Das Urteil in einem der größten Sensationsprozesse der Nachkriegszeit könnte sich als Justizirrtum herausstellen

Monika Weimar hat ihre Kinder zweifellos sehr geliebt. Das sagte der Vorsitzende Richter am Landgericht Fulda, Klaus Bormuth, als er am 8. Januar 1988 das Urteil über die 29jährige Frau sprach. Und dennoch kam das Gericht zu dem Schluß, daß die Mutter ihre Kinder aus niederen Beweggründen heimtückisch ermordet hat.

Monika Weimar saß kalkweiß, mit gesenktem Haupt auf der Anklagebank, während Zuschauer im Saal Beifall klatschten und "Bravo" riefen, als wär es das Happy-End in einem Theaterstück, in dem das Gute über das Böse gesiegt hat. Draußen, vor dem Landgericht Fulda, johlte eine Meute von Schaulustigen: Endlich, nach 43 Verhandlungstagen, die verdiente Strafe. Lebenslange Haft für eine Mutter wegen Mordes an ihren Töchtern, der siebenjährigen Melanie und der fünfjährigen Karola.

An jenem Freitag abend sahen Millionen auf dem Bildschirm eine entfesselte Menge, die haßerfüllt mit den Fäusten auf das Dach des Autos trommelte, in dem die Verurteilte in Handschellen abtransportiert wurde. "Ami-Hure", brüllte es ihr nach und: "Eiskalte Mörderin."

Diese Szenen sah auch ein Strafverteidiger in Hamburg. Gerhard Strate gilt als Mann, für den ein Gerichtsurteil nicht unbedingt das letzte Wort ist. Er ist ein auch von seinen Gegnern anerkannt scharfsinniger Spezialist für Revisionen und Wiederaufnahmeverfahren. "Die Szene vor dem Landgericht hat mich sehr entsetzt." Strate ist zurückhaltend, kein Mensch, der über seine Mandanten plaudert. Für ihn zählen die Fakten und Akten. Sie fordern ihn intellektuell heraus. Was er darin findet, berührt ihn menschlich. Wenn er von seiner Mandantin spricht, sagt er "Monika". Er ist von ihrer Unschuld überzeugt.

Einen Monat nach dem Urteil des Fuldaer Landgerichts wurde Monika Weimar Strates Mandantin. Seither kämpfte er für die Inhaftierte des Frankfurter Frauengefängnisses Preungesheim, die immer ihre Unschuld beteuert hatte und die in einem der spektakulärsten Indizienprozesse der Nachkriegsgeschichte aufgrund eines Gutachtens über Kleiderfasern als Mörderin verurteilt worden war. Es gab weder ein Geständnis noch Tatzeugen, noch ein nachvollziehbares Motiv. Nur eine gelbe Bluse mit kleinen blauen Würfeln.

Am weißen T-Shirt der toten Melanie waren unter anderem 140 winzige Fusseln dieser gelben Bluse gefunden worden. Der Gutachter des hessischen Kriminalamtes zog daraus den Schluß, sie hätten sich gelöst, als die Mutter die tote Melanie dorthin geschleppt hätte, wo sie drei Tage später, in Brennesseln liegend, aufgefunden worden war. Beweis eines letzten "tatrelevanten Kontaktes". Damit galt Monika Weimar als überführt - bis zum 4. Dezember 1995. An diesem Tag verkündete das Oberlandesgericht Frankfurt den Beschluß: "Es wird die Wiederaufnahme des Verfahrens 103 Js 8247/86 Ks (LG Fulda) und die Erneuerung der Hauptverhandlung angeordnet." Es stützte sich dabei auf ein Gutachten des Bundeskriminalamtes (BKA): Danach ist ausgeschlossen, daß die gelben Regenerat-Zellulosefasern an den toten Kindern mit dem Mord in Verbindung stehen. Die gefundene Dichte, Menge und Anordnung der gelben Fasern, die oft nicht länger sind als 0,1 Millimeter, sprächen allein für normalen häuslichen Kontakt wie Umarmungen. Wenn Monika Weimar tatsächlich die Leichen geschleppt hätte, wäre - so das BKA-Gutachten - die "Spurengebung" völlig anders gewesen. Am Montag der vergangenen Woche öffneten sich deshalb für Monika Weimar nach neun Jahren und achtunddreißig Tagen die Gefängnistore.

