In regelmäßigen Abständen dürfen sich die Zeitungsleser gruseln. Da melden Agenturen die Entdeckung eines Steinzeitvolkes, vorzugsweise am entferntesten Zipfel der Welt, das seine Feinde angeblich schlachtet und aufißt. Erst kürzlich ging die Meldung durch die Presse, auf einer indonesischen Insel lebten Menschenfresser, "nackt und auf Bäumen". Weil dahinter eher Sensationshascherei steckt, locken solche Nachrichten heute keinen Ethnologen mehr vom Schreibtisch. "Abgesehen davon, daß wir alle Naturstämme kennen, es sich also höchstens um eine Splittergruppe handeln könnte, sind solche Berichte Phantasieprodukte. Kannibalismus gibt es nämlich nicht", glaubt Klaus-Peter Koepping, Ethnologe an der Universität Heidelberg.

Dicke weiße Männer in noch dickeren Kochtöpfen blutrünstiger Eingeborener - nur ein Märchen, ein geschickter Vorwand, um die angeblichen Barbaren zu versklaven oder auszurotten? Ist Menschenfresserei eine bloße Erfindung griechischer Mythen, ein uralter Topos, der sich in unserem Denken und Glauben festgesetzt hat? In der Ethnologie sei das Thema abgehakt, behaupten die Kannibalismuskritiker. Denn bis heute sei es nicht gelungen, glaubhafte Augenzeugen für eine gesellschaftlich akzeptierte und regelmäßige "Anthropophagie" (griechisch: anthropos = Mensch; phagein = essen) aufzuspüren.

Sollten die Kritiker recht behalten, dann wäre auch die Ur- und Frühgeschichte um ein beliebtes Deutungsmodell ärmer. "Wir haben in der Archäologie niemals die Möglichkeit, irgend etwas aus sich selbst heraus zu interpretieren. Wenn wir eine Axt finden, wissen wir nur deshalb, daß es eine Axt ist, weil wir eine Axt kennen. Das, wofür wir keine Parallelen haben, können wir auch nicht deuten", erklärt die Berliner Archäologin Heidi Peter-Röcher. Da es keine Vorbilder dafür gebe, wie Menschenmahlzeiten aussehen und welche Spuren sie hinterlassen könnten, sei es nicht möglich, prähistorische Knochenfunde eindeutig in diesen Zusammenhang zu stellen. Genau dieser Fehler aber sei den Archäologen oft unterlaufen.

Beispiele für eine vorschnelle Zuordnung finden sich in ihrer Sammlung ("Kannibalismus in der prähistorischen Forschung"; Habelt Verlag, Bonn 1994) zuhauf. So etwa die Funde in der Jungfernhöhle bei Tiefenellern in Oberfranken, die häufig als Beleg für rituellen Kannibalismus in bandkeramischer Zeit (um 6000 v. Chr.) genannt werden - eine bunte Mischung aus Tier- und Menschenknochen, Geräten, Scherben verschiedener Kulturen, Holzkohlebrocken und Steinen. Die Anthropologin Gisela Asmus hatte die oft zerbrochenen Menschenknochen als Hinweis auf Kannibalismus interpretiert, obwohl sie weder Schnitt-, Schlag- oder Hackspuren aufwiesen. Daß die Toten hier vielleicht nur auf eine besondere Weise bestattet wurden, lehnte auch Grabungsleiter Otto Kunkel ab: "Es ist für uns Heutige nun einmal ein unsympathischer Gedanke, daß mit Kulturschutt und tierischen Knochen menschliches Gebein in anscheinend so pietätloser Mischung einem klüftigen Abgrund zugeführt sein sollte." In der Höhle aber fanden sich hauptsächlich Skelettreste von Frauen und Kindern. Genau diese Knochen sind auf normalen Gräberfeldern unterrepräsentiert. Da liegt die Vermutung nahe, so Heidi Peter-Röcher, daß Frauen und Kinder anders bestattet wurden als Männer.

Als Kontroverse unter Archäologen und Anthropologen gilt nach wie vor die Frage, ob man die Spuren an Menschenknochen mit denen an abgenagten Tierknochen vergleichen kann. Die Antwort scheint vor allem von der vorgefaßten Meinung des Autors abzuhängen. Auffallend ist zum Beispiel, daß die Pro-Kannibalismus-Vertreter, wie im Fall der Jungfernhöhle, die Möglichkeit einer sekundären Bestattung häufig außer acht lassen. Solchen Zweitbestattungen gehen bestimmte rituelle Handlungen voraus, wie sie für die Einwohner Südostborneos bekannt sind: Nach dem Leichenbegängnis überläßt man den Toten dem Verfall, seine Seele wandert unstet zwischen den Welten der Vorfahren und der Lebenden hin und her. Sind die Knochen schließlich freigelegt, kann die Abschlußzeremonie beginnen. Die Gebeine werden an ihren endgültigen Bestattungsort transportiert, die Trauerphase ist vorüber. Den Archäologen blieben solche Rituale verborgen, da sie keine sichtbaren Spuren hinterlassen.

Auch wild zerstreut aufgefundene Menschenknochen sind noch lange kein Beweis für einen pietätlosen Umgang mit Verstorbenen oder gar für ihren Verzehr. Die Mambai auf Timor (Ostindonesien) ehren ihre Toten mit einem Fest und begraben sie auf dem Tanzplatz im Dorfzentrum. Wenn sie ein Grab ausheben, gelangen dabei häufig ältere Knochen an die Oberfläche und vermischen sich so mit den jüngeren. Dennoch verehren die Mambai ihre Toten, nur die materiellen Überreste spielen für sie keine große Rolle mehr.

Ein Team amerikanischer und französischer Forscher meldete 1986, daß sie den bisher einzigen schlüssigen Beweis für Kannibalismus in der Steinzeit entdeckt hätten. In einer Höhle im südfranzösischen Fontbrégoua fanden sie 6000 Jahre alte Skelette von sechs Menschen sowie Tierknochen. Die mit modernster Technik untersuchten Knochen wiesen Schnittspuren auf, die bei Mensch und Tier auf eine einheitliche "Schlachttechnik" deuteten. Ergo seien die Menschen wie Wildbret verzehrt worden. Kochspuren gab es allerdings nicht, auch die damaligen Bestattungsrituale sind unbekannt. Immerhin konnten die Wissenschaftler eine sekundäre Bestattung ausschließen: Dazu waren die Knochen "zu frisch", als sie vom Fleisch getrennt wurden. Doch wurde das abgetrennte Fleisch überhaupt gegessen?