Schnurstracks rast das Auto auf den Abgrund zu. Buchstäblich im letzten Moment - die Schnauze hängt schon in der Luft - scheint der Fahrer das Lenkrad herumzureißen. Die in zwei Farben blau gehaltene Limousine kriegt gerade noch die Kurve.

Ein neuer Werbespot für Reifen? Nein - Ort des Geschehens ist der Eßzimmertisch, das Gefährt nicht größer als ein Hamster. Moderne Mikroelektronik also? Auch das nicht. Die Konstruktion des "Wendeautos" ist 57 Jahre alt und eigentlich ganz simpel. In der Mitte des Bodenbleches ist an dem Aufziehauto quer zur Fahrtrichtung ein fünftes Rad angebracht. Es dreht normalerweise in der Luft. Sobald die Vorderräder aber über der Tischkante hängen, bekommt es Bodenkontakt und schleudert das Blechkistchen herum.

Für ein Original-Wendeauto zahlen Sammler um die tausend Mark. Schließlich stammt das feinmechanische Wunderwerk von der Firma Schuco, die jahrzehntelang unbestrittener Marktführer für Spielzeugautos war.

Seit kurzem ist die zweifarbige Wendelimousine wieder und billiger zu haben. Schuco ging zwar 1976 pleite, doch der Spielzeughersteller Gama-Mangold-Trix, der vor einigen Jahren die Überreste von Schuco - neben dem Namen ein paar Werkzeuge - aufgekauft hat, baut das Blechauto nach. Die Repliken verschiedener Schuco-Modelle, die das Unternehmen im Programm hat, kosten zwischen 70 und 200 Mark. Günstiger seien die aufwendigen Produktionen nicht zu machen, heißt es in der Firma, allein das Pressen der Karosserie erfordere um die zwanzig Arbeitsgänge.

Dabei verwendet Trix-Schuco, soweit noch vorhanden, Originalformen. Der Girato 4000, ein Modell des Mercedes 250 SE mit Viergangschaltung und Rückwärtsgang, werde ausschließlich mit Werkzeugen aus den sechziger Jahren gefertigt, die lange in einem Schafstall bei Allersberg vor sich hin gegammelt hätten, wie ein Unternehmenssprecher erzählt.

Das Erfolgsrezept von Schuco in seiner Hochzeit zwischen 1935 und 1970 war, mit immer neuen technischen Tricks zu verblüffen. Die meisten der Geistesblitze stammten von Heinrich Müller, dem Inhaber der Firma. Das Kommandoauto von 1937 etwa, das ebenfalls nachgebaut wird, reagiert auf Zuruf oder Pfiff. Jeder Windhauch dringt durch Lamellen im Autodach ein ins Wageninnere und drückt dort ein dünnes, schwarzes Aluminiumblech nach unten. Ein einfacher Mechanismus läßt dann das aufgezogene Uhrwerk loslaufen. Ein lautes "Stopp" mit hartem "p" und entsprechender Luftbewegung hält das Auto wieder an. Wenig später kam die dazu passende Garage auf den Markt. An ihr hängt außen ein schwarzes Telephon, natürlich in klassisch klobigem Design mit Wählscheibe. Einfach "Johann, bitte vorfahren" in den Hörer sprechen (und dabei unauffällig am Kabel ziehen oder auf die Gabel drücken), schon öffnet sich die Tür, und der Wagen rollt heraus.

Das Rennauto Studio 1050 - der Schuco-Klassiker schlechthin - glänzt mit Lenkradsteuerung, Leerlaufkupplung, Werkzeug zum Reifenwechsel und sogar einem Differential. Das Ausgleichsgetriebe sorgt dafür, daß sich in Kurven das äußere Hinterrad, das ja den weiteren Weg zurücklegen muß, schneller dreht als das innere. Seit wenigen Monaten gibt es den Studio in Neuauflage auch wieder als Bausatz zu kaufen, in dem das Modell komplett zerlegt ist.