Als die Berliner taz in der vergangenen Woche meldete, die Wochenpost suche bislang erfolglos einen neuen Chefredakteur, riefen aufgeregte Manager von Gruner + Jahr vorsichtshalber bei Günther Kress in Stuttgart an. Das ist nie ein Fehler. Der Mann im Untergeschoß einer Vorstadtvilla hört Zeitungen drucken. Kaum einer kennt die Medienbranche so gut wie eben jener Günther Kress, 66 Jahre alt und fast 40 davon mit seinem Beruf verheiratet.

Für seinen Beruf gibt es noch keinen Begriff. Er läßt sich nur beschreiben: Kress verlegt eine kleine Zeitung mit großer Wirkung, den kress-report, schreibt alle Artikel alleine, macht dann das Lay-out, läßt drucken und bringt nicht selten die fertige Broschüre auch noch selbst zur Post. Eine einzige One-man-Show.

Der Untertitel seiner Zeitung ist so komisch wie richtig: "Intensiv-Information für Kommunikation und Werbung in Deutschland", und dann steht da noch im Impressum: "Der Inhalt ist vertraulich und nur für den Empfänger bestimmt." Das klingt sehr lustig in einer Branche, in der nichts vertraulich ist.

Es gibt Witze über Kress: Ruft ein Chefredakteur an: "Wie lange bin ich noch bei Burda?" Kress: "Die Kündigung geht morgen raus. Aber trösten Sie sich, gerade höre ich, wie hoch Ihre Abfindung ist. Gratuliere." Wenn alle vierzehn Tage am Freitag der kress-report in die Werbeagenturen, Redaktionen und Verlagshäuser flattert, gleichen sich dort die Bilder: Blätternde Menschen suchen nach Namen, wer wann wohin wechselt, wo die Auflagen sinken, wo sie steigen und welche Verleger über den Zusammenschluß ihrer Konzerne nachdenken. Wohl nirgendwo werden Insider-Informationen so heiß gehandelt wie in der Medienbranche. Und Gerüchte gekocht. Doch was im kress steht, darf als wahr gelten. Nur selten hat sich das Orakel vom Nesenbach geirrt.

Stuttgart, am Nesenbach gelegen, ist keine Medienstadt. Das Karussell dreht sich in Hamburg, in München oder Köln. Doch gerade die Stammtisch-Ferne hat Günther Kress zur Nummer eins unter den Nachrichten-Nachrichtenhändlern werden lassen. Man vertraut ihm, weil er nicht zum Tratschclub gehört und "niemanden in die Pfanne haut", wie er sagt. Im Fragebogen des FAZ-Magazins wurde Kress gefragt, welche natürliche Gabe er besitzen wolle: "Als Unsichtbarer hören zu können", antwortete er.

In dieser Disziplin hat es Kress weit gebracht. Denn eigentlich kennt den leutseligen Schwaben kaum einer von Angesicht. Viele kennen nur seine Stimme vom Telephon. Kress mußte zuletzt nicht einmal mehr unentwegt selbst anrufen - er wurde aus den Verlagen angerufen, die neueste Neuigkeit kam gleichsam von allein ins Haus. Denn im kress zu stehen, das ist im eitlen Geschäft der Medien eine warme Streicheleinheit.

Fast 2000 Exemplare seines Dienstes verkaufte er zuletzt pro Ausgabe, zum stolzen Preis von 264 Mark im Jahr - viel Geld für ein einseitig bedrucktes, eng beschriebenes Flatterheft. Und doch billig dafür, daß nirgendwo anders die Personalien der Branche dichter und schneller stehen als eben bei ihm.