Pro Sieben, montags: "E. R. - Emergency Room"

Steven Spielberg und Michael Crichton sollen eines Tages zusammengesessen und befunden haben: Die Arzt-Serie darf nicht untergehen. Sie muß wiederbelebt werden - warum nicht durch uns? Und sie schritten zur Tat und schufen "E. R. - Emergency Room", zu deutsch: Notaufnahme.

In der Tat ist diese US-Serie von der besseren Sorte. Man sieht all das, was man längst satt hat: Klinikflure, weiße Kittel, Patienten im Koma, Docs im Entscheidungsnotstand, Schwestern im Streß (und trotzdem sexy). Und die Apparatemedizin macht biep, biep dazu. Aber man guckt trotzdem hin. Wie kommt das?

Die Eigenwerbung für diese Serie lautet: "E. R." macht da weiter, wo herkömmliche Arzt-Serien aufhören. In der Tat wird viel mitgeteilt vom Alltag in so einer Unfallklinik; da sollte, wer kein Blut sehen kann, nicht auf Schonung hoffen. Auch das Medizinerlatein wird dem Publikum einfach so zugemutet; unter diabetischer Ketoacidose muß es sich halt irgendwas vorstellen. Doch es ist nicht der harte Realismus allein, der Hubschrauber auf dem Dach, das blutüberströmte Verkehrsopfer, das vom rasenden Sanitäterteam sozusagen im Fluge aufgefangen wird - es ist noch etwas anderes, was diese Serie herausragen läßt. Ich sage mal: dramatische Personenführung.

In einer deutschen Arzt-Serie ist der Chefarzt gütig, der Oberarzt arrogant, die Stationsschwester zickig und die kleine Hilfsschwester ein Engel. Oder umgekehrt. Die Charaktere liegen fest. Die Konflikte: Klatsch, Amouren, vertuschte Fehler, Schuld und Sühne entzünden sich entlang der Gelegenheiten, die ihnen in dem geschlossenen Klinik-Kosmos eingeräumt werden. Und wenn es darum geht: wie reagiert, wie handelt eine Figur?, braucht der Drehbuchautor nur auf den dazugehörigen Charakter zu gucken, dann weiß er es.

Im neueren amerikanischen Genre-Film ist es - häufig - umgekehrt. Die Charaktere sind nicht definiert, sondern sie müssen im Verlauf der Handlung herausgefunden oder besser: erfühlt, erfahren werden. Wir wissen nicht im voraus, ob Dr. Green dem Patienten die tödliche Diagnose mitteilen oder ob er lügen wird, und wir sehen an seinem Gesicht: Er weiß es selbst noch nicht.

So ist es ja auch im Leben: Charaktere entwickeln sich, indem sie Dinge tun, die sie sich selbst nicht zugetraut hätten - im Guten wie im Bösen. Der amerikanische Film hat einen Weg gefunden, diesen existentialistischen Selbstentwurf in eine Erzählform zu überführen. Er bezieht daraus seine bewunderungswürdige Spannung und seinen Welterfolg.