Gerhard Strate hatte zuvor beim zuständigen Landgericht Gießen ein Wiederaufnahmeverfahren mit dem Gutachten eines von ihm beauftragten Textilexperten begründet. "Zeugenaussagen sind nicht geeignet, ein solches Urteil zu Fall zu bringen. Ein Indizienurteil ist nur durch Sachbeweise zu erschüttern", sagt der Anwalt. Das Wissen um die Kriminaltechnik ist jedoch monopolisiert bei den Landeskriminalämtern und dem BKA, und die arbeiten nur für Behörden und Gerichte, nicht für Anwälte. Also mußte Strate den Umweg über den Textilfachmann gehen. Dessen Gutachten, das vor Gericht nicht standhielt, erzwang immerhin das Obergutachten vom BKA. Das Landgericht Gießen lehnte trotzdem die Wiederaufnahme ab. Strate legte Beschwerde ein und überzeugte das Oberlandesgericht Frankfurt. Die Expertise reißt nach Ansicht der Frankfurter Richter eine "Lücke in die ohnehin spärlichen Urteilsfeststellungen zum Tathergang".

Erfüllte Hoffnungen für Monika Weimar. Ihr Anwalt ist sicher, einen der größten bundesdeutschen Justizirrtümer aufgedeckt zu haben. Die Hürden für ein Wiederaufnahmeverfahren sind so hoch, daß nur sehr selten Anträgen überhaupt stattgegeben und der Fall neu aufgerollt wird. Im Unterschied zur Revision vor dem Bundesgerichtshof geht es bei der Wiederaufnahme nicht um Verfahrensfehler, sondern um neue Beweismittel, die ein gesprochenes Urteil erheblich in Frage stellen müssen. Siebenmal wurden in der Geschichte der Bundesrepublik rechtskräftig zu lebenslanger Strafe Verurteilte freigesprochen, nachdem ihr Verfahren wieder aufgenommen worden war. Zwei davon waren Strates Mandanten. Monika Weimar hat gute Aussichten, der achte Fall zu werden. Dennoch: Ein Wiederaufnahmeverfahren ist noch kein Freispruch. Für Monika Weimar gilt jetzt wieder die Unschuldsvermutung - jedenfalls, bis in einem neuen Prozeß das Urteil gesprochen sein wird.

Melanie und Karola sind entweder von ihrer Mutter oder ihrem Vater Reinhard Weimar getötet worden. Die Ehe der Weimars ist seit 1986 in ihren intimsten Details der Öffentlichkeit bekannt. Sie war eine Tragödie, die mit dem grausamen Tod der beiden Kinder endete.

Monika Weimar heiratete ihren Mann, weil sie glaubte, daß nichts Besseres mehr kommen würde. Neunzehn Jahre war sie alt, als sie schon alle Hoffnung auf einen Traummann verloren hatte. Reinhard Weimar war ihr erster Freund. Der Schlosser arbeitete wie ihr Vater und ihr Schwager in den Kaligruben. Dort, im tristen Philippsthal, einem Dorf mit gut 3000 Einwohnern in Nordhessen, direkt an der damaligen Grenze zur DDR, wo jeder jeden kennt, wo die Männer tagsüber in den Schacht fahren und am Abend zum Kegeln gehen, fügte sich das Leben des jungen Paars nahtlos ein.

Sie wohnen mit Monika Weimars Eltern und ihren zwei Schwestern und deren Männern und Kindern unter einem Dach im Ortsteil Nippe mit seinen drei Häusern. Nach der Geburt der zweiten Tochter Karola 1981 ist die Ehe nicht mehr nur langweilig, sondern zerrüttet. Sie will nicht mehr mit ihm schlafen, hat Unterleibsschmerzen, für die ihr Arzt nur psychische Ursachen findet. Ihr Mann kommt nicht mehr nach Hause, er trinkt, geht kegeln und Tennis spielen, schlägt die Frau und vernachlässigt die Kinder. Manchmal tritt er nach Melanie, die er - nach Zeugenaussagen - noch nie recht mochte.

