MENGEBOSTEL. - Ruhig ging es zu in dem Heidedorf - ruhig und beschaulich -, bis eines Tages das Jahr 2000 seinen langen Schatten warf und die geplante Weltausstellung in Hannover die Gemüter der 300 Einwohner erhitzte. Ein kühner Plan brachte so manchen Heidjer auf die Palme: Ein Architektenduo aus der Landeshauptstadt hatte sich ausgedacht, am Rande des alten Dorfes ein ganz neues Dorf aus dem Erdboden zu stampfen, Häuser für tausend Menschen zu bauen. Kein gewöhnliches Dorf sollte es werden. Schließlich soll mit der Expo das dritte Jahrtausend eingeläutet werden, wie es die Hochglanzbroschüren verkünden. Und weil das Geld überall knapp ist, hofft nun mancher Investor, sich mit einem Schluck aus der Expo-Pulle für die Zukunft zu stärken.

"Mensch, Natur, Technik", unter diesem Motto der Weltausstellung stand auch das Dorfprojekt. Autos sollten draußen bleiben, Fahrräder und Solarmobile für die Fortbewegung sorgen. Die Kinder sollten ungefährdet spielen und die Erwachsenen nicht nur schlafen und Rasen mähen, sondern auch arbeiten können im Ökodorf. Büros mit Bildschirmarbeitsplätzen waren geplant, Bäcker und Gärtner, Fleischer und Therapeuten, Maler und Bildhauer sollten sich niederlassen dürfen, ein Pferde- und ein Recyclinghof waren ebenso vorgesehen wie ein Hotel. Nicht nur Einfamilienhäuser sollten entstehen, sondern auch Bauten in der Größe von Bauernhöfen, verbunden durch Gemeinschaftsgärten. Ein richtiger Platz könnte dem Dorf eine Mitte geben, und Wind und Sonne sollten für die nötige Energie sorgen. Ein schöner Plan. Doch daraus wurde nichts.

Das neue Dorf spaltete das alte. Die einen warnten vor Überfremdung, die andern vor Naturzerstörung. Manch Bauer hoffte auf Millionen durch lukrativen Landverkauf. Andere fürchteten, daß sie künftig keinen Mist mehr machen dürften, weil es den zugereisten Städtern stinken würde. Fallingbostel, in deren Gemarkung Mengebostel liegt, hätte die Idee der Architekten gern in die Tat umgesetzt. Über den dörflichen Aufruhr aber wollte der Rat sich nicht hinwegsetzen. Eine Bürgerbefragung gab den Ausschlag. Und so kam es denn auch. Nur 46 waren dafür, 173 dagegen. Abgelehnt.

Gestorben ist das "Neue Dorf" damit aber noch nicht. Der Fallingbostler Stadtrat hat einstimmig entschieden, das Ökoprojekt dennoch zu unterstützen. Zur Debatte stehen jetzt zwei alternative Standorte in einer anderen Gemeinde. Doch auch hier regt sich schon ein erster Widerstand. Ein Leserbriefschreiber schimpft in der Walsroder Zeitung über die drohende Zersiedelung der Landschaft und verdammt ausgerechnet das naturnahe Musterdorf als "Verbrechen gegenüber der Schöpfung".

Vorhaben wie das "Neue Dorf" sorgen derzeit auch andernorts für Aufregung. Die Weltausstellung beflügelt die Phantasie der Niedersachsen. Und das ist so gewollt. Denn die Expo 2000 soll sich nicht auf das Ausstellungsgelände in Hannover beschränken, sondern die Provinz einbeziehen. "Stadt und Land als Exponat" lautet das Motto eines Ideenwettbewerbs. Aus 183 Vorschlägen hat eine Jury bereits 45 Projekte ausgewählt und zur offiziellen Registrierung für die Expo empfohlen.

Dabei geht es nicht nur um Ehre, sondern auch um Geld. Insgesamt 300 Millionen Mark stehen zur Anschubfinanzierung solcher Vorzeigeprojekte zur Verfügung. Hier soll ein abgetorftes Moor zu neuem Leben erweckt, dort ein Wald zum "Weltforum" werden, Stroh- und Holzkraftwerke sind geplant, das krisengeschüttelte Wilhelmshaven will mit einer "Expo am Meer" maritime Akzente setzen, und der Lebensgarten Steyerberg demonstrieren, wie aus einer Rüstungsfabrik eine alternative Siedlung entstanden ist, in der sich Ökologie und Esoterik treffen.

Ein Dutzend Expo-Projekte konzentriert sich auf Hannover. Der Zoo will für ein neues Miteinander von Mensch und Tier werben, die Krankenhäuser wollen die Umwelt schonen, die Stadtwerke Energie sparen. Ein internationales Jugendzentrum, ein regionales Klimaschutzprogramm und ein "kooperatives Verkehrsleitsystem" - Hannover rüstet sich. Von ökologischem Stadtumbau anstelle einer zentralen Großausstellung ist zwar keine Rede mehr, an Grün aber soll es nicht fehlen. Die Stadt will sich als großer Garten in Szene setzen.