Hans Christian Andersens Märchen vom "Fliegenden Koffer" erzählt den Wunschtraum seiner Zeit, die Länder und Zeiten so gedankenschnell zu wechseln, wie wir es heute (beinahe) können: "Es war ein sonderbarer Koffer! Sobald man auf das Schloß drückte, konnte der Koffer fliegen; das tat er, wupp, flog er mit ihm durch den Schornstein, hoch hinauf über die Wolken, weiter und weiter fort."

Die Märchenerfindung als Alltagsphantasie - sie ist unseren Möglichkeiten noch immer voraus. Literatur als vorweggenommene Virtual Reality, mit besonders einfacher Handhabung des Fluggeräts. Im Zeitalter der hemmungsarmen Reiselust, des epidemischen Reisefiebers hätte sich H. C. Andersen zweifellos heimisch gefühlt. Er war der vielleicht größte Europareisende seines Jahrhunderts, keineswegs ein verkrochener, spintisierender Märchenonkel der Idylle, vielmehr ein rasender Reporter seiner Zeit mit poetischen Mitteln. Von der mileage her der Prototyp des modernen Reisenden, eine Art Jetsetter mit Postkutsche und Eisenbahn.

Neugierig wie ein Back-pack-Hippie, kontakt- und anerkennungsbedürftig wie ein Yuppie, machte er ganz Europa unsicher. Ob London oder Konstantinopel, Weimar, Berlin oder Paris, Italien oder der Balkan, Spanien, Portugal oder Schweden - in weit über dreißig langen Reisen unter den strapazenreichen Umständen des 19. Jahrhunderts war er Augenzeuge der historischen Entwicklung des ganzen Kontinents. Goethes Reisetätigkeit verblaßt dagegen.

In vielen Reisebüchern und Romanen, in den Tagebüchern und in zahllosen Briefen erzählte Andersen, was er sah und hörte und was sich im geschichtlichen Wandel seiner Lebensjahrzehnte so tat. Deutschland war, schon aus geographischer Bedingung, sein meistbereistes Land, und mit großer Begeisterung berichtet er von seiner ersten Eisenbahnfahrt um 1840, als die Strecke von Magdeburg nach Leipzig gerade eröffnet worden war. "Nur selten habe ich mich so ergriffen gefühlt wie durch diese Reise."

Andersen wäre wahrscheinlich zum notorischen Flugreisenden geworden. In einer Epoche, als nur Vögel und Heißluftballons flogen, schrieb er: "Ich wünschte, ich könnte auf einer Kanonenkugel durch die Sphären reiten." 1831, ein Jahr vor Goethes Tod, brach er, sechsundzwanzigjährig, erstmals nach Deutschland auf. Er benutzte noch das Segelschiff, die Postkutsche und "Schusters Rappen". Mit der Entwicklung von Eisenbahn und Dampfschiff beschleunigte sich im Laufe seines Lebens die Reisegeschwindigkeit gewaltig.

Heute dauert Andersens ersehnter "Ritt durch die Sphären" von Hamburg nach Kopenhagen rund eine Stunde, wenn man den Düsenclipper nimmt. Mit dem Taxi bis zum H. C. Andersen-Boulevard sind es dann noch zehn Minuten.

Die Hauptstadt der ältesten europäischen Monarchie hat noch immer den Charme einer großen Kleinstadt mit integrierter Königin. Die Altstadt zwischen dem drei Hektar großen Platz Kongens Nytorv und dem Vergnügungspark Tivoli, zwischen Schloß Rosenborg und dem Binnenhafen hat soviel reizvolles Normalmaß wie ein gastfreundliches Smörrebröd. Sie bietet sich als eine Art Open-air-Museum für Fußgänger an.