Im Frühjahr 1986 ist Monika Weimar zum erstenmal verliebt. Sie hat in einer Diskothek den jungen amerikanischen Soldaten Kevin Pratt getroffen. Bei ihm findet sie sexuelle Erfüllung. Sie überlegte schon länger, ihren Mann zu verlassen, fand aber nie die Kraft dazu. Ihr Mann ist krank, er macht ihr angst, und sie hat Mitleid zugleich: Seit einem Jahr wird er immer wieder ohnmächtig, ist desorientiert, verlangsamt, hin und wieder geistig abwesend und vergeßlich. Er zittert. Manchmal geht er aus dem Haus, irrt umher und klingelt nach einigen Minuten an der eigenen Haustür. Die Ärzte vermuten eine Hirnhautentzündung, dann die Parkinsonsche Krankheit, sie verschreiben ihm Psychopharmaka und Medikamente gegen Schilddrüsenerkrankung. Dazu trinkt er sein täglich Bier. 1985 bricht er dreimal zusammen und muß ins Krankenhaus. Einmal wird eine Medikamentenvergiftung festgestellt. Er beschuldigt daraufhin seine Frau, ihn heimlich vergiften zu wollen, meint, einen metallischen Geschmack im Essen wahrzunehmen, und läßt die Kinder vorkosten. Trotzdem bleibt er bei ihr, weigert sich auch, in die Mansardenwohnung auszuweichen. "Wo sollte ich denn hin?" erklärte er später bei der Kripo.

Kevin Pratt ist ganz anders. Mit ihm geht sie tanzen und lacht. Er ist zärtlich und charmant. Der Weimarsche VW Passat wird zur Liebeslaube. Sie reden vom Heiraten. Kevin Pratt drängt Monika Weimar zur Scheidung. Daß er in Amerika verheiratet ist, ahnt sie nicht. Manchmal spielen sie schon Familie. So auch am 3. August 1986. Sie fahren zum Picknick: Monika Weimar, ihre beiden Kinder und der Liebhaber. Der Ehemann wird zu Hause gelassen. Dabei wollte er gerne mit. Sie lehnt ab: Er könne nicht schwimmen und interessiere sich sonst nicht für die Kinder. Er weiß, daß sie mit ihrem Liebhaber baden geht, das weiß der ganze Ort, und ihr ist es egal.

Am Abend kommt sie gegen 18 Uhr mit den Kindern zurück, macht die Töchter bettfertig. Sie dürfen noch mit dem Vater fernsehen. Monika Weimar ist auch an diesem Abend verabredet, und ihr Mann weiß, mit wem. Zum erstenmal seit langer Zeit läßt sie ihre Kinder allein mit dem Vater. Sie bleiben sonst bei der Großmutter. Doch die liegt an diesem Tag mit einem gebrochenen Ellbogen im Krankenhaus. Um 22 Uhr ist der Spielfilm aus. Die Kinder hüpfen ins Bett, der Vater sagt später, er habe mit ihnen noch gebetet. Monika Weimar ist im "Musikparadies" im nahen Bad Hersfeld. Der Abend endet - wie immer - mit einem Liebesakt im Auto. Die Genauigkeit, mit der sich jene Nacht rekonstruieren läßt, endet am Morgen des 4. August um 3.20 Uhr. Da kehrt Monika Weimar heim.

Am folgenden Mittag wird der Polizei das Verschwinden der beiden Kinder gemeldet. Die Beamten und die ganze Nachbarschaft suchen nach den Mädchen - von da an drei Tage lang. Ein Großeinsatz mit Helikopter und Hunden. Das Ehepaar Weimar sucht mit. Am 7. August werden die Kinder gefunden. Ihre Leichen liegen im Gebüsch zweier Parkplätze, wenige Kilometer vom Haus ihrer Eltern entfernt. Man fahndet nach der "Bestie von Phillippsthal" (Bild). Aber die Polizei weiß längst: Die Ehe der Weimars ist keine Ehe mehr, und die Frau hat einen Geliebten. "Ami-Hure" schimpft man sie im Ort.

Monika Weimar wird am 28. August festgenommen. Sie steht unter dringendem Tatverdacht. Die "Sonderkommission Weimar" war sich sofort sicher, die zwei anonymen Briefe an Monika Weimar vom 12. und 15. August können nur von ihr selbst stammen. Sie hatte ihre Handschrift nicht einmal verstellt. In einem steht: "Das ist die Strafe. Es tut mir leid um die Kinder, aber es mußte sein." Im zweiten: "Jetzt bist du bald dran." Die anonyme Post wird ihr zum Verhängnis. "Ich wollte nochmals vernommen werden, um endlich die Wahrheit sagen zu können", erklärte Monika Weimar später. Aber die Ermittler werten die Briefe als Ablenkungsmanöver. Sie gibt nun beim Verhör zu Protokoll, was dann als die sogenannte Nachtversion in die Akten eingeht: "Ich hatte mich nachts mit meinem Liebsten getroffen. Als ich um 3.20 Uhr nach Hause kam, saß mein Mann am Bett der toten Kinder und weinte. Ich hatte Schuldgefühle, weil ich ihn so weit getrieben hatte. Da wollte ich ihn nicht auch noch ins Gefängnis bringen." Und sie erklärte, ihr Mann habe dann noch in der Nacht die Leichen mit dem Auto weggebracht. Und er habe zu ihr gesagt: "Jetzt kriegt keiner die Kinder."

