgangen.Die Importeure, in seinem Fall ein Geschäftsmann aus dem Emsland, würden genau die Figuren kopieren, die bisher Marktrenner waren.Sie reisten mit einem Original im Koffer nach China und suchten sich kleine Betriebe, die die Modelle billig nachbauen könnten.Im Katalog des Impo rteurs sei mitunter das Original abgebildet, geliefert werde aber der Nachbau aus Fernost. Matthias Thomas ist der Anwalt der Räuchermännchen aus dem Erzgebirge.Gemeinsam mit einer Münchner Kanzlei hat er sie vor Gericht vertreten.Seine Erfahrung mit hölzernen Mandanten rührt noch aus der Zeit, als er in der DDR als Patentingenieur im Kombinat Erzgebirgischer Volkskunst tätig war.Kein Chinese kann ihm etwas vormachen.Thomas weiß genau, zu welchem Zeitpunkt man dazu überging, den Holzkopf vorn an den Rumpf zu kleben, wann man von der "Rotationssymmetrie" des Körpers Abstand nah m und die Idee verwirklichte, durch ein Verdrehen angeschrägter Holzzylinder einen Buckel anzudeuten."Der Grundansatz bei Rauchfiguren ist immer der gleiche", erklärt er, "dargestellt wird ein alter Mann, der mit sich und der Welt zufrieden ist." Vor dem Landgericht Leipzig wurden der Kunstmaler aus China und sein Importeur bezichtigt, gegen das Geschmacksmustergesetz verstoßen zu haben, ein Gesetz, das dazu dient, Stoffmuster, Schmuckstücke oder auch die Form von Kartoffelchips vor Nachahmungen zu schützen.Ein wesentliches Kriterium für die Anwendung dieses Gesetzes ist die Frage, ob es sich bei einem Produkt um Dutzendware oder um - so das Gericht - "das Ergebnis einer eigenpersönlichen, schöpferischen Tätigkeit" hand elt.Das Urteil der Richterin war eindeutig: "Die Eigentümlichkeit des Geschmacksmusters der klägerischen Rauchfigur ist zu bejahen." Eine Gegenüberstellung gab dann letzte Gewißheit.Die gebeugte Haltung, der vorn angesetzte ovale Kopf und die Art der Bekleidung der Figuren stimmten überein, befand das Gericht, der Tatsache, "daß die Haare, die Bemalung auf dem Malermantel und die Knöpfe eine andere Farbgestaltung aufweisen und der Pinsel andersherum gehalten wird", komme keine entscheidende Bedeutung zu.Wichtig sei der ästhetische Gesamteindruck, und der stimme bei den Figuren überein.So erging im Namen des Volkes das Urteil, das dem Importeur untersagt, Räuchermännchen dieses Typs weiter zu vertreiben.Der kleine hölzerne Chinese wurde in einer Gerichtsschublade in Gewahrsam genommen. Für die Kunsthandwerker aus dem Erzgebirge aber ist der weihnachtliche Frieden damit noch nicht gesichert.Die vier gewonnenen Prozesse schützen nur die Figuren, die dort als Zeugen auftraten.Sobald die Spielzeugmacher eine neue Figur entwickeln, haben die Fälscher auch ein neues Modell."Manche Importeure mögen sich von den Urteilen abschrecken lassen", sagt Patentanwalt Thomas, andere würden weiter ihr Unwesen treiben.Auch das Deutsche Patentamt, Dienststelle Berlin, in dessen Kartei meh r als hundert Räuchermännchen aus dem Erzgebirge quasi steckbrieflich registriert sind, kann Plagiate nicht verhindern.Es sammelt nur Geschmacksmuster, überwacht aber nicht deren Schutz.Deshalb ist weiterhin die Arbeit von Privatdetektiven gefrag t."Wir haben die gerade wieder recherchieren lassen", sagt Dieter Uhlmann vom Verband der Kunsthandwerker.Sie sind schon wieder unterwegs, die Matulas der Weihnachtsmärkte.