Schweinehund? Hasan Özen blätterte. Er wurde fündig auf Seite 425: "Domuz Köpegi" lautete die Übersetzung in die Sprache seiner Heimat. Das kleine, abgegriffene Wörterbuch in blauem Plastikeinband war immer dabei, wenn der Türke seine Tasche packte und zur Arbeit ging. Begriffe wie "Schweinehund" waren wichtig, um verstehen zu lernen, worüber seine deutschen Arbeitskollegen im Duisburger Mannesmann-Werk sprachen.

Als der heute 55jährige Özen am 7. November 1963 am Duisburger Hauptbahnhof ankam, konnte er kein Deutsch. Er hatte sich darüber auch wenig Gedanken gemacht, weil er ohnehin gleich wieder zurück wollte, nach Sivas in Anatolien, um in der nächstgrößeren Stadt ein Taxiunternehmen aufzumachen. Doch es sollte anders kommen wie für die meisten Türken seiner Generation, die in Deutschland "Gastarbeiter" hießen. Özen und die anderen 83 Türken, die gleichzeitig mit ihm ankamen, wurden freudig begrüßt. Deutsche Frauen, Männer und Kinder standen damals am Bahnsteig, winkten und überbrachten Blumen, die die Werksleitung bezahlt hatte. Das deutsch-türkische Wörterbuch kaufte Özen von seinem ersten deutschen Geld. Genau fünfzig Mark Taschengeld wurden an jenem 7. November verteilt, nachdem die Türken in einer der Werksbaracken einquartiert worden waren. Vier Mann pro Zimmer, achtzig pro Baracke.

Das Wörterbuch brauchte er auch, um den Vertrag zu verstehen, den er unterschreiben sollte. Özen unterzeichnete. Daraufhin arbeitete er im giftigen Gestank einer Eisenbahnreparaturhalle und erneuerte Pufferringe an den Waggons. Er trug überlange Handschuhe, die bis zum Oberarm reichten, denn er mußte tief in die eingefettete Mechanik greifen und schrauben. Als Özen den dreckigen Job hinwerfen wollte, weil er keine Perspektive sah und von seinen 180 Mark Monatslohn 60 Mark Miete zahlen mußte, wurde er versetzt. Italiener waren neu hinzugekommen.

Özen wurde für die Montage auf einer Kupferhütte gebraucht und arbeitete ungesichert in sechzig Meter Höhe. Er entging nur knapp einem Unfall und kündigte. Später heuerte er als Rangierer bei Mannesmann an. In den Pausen, wenn er auf das Eintreffen der Güterwaggons wartete, las Özen in seinem blauen Buch. Manche Wörter kennzeichnete er, weil er sie so oft benötigte, andere versah er mit zusätzlichen Kommentaren. "Vorsicht, Gleisverkehr" stand auf einem Hinweisschild in der Werkshalle, und Özen blätterte.

Mittags nahm Özen das Buch in den Pausenraum mit und legte es auf den Tisch vor seinem Sitzplatz. Eines Tages stellte er sein heißes Teeglas im Eifer des Gesprächs auf seine 618seitige Eintrittskarte in die deutsche Kultur, vergaß den dampfenden Tee, vergaß das Buch und erzählte von sich. Davon zeugt die verschmorte Stelle am blauen Einband. Heute steht das Lexikon auf dem unteren Regalbrett seines Fernsehtisches.

Auch weiterhin brauchte er das Nachschlagewerk. 1967, inmitten der Wirtschaftskrise, hörte Özen auf einmal Worte, die er überhaupt nicht kannte: "Itaker" und "Polacken", und auf die Toilettenwände wurden Türkenwitze gekritzelt. Özen blätterte lange vergeblich, erkannte aber schließlich die Bedeutung der Worte und erschrak.

Er wollte sich mit den Feindseligkeiten nicht abfinden. Wenn manche deutschen Kollegen zum x-ten Male behaupteten, daß Türken deutsche Arbeitsplätze wegnähmen, fragte er sie: "Was meinst du, wer die Drecksarbeit machen muß, wenn wir weg sind? Ihr, die Deutschen." 1975 wurde Hasan Özen in den Mannesmann-Betriebsrat gewählt. Er kämpfte für die deutsch-türkische Verständigung und versuchte, "persönliche Beziehungen herzustellen". Als das türkische Ghetto in Duisburg-Hüttenheim, eine heruntergekommene Mannesmann-Siedlung, vor elf Jahren abgerissen werden sollte, gründete Özen eine Initiative und fand einen Investor, der die baufälligen Häuser renovierte. Türken und Deutsche sind dort inzwischen Nachbarn. Aus einer Schublade kramt Özen die amtliche Anerkennung für dieses Engagement hervor: das Bundesverdienstkreuz.