Die Philippsthaler sind empört über die Frau, die den Reinhard, "das arme Schwein", belastet. Für sie kommt nur die Mutter als Täterin in Frage. Die hatte in der Ehe doch die Hosen an, und die ging fremd. Die Presse reist an.

Am Abend des 29. August gibt der ermittelnde Staatsanwalt Raimund Sauter eine Pressekonferenz in den "Kurparkstuben" von Bad Hersfeld und erklärt: "Frau Weimar wird nicht dem Haftrichter vorgeführt, ein dringender Tatverdacht läßt sich nicht begründen." Monika Weimar wird freigelassen, jetzt wird ihr Mann festgenommen. Reinhard Weimar bestreitet die Tat. Er habe die ganze Nacht tief geschlafen und sei am späten Vormittag erst aufgewacht. Während der Verhöre am 30. August macht er auf Vorhalt Aussagen, die einen Menschen zeigen, der seiner selbst nicht sicher ist: "Wenn ich tatsächlich etwas damit zu tun gehabt haben sollte, dann muß es ein Ausfall gewesen sein. Dann war ich nicht im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte." . . . "Wenn, dann war es ein Blackout." . . . "Wenn ich die Kinder totgemacht habe, kann ich mich nicht mehr erinnern." . . . "Ich bin mir fast sicher, daß ich die toten Mädchen nicht abtransportiert habe."

Staatsanwalt Sauter gerät nun ins Kreuzfeuer, weil er sich in der Mordsache auf den Vater festlegt. Für ihn hat nur Reinhard Weimar "in Folge der Untreue seiner Frau ein einleuchtendes Motiv" gehabt. Ein Aufschrei geht durch die Presse: "Höllenqualen" für Reinhard Weimar (Morgenpost), "Kaum zu glauben" (Hersfelder Zeitung), "Lügen einer Mutter" (Quick). In der Hersfelder Zeitung erscheint eine Photomontage vom Filmplakat "Staatsanwälte küßt man nicht". Es spielen mit: Raimund Sauter, Monika Weimar. In den Kneipen diffamiert man noch deutlicher. Dem Staatsanwalt Sauter werden nach drei vergeblichen Versuchen, einen Haftbefehl gegen den Vater von Melanie und Karola zu erwirken, auf Betreiben der Kriminalpolizei die Ermittlungen entzogen. Ein selten seltsames Procedere, zumal nicht einmal Gründe genannt werden.

Für die Leute in den Dörfern um Philippsthal gibt es überhaupt keine Zweifel: Nur die Mutter kann es gewesen sein. Bis zum 2. September gehen bei der Polizei insgesamt 1018 Hinweise aus der Bevölkerung ein, die meisten sind gegen die Frau gerichtet. Monika Weimar hat inzwischen Angst, ihre Wohnung zu verlassen, Photographen umstellen das Haus. Die Philippsthaler verkaufen ihre Beschuldigungen und Photos für Geld an die Sensationspresse. Anonyme Anrufer beschimpfen Monika Weimar. "Eine absolut verbiesterte und vorurteilsbeladene Gegend", sagt Rechtsanwalt Strate über den Heimatort seiner Mandantin. Wer mit einem Ami fremdgeht, der bringt die eigenen Kinder um, das ist das Klima.

Auch die Kriminalpolizei ermittelt vor allem in eine Richtung und legt damit das Drehbuch für die Hauptverhandlung fest, das so wenige entlastende Momente für die Beschuldigte enthält: Von Monika Weimar wird die gesamte Sommergarderobe beschlagnahmt, insgesamt 27 Kleidungsstücke. Von Reinhard Weimar nimmt man drei Sachen mit, zwei Hemden und eine Jeans. Die blaue Hose und das blauweiß gestreifte T-Shirt, die der Ehemann nach Aussagen seiner Frau in der Mordnacht trug, werden nicht mitgenommen und damit auch nicht inspiziert. Am 27. Oktober 1986 wird Monika Weimar verhaftet.

Die Vorverurteilungen der Mutter der toten Kinder beschränken sich nicht auf den Raum Philippsthal. Der Fall Weimar emotionalisiert die Öffentlichkeit wie kaum ein anderes Verfahren der vergangenen Jahrzehnte.

