Es war, als ob er nackt auf der Bühne stehen würde, die Musik kommt direkt aus dem Mann, nicht aus dem Instrument." Es ist, als ob Jimmy Giuffre damit den Kern aller John Coltrane-Paraphrasen beschrieben hätte. Coltranes Körper und der Saxophonkorpus sind untrennbar, die Augen geschlossen, das Mundstück ist von den Lippen gefangen, kaum ein Musiker, der so mit seiner Musik eins wurde. Deshalb auch keine Spaltung von Person und Musik, keine "guten" Geschichten und keine Anekdoten, die ihn menschlicher werden lassen. Deshalb vielleicht der distanzierte Respekt: Bewunderung - ja, Liebe - nein. Zu fremd waren in den letzten Jahren seine ekstatische Kunst, sein mönchisches Leben, bis zu seinem Tod, am 17. Juli 1967, als der Jazz in ein schweres Loch stürzte.

Nun hat man - nahe am Abgrund - Spuren gefunden, Aufnahmen vom 15. Februar 1967, als der Leberkrebs zu ahnen war, als er die Tonbänder aus dem Studio mit nach Hause nahm, jetzt freigegeben, die Stücke mit Namen versehen, die CD "Stellar Regions" genannt (Impulse IMP 11692, Vertrieb: MCA). Mit Ausnahme von "Offering", das in der letzten zu Lebzeiten John Coltranes erschienenen LP, "Expression", Aufnahme fand, sind die Themen neu und doch tief vertraut. Drei Töne - ein Blues, ein Spiritual, möglicherweise - mit viel Luft, viel Vibrato gespielt, mit einer Ruhe, die fast zu bersten scheint. Und dann löst sich die melodische Sequenz auf, entfernen sich die Harmonien vom Boden, schwingen die singenden und pfeifenden Stakkatotöne hoch über den rhythmischen Fluß, werden wie im Aufwind höher und höher getragen, bis sie geläutert und neu geboren zum Thema heimkehren. "Stellar Regions" trägt nicht den Kern einer möglichen Zukunft des Jazz. Es ist die Gegenwart eines Kosmos, den man nur berühren muß, um alle Tagesmusik beiseite zu legen. Was sich sonst getrennt findet, ist hier eins: Liebe - in Gestalt der hymnischen Melodie; Sehnsucht - als Suche, in den modalen Verästelungen den einen Ton zu finden; Verzweiflung - in der harten Tongebung, den Schreien. Vielleicht wäre für die Zukunft nur eines abzulesen gewesen: Immer weniger brauchte er andere, Schritt für Schritt näherte er sich einem Spiel, bei dem er nur mehr mit sich selbst kämpfte. Sechs Jahre zuvor stand er vor einer anderen Schwelle, auf der Suche nach Musikern, die ihn auf seinem Weg begleiten sollten: von Miles Davis, vom modalen Konzept, von den ewigen Standards zu den eigenen Kompositionen, zu freien Harmonien und zu langen improvisatorischen Ausflügen, die viele zur Verzweiflung trieben. "The Heavyweight Champion" dokumentiert diese zweieinhalb Jahre zwischen Januar 1959 und Mai 1961, mit allen Einspielungen für die Plattenfirma Atlantik (Atlantik Jazz 8122-7184, Vertrieb: East-West): vom Blues einer völlig unterbewerteten Platte mit Milt Jackson über die atemraubenden Etüden und Balladen von "Giant Steps" bis zum bolerogeschwängerten "Ole" mit Eric Dolphy.

Es sei nicht übersehen: "Stellar Regions" erscheint im traditionellen Orange-Schwarz-Layout von Impulse, in aufklappbarer Papphülle; die sechs CDs von "The Heavyweight Champion" im Schuber mit dickem Beibuch, dazu die verkleinerte Kopie einer "Scotch-magnetic-tape-206"-Schachtel, die eine CD mit unveröffentlichten Takes enthält. Liebevoller und sinnlicher läßt sich nackte Musik nicht verhüllen.