Früher verehrten die Naturvölker in Russisch Fernost den Tiger als Gott. "Er behütet die Ginsengwurzel vor den Menschen", sagte Dersu Usala. Der weise Jäger vom Volk der Nanaier war zufällig dem Geologen Wladimir Arsenjew begegnet, jenem Forscher, der Anfang des 20. Jahrhunderts den noch fast unbekannten Landzipfel unterhalb Sibiriens und hinter China erkundete. Arsenjew war begeistert von Dersus Erfahrungswissen, wie der Jäger Wind, Wasser, Erde, Pflanzen und Tiere als Personen respektierte. Dersus Geschichte, in zwei Bänden von Arsenjew festgehalten, inspirierte den Japaner Kurosawa zu einem Filmepos und eine russische Arzneimittelfirma zu einem Markennamen: Dersu-Kräutertee. Das Etikett der bunten Blechdose verspricht Kraft und innere Ruhe.

Als der Geologe Arsenjew mit seinem Troß durch die Wälder an der Pazifikküste zog, ging es den Ureinwohnern und den Tigern bereits schlecht. Nicht so sehr durch den Einfluß der Russen und ihrer kolonialen Bastionen Chabarowsk und Wladiwostok. Überall in der Wildnis traf Arsenjew auf kleine Chinesensiedlungen. Diese Einwanderer behandelten die Ureinwohner ähnlich wie amerikanische Pioniere die Indianer: Schnaps, Wucherzinsen und Hungerlöhne verwandelten Jäger und Sammler in demoralisierte Tagelöhner.

Für die Tiger bedeutete die chinesische Besiedlung höchste Gefahr. Denn wie Nashörner, Bären und Schlangen gehören die Großkatzen zu den begehrten Rohstoffen traditioneller chinesischer Heilkunde. Tigertinkturen, -pillen und -salben sollen gegen Rheuma, Malaria, Geschwüre und viele andere Gebrechen helfen. Außerdem stärken sie angeblich die Manneskraft.

Kein Frosch, keine Ginsengwurzel, kein Tiger war vor den Sammlern sicher. Sie plünderten die Taiga aus. Arsenjew beschrieb die Hütten, in denen sich Hirschgeweihe, Bärengallen, Moschustierdrüsen und andere Tierteile stapelten. Nach jahrzehntelangem Raubbau waren 1947 noch ganze 30 Exemplare des Panthera tigris altaica übrig.

In letzter Minute wurde diese größte Unterart des Tigers unter Schutz gestellt. Stalins grausame Umsiedlungen kamen den Wildtieren ebenfalls zugute, er vertrieb die meisten Chinesen und Koreaner aus dem Fernen Osten der Sowjetunion nach Kasachstan. Anfang der neunziger Jahre streiften wieder über 300 Tiger durch die Taiga am Pazifik: ein durchaus gesunder Bestand, denn sehr zahlreich war der Amurtiger nie. Vermutlich lebten auch vor der Besiedlung nie mehr als etwa 800 Exemplare gleichzeitig.

Eine Erfolgsgeschichte des Artenschutzes schien abgeschlossen. Der gerettete Tiger avancierte zum Wahrzeichen der Amur-Ussuri-Region. Sein Bronzestandbild grüßt über dem Hafen von Wladiwostok, sein Konterfei schmückt den hochprozentigen Ussurisk-Wodka, ziert Reklametafeln, Ortsschilder und Anstecknadeln. Doch mit dem Zusammenbruch des Kommunismus verloren viele Menschen ihren Job und die Behörden ihre Autorität. Die Anständigen sind hoffnungslos und entmutigt, die anderen kriminell.

Wenn früher Wilddiebe zufällig einem Tiger begegneten, ließen sie ihn in Ruhe. Denn das Spitzelsystem war allgegenwärtig, niemand hätte unbemerkt eine tote Raubkatze verkaufen können. Und seit dem Chruschtschow-Mao-Konflikt Mitte der sechziger Jahre war China für Russen unerreichbar. Die Grenze glich dem Eisernen Vorhang. Das hat sich gründlich gewandelt.