Monika Weimar wurde in der Illustrierten Quick als "graue Maus" mit "stechend blauen Augen" beschrieben. Das Blatt, das die Mutter von Melanie und Karola bereits als Mörderin verurteilt hatte: "Kaum vorstellbar, daß ihr strenger Mund einmal Zärtlichkeiten geflüstert hat." Bild notierte: "Sie hat eine klanglose, reizlose, stumpfe Stimme, sie führt in eine Welt, die schwarz ist - ein Tunnel ohne Ende . . ." Monika Weimar sagt nach ihrer Verurteilung bei einem Besuch in der Haftanstalt: "Ich habe gemerkt, daß alles, was ich tue, mir falsch ausgelegt wird. Wenn ich geweint habe, hieß es, die ist schuldig. Wenn ich wie versteinert aussah, hieß es, die ist die eiskalte Mörderin."

Sechs Monate nach dem Fuldaer Urteil werden Anwalt Strate und sein Hamburger Kollege Johann Schwenn aufdecken, daß Monika Weimar an mehreren Verhandlungstagen unter starken Beruhigungsmitteln stand, wie vorher auch bei der Vernehmung durch die Polizei. Darüber wird im Februar 1989 in der Revisionsverhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt. Sie hatte von ihrem Hausarzt wegen "massiver Trauerreaktion" insgesamt 530 Milligramm des Medikaments Diazepam - also Valium - verordnet bekommen. Daß sie bei den zum Teil vierzehnstündigen Verhören widersprüchliche Angaben machte, sich den Vorhalten der Beamten anpaßte, wurde später als Schuldbeweis ausgelegt. Daß gerade dieses Verhalten ein Hinweis auf die Beeinflussung durch Drogen sein kann, wurde nicht bedacht. Auch nicht, daß solche Medikamente ein Gesicht maskenhaft und starr aussehen lassen.

Das Bild der gefühllosen Frau aber fügt sich nahtlos in die Tatversion der Staatsanwaltschaft und des Gerichts. Man glaubt der Mutter nicht, daß der Vater die Kinder in der Nacht getötet habe. Man hält Monika Weimar für überführt, ihre Töchter erst am Vormittag des nächsten Tages heimlich vom Spielplatz gelockt und im Fond ihres Passats erstickt beziehungsweise erdrosselt zu haben. Dann soll sie die Leichen an zwei verschiedenen Parkplätzen abgeladen und ins Gebüsch geschleppt haben, wobei ihre gelbe Bluse auf Melanies T-Shirt Faserspuren hinterließ.

Diese "Tagversion", die in der Anklage und schließlich im Urteil vertreten wird, stützt sich auf die Aussagen eine Nachbarin, die mit Monika Weimar und ihren Verwandten verfeindet ist. Sie wollte gesehen haben, daß Melanie und Karola am Morgen des 4. August, als sie nach den Angaben ihrer Mutter schon tot im Gebüsch lagen, noch im Sandkasten gespielt hätten. Ob sie tatsächlich von ihrem Küchenfenster aus die Kinder gesehen haben könnte, war in der Gerichtsverhandlung nicht mehr aufzuklären - einen Busch, der ihr die Sicht auf den Spielplatz mindestens einschränkte, hatte sie kurz nach ihrer Aussage bei der Polizei ausreißen lassen. Im Laufe der Monate besserte sie ihre Aussage hinsichtlich des Zeitpunkts immer mehr nach, was Zweifel an der Glaubwürdigkeit jener Hauptbelastungszeugin säte. Sie bestritt außerdem vor Gericht, daß sie Reinhard Weimar versichert habe, sie werde auch vor Gericht bei ihrer, seine Frau schwer belastenden Aussage bleiben. Sie log: Sie wußte nicht, daß dessen Telephon von der Polizei abgehört worden war. Und an den Kindern, die vor ihrem Tod am Sandkasten gespielt haben sollen, war kein Sandkorn gefunden worden.

Eine zersplitterte Windschutzscheibe des Weimarschen Passats stellten die Richter in "unmittelbaren Zusammenhang mit der Tötung der beiden Kinder", da der Druck aus dem Innenraum des Wagens gekommen sei. Die Leichen der Kinder zeigten aber weder Spuren massiver Gewaltanwendung noch verzweifelten Todeskampfes. Nicht eine Wollfaser von den Schonbezügen der Vordersitze befand sich an den Toten, nur Fasern des Rücksitzes. Monika Weimar selbst hatte erklärt, die Scheibe beim Liebesakt mit Kevin Pratt in jener Nacht zum 4. August eingetreten zu haben.

