Heute lebt Weimar in Ransbach bei seiner Mutter, die ihn von der Umwelt abschirmt. Er leidet an einem hirnorganischen Psychosyndrom: Er hat Wahnvorstellungen und Halluzinationen, hört fremde, bedrohliche Stimmen, die ihn verfolgen und ängstigen, er gilt als suizidgefährdet und zittert stark aufgrund der Neuroleptika, die die Symptome dämpfen sollen. Er zeigt ein Krankheitsbild, dessen Erscheinungen Monika Weimar bei ihren Vernehmungen bereits den Ermittlungsbehörden beschrieben hat: Apathisch und wie geistesabwesend habe er in jener Nacht neben den Toten im Kinderzimmer gesessen. Dem Psychiater Schumacher drängt sich jetzt die Vermutung auf, daß der Vater von Melanie und Karola schon ein Jahr vor deren Tod an dieser schweren seelischen Krankheit litt. Als Monika Weimar diese Symptome bei ihrem Mann auch in Alltagssituationen beschrieb, wurde ihr nicht geglaubt. In der Urteilsbegründung schwingt dieser Vorwurf noch mit.

Das "lebenslänglich" seiner Frau feierte Weimar ausgelassen und ließ sich von Quick-Journalisten 5000 Mark bezahlen für ein Photo, auf dem er vor Freude in die Luft springt. Wenig später erzählt er Journalisten von "schrecklichen Fliegen", die sich in den Augen der toten Kinder eingenistet hätten, als sie im Gebüsch lagen. 1989 wird er in die geschlossene psychiatrische Anstalt eingeliefert, wo er bis heute immer wieder stationär aufgenommnen werden muß, wenn ein neuer psychotischer Schub kommt.

Und immer wieder hat er geredet. Vier Menschen haben es bisher bezeugt. Zwei gelten als "schlechte Zeugen". Sie sind in der mündlichen Verhandlung des Landgerichts Gießen, als es um die Frage der Wiederaufnahme ging, als wenig glaubwürdig eingeschätzt worden. Die Goldschmiedin Edith A., der Weimar während einer kurzen Affäre gestanden haben soll: "Ich habe die Kinder totgemacht." Der Hobbydetektiv Ulrich Flach, der sich 1991 in das Leben des Reinhard Weimar einschlich und ihm in einem Brief vorwarf, der Täter zu sein. In einem folgenden Telephonat will er von Weimar wörtlich gehört haben: "Ja, ja es war so, aber sie hat alles organisiert. . . . Sie sitzt zu Recht, sie hat mich dazu gebracht, es ist alles ihre Schuld. . . . Solange meine Mutter lebt, erfährt von mir keiner was." Seither entwirft Flach Tattheorie um Tattheorie, und mal ist sie und mal ist er der Täter.

Aber es gibt zwei andere Zeuginnen, deren Glaubwürdigkeit nicht in Frage gestellt wird: Auf dem Flur des psychiatrischen Krankenhauses Marburg wird Reinhard Weimar 1990 von einer Mitpatientin wiedererkannt und gefragt, ob er seine Töchter umgebracht habe. "Ja", soll er gesagt haben, "ich habe die Kinder umgebracht, und wäre diese Alte nicht bei dem Bimbo gewesen, so hätte ich sie auch noch umgebracht."

Die Prostituierte Bärbel H., die Reinhard Weimar 1986 zu ihren Kunden zählte, war vor der Tat seine Klagemauer, an der er sich über das Verhältnis seiner Frau zu einem "Ami" ausweinte. Schon bei seinem zweiten Besuch machte er ihr einen Heiratsantrag. Als sie ihn fragte, ob Monika Weimar die Kinder mit nach Amerika nähme, soll er geantwortet haben: "Die fahren nirgendwohin." Er schenkte ihr ein Photo der Mädchen und ein Paßbild von sich selbst und sagte dazu: "Die Photos brauche ich nicht mehr."

Vierzehn Tage nach dem Begräbnis der Töchter tauchte Weimar wieder im Bordell auf. Bärbel H. war außer sich: "Du Scheißkerl, deine Kinder sind noch warm unter der Erde, und du kommst hierher zum Vögeln." Darauf, so die Zeugenaussage von Bärbel H., soll Weimar gesagt haben: "Mir kann keiner was nachweisen, das merk dir!" Erst im März 1995 packt die Prostituierte bei Monika Weimars Anwalt aus. Sie hatte so lange geschwiegen aus Rücksicht auf ihre eigenen Kinder, die die Mutter nicht als Hure in der Zeitung abgebildet sehen sollten.

Vieles spricht gegen ihn. Eine ganze Reihe von Ungereimtheiten belasten auch ihn. Und genauso viele Dinge gibt es, die ihn entlasten. Beweise gibt es auch hier keine. Reinhard Weimar kann dazu zur Zeit keine Stellung nehmen. Er ist aufgrund seiner Krankheit nicht vernehmungs- und verhandlungsfähig. Daß er in dem neuen Verfahren gegen Monika Weimar aussagen wird, gilt als nicht wahrscheinlich.