Das Programm, mit dem die Vereinten Nationen nach den Katastrophen des Zweiten Weltkrieges gegründet worden sind, verspricht die internationale Durchsetzung von Menschenrechten und Demokratie. Diese Menschenrechtspolitik hat den Verdacht hervorgerufen, das Hegemoniestreben und die blanke Vorherrschaft der westlichen Kultur nur zu verschleiern. Nach dem Zerfall des Sowjetimperiums und dem Ende einer gesellschaftspolitisch begriffenen Polarisierung der Welt werden Konflikte zunehmend unter kulturellen Gesichtspunkten definiert - als der Zusammenprall von Völkern und Kulturen, die in ihrem Selbstverständnis durch den traditionellen Gegensatz der Weltreligionen geprägt sind. In dieser Situation stellt sich uns Europäern vor allem die Aufgabe einer interkulturellen Verständigung zwischen der Welt des Islam und dem jüdisch-christlich geprägten Westen.

Karl Jaspers ist der Überzeugung, daß die Philosophie eine Denkungsart zu fördern vermag, die den Religionsfrieden ein zweites Mal, dieses Mal weltweit, ermöglicht. Auch die eigene philosophische Arbeit stellt Jaspers in den Dienst einer Kommunikation, die die Spannung zwischen antagonistischen Glaubensmächten zwar nicht auflösen, aber zum diskursiven Streit besänftigen kann.

Jaspers hat seine Konzeption zugleich als Antwort auf die Aporien eines maßstablosen Historismus verstanden. Die existentielle Kommunikation soll das gegenseitige Verständnis zwischen fremden Traditionen und Lebensentwürfen fördern, aber nicht auf dem Wege einer scheinbar selbstlosen, normativ erblindeten Einführung in den Anderen. Jaspers wählt die Wahrhaftigkeit einer bewußten Lebensführung zum ethischen Maßstab, nach dem sich die existentielle Tragfähigkeit eines Glaubens beurteilen läßt. Die Parteien lassen sich im kommunikativen Streit von der "Hoffnung auf Einmütigkeit" leiten, aber an existentiell bewährten Überzeugungen dürfen sie, ohne sich darauf zu versteifen, festhalten. "Einmütigkeit" signalisiert in diesem Zusammenhang eine Übereinstimmung, die nicht auf der Ebene propositionaler Gehalte liegt. Wenn sich aber der Konsens nicht auf Glaubensinhalte erstreckt, sondern auf die Authentizität, mit der sie in der persönlichen Lebensführung bezeugt werden, wie muß die Basis für eine mögliche Einigung dann verstanden werden?

Auf die grundsätzliche Frage, ob sich Angehörige verschiedener Kulturen überhaupt auf einem gemeinsamen Boden der Verständigung begegnen können und worin diese universale, alle verbindende Gemeinsamkeit gegebenenfalls besteht, sind zunächst zwei konträre Antworten gegeben worden. Der selbstgewisse Universalismus der abendländischen Tradition geht von der Einheit einer allen Menschen eingeborenen Vernunft aus und benutzt die jeweiligen Standards von Wissenschaft oder Philosophie als Leitfaden für die verbindliche Interpretation dessen, was als vernünftig gelten soll. Dem steht ein selbstwidersprüchlicher Relativismus gegenüber, welcher davon ausgeht, daß allen starken Traditionen je eigene, und zwar inkommensurable, Maßstäbe des Wahren und Falschen innewohnen; in jeder artikuliert sich ein anderer Begriff von Rationalität. Während der abstrakte Universalismus die Einsichten der historischen Geisteswissenschaften in den Wind schlägt, läßt sich der Relativismus von ihnen überwältigen. Auf der einen Seite verfallen die verschiedenen Glaubenswahrheiten der Kritik der einen Vernunft, auf der anderen Seite zersplittert diese universale Vernunft in unvereinbare Glaubenswahrheiten.

Besser durchdachte Antworten findet die Herausforderung des Historismus von anderer Seite. Zunächst beim Kontextualismus, der sich gegenüber der Annahme einer universalen Menschenvernunft ebenfalls skeptisch verhält. Unbedingte Geltungsansprüche treten nur in lokalen Versionen auf und sind in den Kontext einer bestimmten Tradition so tief eingelassen, daß die Maßstäbe des Wahren und des Falschen mit einem konkreten Selbst- und Weltverständnis unauflöslich verwoben bleiben. Freilich wollen Alasdair MacIntyre oder Richard Rorty den paradoxen Standpunkt des Relativisten vermeiden, der ja die Geltung der eigenen Aussage von der Kontextabhängigkeit aller übrigen Aussagen ausnehmen muß. Für MacIntyre zeigt sich beim Zusammenprall konkurrierender Weltbilder die Wahrheit der überlegenen Tradition allein darin, daß die unterlegene Seite die eigenen Vernunftstandards aufgibt und durch Konversion einen Ausweg aus ihrer epistemologischen Krise sucht. Rorty beginnt in guter hermeneutischer Manier mit der Vergewisserung des eigenen Kontextes, hält diesen jedoch einseitig fest. Er bekennt sich zum glücklichen Ethnozentrismus derjenigen Standards, die wir jeweils für die besten halten, und begreift interkulturelle Verständigung als angleichende Einbeziehung des Fremden in das immer weiter ausgedehnte eigene Universum.

Diesem assimilatorischen Modell des Verstehens setzt die philosophische Hermeneutik ein anderes entgegen. Auch hier wird der Kontext der Ausgangssituation, in der sich der Interpret vorfindet, nicht zugunsten einer vorgeblichen Objektivität des Verstehens übersprungen. Aber die Gesprächssituation, in der sich Hörer und Sprecher, der interpretierende Fragesteller und der antwortende Autor vorfinden, ist durch eine Symmetrie der Beziehungen charakterisiert. Verständigung ist nur zwischen Parteien möglich, die erwarten, voneinander lernen zu können, und die im Austausch ihrer reziprok aufeinander bezogenen Perspektiven erster und zweiter Personen versuchen, die verschiedenen Horizonte ihres sprachlichen Vorverständnisses einander anzunähern. So gewinnt die Hermeneutik aus den Bedingungen gelingender Kommunikation selbst das universalistische Potential einer sprachlich verkörperten Vernunft und ermutigt zum Versuch interkultureller Verständigung.

Unklar ist noch, an welchem Ziel sich ein solcher Versuch orientieren kann - am Ziel eines möglichen Einverständnisses in der Sache oder, angesichts eines vernünftigerweise zu erwartenden Dissenses, an dem bescheideneren Ziel des gegenseitigen Respekts für die wahrhaftig bezeugte Macht gegensätzlicher Traditionen. Die Antworten auf diese Frage hängen eng zusammen mit unserem Verständnis von Aufklärung. Je nachdem, wie wir die in der europäischen Moderne vollzogene Aufklärung verstehen, ziehen wir die Grenze zwischen Glaube und Wissen, zwischen den Sphären, in denen wir vernünftigerweise Einverständnis oder Dissens erwarten dürfen, auf andere Weise.