Die Aussage, die Monika Weimar drei Wochen nach dem Tod der Kinder als die "Wahrheit" offenbarte, schien den Ermittlern und Richtern - alles Männer - unvereinbar mit der Natur einer Mutter: Wie kann sie nachts ihren Mann am Bett der toten Kinder antreffen und ins Schlafzimmer gehen, um dort tatenlos auf dem Bett zu sitzen, bis ihr Mann zurückkehrt vom Abtransport der Leichen? Wie kann eine Krankenpflegerin in dieser Situation weder den Notarzt noch die Verwandten alarmieren? Wie kann sie sich später neben den Mörder ihrer Kinder ins Bett legen und schlafen? Wie kann sie anderntags auf die Post gehen und zur Bank? Wie kann sie eine Vermißtenmeldung aufgeben, anstatt den Mann, den sie ohnehin verlassen wollte, anzuzeigen? Das alles war für Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht unglaubwürdig. Nur eine Erfindung, um von den eigenen Taten abzulenken.

Monika Weimar selbst erklärt ihr Verhalten, das den Richtern nicht nachvollziehbar war, so: "Ich stand unter Schock und reagierte erst einmal wie automatisch." Sie habe sich Vorwürfe gemacht, daß sie die Kinder an jenem Sonntag abend mit ihrem Mann allein gelassen habe. "Diese Schuldgefühle waren der Grund, weshalb ich nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt habe. Ich kam nachts aus der Disco, und die Kinder waren tot." Sie habe sich subjektiv mitschuldig gefühlt, weil sie die Kinder im Stich gelassen hatte.

Dieses Verhalten nannten zwei von Staatsanwaltschaft und Gericht beauftragte Gutachter, die die Seele von Monika Weimar erforschen sollten, "plausibel" und "sehr realistisch". Die Psychologin Professor Elisabeth Müller-Luckmann aus Braunschweig hielt die Darstellung für glaubhaft: "Man kann in solchen Fällen nicht mit Klischees arbeiten, die etwa ein typisch ,mütterliches` Verhalten als ,normal` unterstellen. Auch Mütterlichkeit ist vielschichtig und richtet sich nicht nach konventionellen Normierungen." Für Professor Willi Schumacher, Leiter der Psychiatrischen Klinik an der Universität in Gießen, paßt die Persönlichkeitsstruktur der Angeklagten nicht zu der ihr vorgeworfenen Gewalttat. Monika Weimar wurde von den Gutachtern als eine eher ängstliche und introvertierte Frau beschrieben.

Für das Gericht waren die Ergebnisse der Begutachtung unerheblich, ebenso wie deren Ausführungen zu dem unterstellten Motiv: Monika Weimar sei ihrem Liebhaber sexuell hörig gewesen, und die Kinder hätten einer gemeinsamen Zukunft in Amerika im Wege gestanden. Für Professor Schumacher sprach nichts für eine "abnorme Abhängigkeit" oder gar für eine "Unterwerfung". Dies sei eindeutig zu diagnostizieren, wenn "ein verliebter Mensch unter dem Einfluß seines Partners wesentliche Züge seines bis dahin gezeigten Erlebens und Verhaltens ändert, wenn bis dahin für ihn verbindlich gewesene Wertorientierungen, Leitbilder und Verhaltensformen verschwinden, bedeutungslos werden oder sich sogar ins Gegenteil verkehren". Von alledem aber sei bei Monika Weimar nichts zu finden gewesen. Seine Braunschweiger Kollegin rechnete diese Motivsuche im Bereich der sexuellen Hörigkeit gar zur Küchenpsychologie.

Es geht viel um Glaubwürdigkeit im Prozeß von Fulda, die der Angeklagten und die der Zeugen, die sich und einander und den Tatsachen oft widersprechen. Es geht viel um Plausibilität. Und am meisten um das, was die Richter von Fulda sich selber vorstellen und nachvollziehen können. Das alles ist Konstruktion, aber kein Beweis. Doch gerade in einem Indizienprozeß muß die Beweiskette lückenlos sein. Das Prinzip: In dubio pro reo ist die Säule, auf der das Strafrecht ruht.

Für Monika Weimars Anwalt Strate "las sich das Urteil zunächst gut". Aber seine Zweifel blieben. "Es waren bestimmte Feststellungen getroffen worden, die so nicht zutrafen", sagt er, "erst wenn man die Gutachten und Protokolle, Befragungen und Zeugenaussagen einzeln gelesen hat, merkt man, daß das Urteil oberflächlich gefällt worden ist." Das Landgericht Fulda habe sich von den anfänglichen Lügen seiner Mandantin bei der Polizei zu stark beeinflussen lassen und falsche Akzente gesetzt: "Allein die Lüge ist noch kein Hinweis auf Schuld, denn auch ein Unschuldiger nimmt zum Lügen Zuflucht, wenn er in die Enge getrieben wird."

Der Richter räumte im Urteil ein, daß Reinhard Weimar, der Ehemann, zweifellos das stärkere Motiv gehabt habe, seine Kinder zu töten, und dennoch trat er nur als Zeuge auf, gegen seine Frau. Deshalb gibt es von ihm auch kein psychiatrisches Glaubwürdigkeitsgutachten, obgleich er sich bezüglich seiner Schlafphasen in jener Nacht neunmal widersprach. Erst schwor er, die Nacht durchgeschlafen zu haben, insgesamt 12,5 Stunden tief und fest, dann wieder will er manchmal wach gewesen sein und auf die Uhr geschaut und sich gefragt haben, "was meine Frau jetzt wohl gerade treibt".

Heute lebt Weimar in Ransbach bei seiner Mutter, die ihn von der Umwelt abschirmt. Er leidet an einem hirnorganischen Psychosyndrom: Er hat Wahnvorstellungen und Halluzinationen, hört fremde, bedrohliche Stimmen, die ihn verfolgen und ängstigen, er gilt als suizidgefährdet und zittert stark aufgrund der Neuroleptika, die die Symptome dämpfen sollen. Er zeigt ein Krankheitsbild, dessen Erscheinungen Monika Weimar bei ihren Vernehmungen bereits den Ermittlungsbehörden beschrieben hat: Apathisch und wie geistesabwesend habe er in jener Nacht neben den Toten im Kinderzimmer gesessen. Dem Psychiater Schumacher drängt sich jetzt die Vermutung auf, daß der Vater von Melanie und Karola schon ein Jahr vor deren Tod an dieser schweren seelischen Krankheit litt. Als Monika Weimar diese Symptome bei ihrem Mann auch in Alltagssituationen beschrieb, wurde ihr nicht geglaubt. In der Urteilsbegründung schwingt dieser Vorwurf noch mit.

Das "lebenslänglich" seiner Frau feierte Weimar ausgelassen und ließ sich von Quick-Journalisten 5000 Mark bezahlen für ein Photo, auf dem er vor Freude in die Luft springt. Wenig später erzählt er Journalisten von "schrecklichen Fliegen", die sich in den Augen der toten Kinder eingenistet hätten, als sie im Gebüsch lagen. 1989 wird er in die geschlossene psychiatrische Anstalt eingeliefert, wo er bis heute immer wieder stationär aufgenommnen werden muß, wenn ein neuer psychotischer Schub kommt.

Und immer wieder hat er geredet. Vier Menschen haben es bisher bezeugt. Zwei gelten als "schlechte Zeugen". Sie sind in der mündlichen Verhandlung des Landgerichts Gießen, als es um die Frage der Wiederaufnahme ging, als wenig glaubwürdig eingeschätzt worden. Die Goldschmiedin Edith A., der Weimar während einer kurzen Affäre gestanden haben soll: "Ich habe die Kinder totgemacht." Der Hobbydetektiv Ulrich Flach, der sich 1991 in das Leben des Reinhard Weimar einschlich und ihm in einem Brief vorwarf, der Täter zu sein. In einem folgenden Telephonat will er von Weimar wörtlich gehört haben: "Ja, ja es war so, aber sie hat alles organisiert. . . . Sie sitzt zu Recht, sie hat mich dazu gebracht, es ist alles ihre Schuld. . . . Solange meine Mutter lebt, erfährt von mir keiner was." Seither entwirft Flach Tattheorie um Tattheorie, und mal ist sie und mal ist er der Täter.

Aber es gibt zwei andere Zeuginnen, deren Glaubwürdigkeit nicht in Frage gestellt wird: Auf dem Flur des psychiatrischen Krankenhauses Marburg wird Reinhard Weimar 1990 von einer Mitpatientin wiedererkannt und gefragt, ob er seine Töchter umgebracht habe. "Ja", soll er gesagt haben, "ich habe die Kinder umgebracht, und wäre diese Alte nicht bei dem Bimbo gewesen, so hätte ich sie auch noch umgebracht."

Die Prostituierte Bärbel H., die Reinhard Weimar 1986 zu ihren Kunden zählte, war vor der Tat seine Klagemauer, an der er sich über das Verhältnis seiner Frau zu einem "Ami" ausweinte. Schon bei seinem zweiten Besuch machte er ihr einen Heiratsantrag. Als sie ihn fragte, ob Monika Weimar die Kinder mit nach Amerika nähme, soll er geantwortet haben: "Die fahren nirgendwohin." Er schenkte ihr ein Photo der Mädchen und ein Paßbild von sich selbst und sagte dazu: "Die Photos brauche ich nicht mehr."

Vierzehn Tage nach dem Begräbnis der Töchter tauchte Weimar wieder im Bordell auf. Bärbel H. war außer sich: "Du Scheißkerl, deine Kinder sind noch warm unter der Erde, und du kommst hierher zum Vögeln." Darauf, so die Zeugenaussage von Bärbel H., soll Weimar gesagt haben: "Mir kann keiner was nachweisen, das merk dir!" Erst im März 1995 packt die Prostituierte bei Monika Weimars Anwalt aus. Sie hatte so lange geschwiegen aus Rücksicht auf ihre eigenen Kinder, die die Mutter nicht als Hure in der Zeitung abgebildet sehen sollten.

Vieles spricht gegen ihn. Eine ganze Reihe von Ungereimtheiten belasten auch ihn. Und genauso viele Dinge gibt es, die ihn entlasten. Beweise gibt es auch hier keine. Reinhard Weimar kann dazu zur Zeit keine Stellung nehmen. Er ist aufgrund seiner Krankheit nicht vernehmungs- und verhandlungsfähig. Daß er in dem neuen Verfahren gegen Monika Weimar aussagen wird, gilt als nicht wahrscheinlich.

"Ich hätte mich schon 1985 scheiden lassen sollen. Doch ich war nicht die Frau, die Entscheidungen trifft." Das sagte Monika Weimar bei einem Besuch im Frauengefängnis Preungesheim. Damals, im Februar 1989, wenige Tage nachdem das Bundesverfassungsgericht die Revision des Fuldaer Urteils verworfen hatte, saß Monika Weimar, "innerlich ganz leer", am Tisch im trostlosen Besucherraum. Wer sie sah und sprach, erlebte eine Frau, der wieder eine Hoffnung zerbrochen war: "Ich habe den Glauben an die Gerechtigkeit verloren." Die Inhaftierte sagte auch, daß sie ein reines Gewissen habe: "Ich habe meine Kinder nicht getötet, wenn ich es getan hätte, würde ich nicht mehr leben. Mit ihnen habe ich alles verloren, was mir wichtig war."

Monika Weimar war im Gefängnis oft so verzweifelt, daß sie an Selbstmord dachte: "Das wäre aber als Schuldeingeständnis gewertet worden und als nachträgliche Rechtfertigung für das Fehlurteil." Monika Weimar hat sich verändert. Sie ist nicht mehr die Frau, die sich hilflos und ausgeliefert fühlt. Und sie sagt: "Ich will mich nicht mehr fremdbestimmen lassen."

Nach ihrer Freilassung hat sie verfügt, wohin sie geht und mit wem sie redet. Sie hat eine Journalistin für die ARD-Reportage ihre ersten Schritte in die Freiheit nach London begleiten lassen, aber ein Angebot von RTL über 250 000 Mark für ein Interview abgelehnt. Und sie hat sich vom stern gelöst, der auf seinen "Exklusivvertrag" vom Januar 1994 pochte. Grund war ein niederschmetternder Artikel vom April dieses Jahres über ihre Aussicht auf eine Wiederaufnahme unter der Überschrift: "Lohnt sich das alles noch?" Der Verlag Gruner + Jahr hatte den Verteidiger mit einer einstweiligen Verfügung und einer Strafandrohung von 500 000 Mark oder zwei Jahren Haft dazu zwingen wollen, daß seine Mandantin dem stern vor allen anderen ein Interview gäbe.

Monika Böttcher wartet jetzt auf ihren Prozeß, der im Sommer 1996 beginnen wird. Alles wird wieder neu aufgerollt - sollte sie freigesprochen werden, dann wird sie nicht nach Philippsthal zurückkehren. "Denn dort", sagt Anwalt Strate, "hält man sie bis heute für schuldig."-