Allein Leichtathleten können dieser Gegend am Stadtrand von Zürich Gutes abgewinnen. Und auch das nur einmal im Jahr, wenn im Letzigrund- Stadion das bedeutendste, rekordträchtigste der vier großen Sommermeetings gefeiert wird.

Die aber dort, im Schatten des riesigen Schlachthofs, wohnen oder arbeiten, leben allzu weit weg von ihrer Stadt. Sofern sie die Tristesse überhaupt noch wahrnehmen, üben sie sich in Spott, ausgesetzt auf dem "Archipel Gulasch".

Ausgerechnet hier ist die Redaktion von du zu Hause.

du?

Diesen schlichten Titel trägt eine Zeitschrift, die im deutschsprachigen Raum ohne Beispiel ist. Nach dem Verständnis ihres Chefredakteurs Dieter Bachmann "eine europäische Kulturzeitschrift in deutscher Sprache, die in Zürich erscheint" (im Verlag TA-Media AG, siehe Kasten auf dieser Seite).

Seit 1941 kommt das Blatt heraus, Monat für Monat. Sein scheinbar banaler Titel ist gleichsam ein romantisierender Reflex auf die herrschenden Kriegszeiten. Nicht gedacht als "Zudringlichkeit", wie es im Gründungseditorial zu lesen stand, sondern als Aufforderung an die Menschen, in Frieden zusammenzuleben.

Unterdessen bezeichnet der Untertitel Inhalt und Selbstbewußtsein genauer: Die Zeitschrift der Kultur. Tatsächlich ist "das du" zur Institution geworden, wieder geworden - in der Schweiz. Die europäische Provenienz, die weltweit aufgesammelten Themen haben nämlich bis heute der Zeitschrift nicht so recht zu entsprechender Verbreitung verholfen, kaum auch dort, wo noch deutsch gesprochen und gelesen wird.

Die Hefte widmen sich immer nur jeweils einem Thema. Und ein recht willkürlicher Blick auf Ausgaben jüngst vergangener Jahre mag erst einmal zeigen, wie vielfarbig das angebotene Spektrum ist und wie schwer es sein müßte, darin ein System zu suchen, verfällt man nicht der leicht großspurigen Idee, einer Enzyklopädie des 20. Jahrhunderts beim Entstehen zuzusehen.

Ein paar Themen also, zufällig gewählt und auch deshalb nur grob geordnet, weil selbst Teilordnungen schwer zu finden sind: Städtebilder von Tanger, Berlin und Triest; Literarisches über Albert Camus, Uwe Johnson, Friedrich Dürrenmatt, Ingeborg Bachmann; dazu: Alkoholismus, Islam, Melancholie, der Sonntag, Glenn Gould (der Pianist).

Roger de Weck, Chef des im selben Verlag erscheinenden Zürcher Tages-Anzeigers, sagt bewundernd von seinen Kollegen: "Die haben den Mut zur Verwegenheit." Jedenfalls folgen sie einem durchaus nicht klassischen, schon gar nicht rein schweizerischen Kulturbegriff.

Frage an Dieter Bachmann, den du-Chef: Wenn also du die Zeitschrift der Kultur ist, was ist: Kultur?

Seine Antwort verführt den Besucher zu glauben, daß Albert Camus oder die Melancholie nicht zufällig ins du geraten sind. Bachmann sagt: "Kultur ist, angesichts des Todes das Leben zu bedenken." Und dann, als wolle er das zitatschwere Pathos von sich schütteln, sagt er schnell noch: Als Kultur hätten "alle Phänomene des Lebens" zu gelten, "die Ausdruck des gesellschaftlichen Lebens sind".

Wer so vielfältige kulturelle Facetten vorführt, braucht ein hohes Abstraktionsniveau, sie zusammenzubinden.

Daß der redaktionelle Alltag so sperrig nicht ist, belegt eindrucksvoll ein Tag auf dem Gelände hinterm Schlachthof. Fast die ganze Mannschaft - du hat, wirklich kaum glaublich, nur 7,5 Planstellen - sitzt beisammen. Man redet nicht über ein Heft, nein über gleich sechs. So weit reicht die Planung, mindestens. Sogar zwei Jahre vergehen gelegentlich von der ersten Idee bis zum Erscheinen. Jeder ist verantwortlich für ein Thema, unterstützt von einem Adlatus. Alle sind über alles informiert, um mitdenken zu können.

Der Ton ist leicht. Man hört einander zu. Nichts wird totgelacht oder abgebürstet. Das verdürbe die Chance, eine Idee sich entwickeln zu lassen. Die Selbstdarstellung ist unfreiwillig: Der eine hat Berge von Material und Bildern mitgebracht, der andere wohlgeordnete Akten, der dritte sein Gedächtnis. Alle Methoden führen zum Ziel. Themen, Autoren, Bilder.

Dieter Bachmann achtet vor allem darauf, daß Einfälle zum Thema nicht zu erwartbar sind. Einmal sagt er: far out, insofern sehr willkommen.

Denn auch dies gehört zu seinem Kulturverständnis und dem der Redaktion: "das Störende, Unregelmäßige". Auch die Lust. "Die Erwartungskonformität aufbrechen, subversiv sein, das muß doch Spaß machen", sagt er. Und kein Lob könnte größer sein als dies: "Das Heft (es handelte von Insekten) hat herrlich quer gelegen." Es gefällt ihm, unzuverlässig zu sein, und das: zuverlässig. Und er denkt bei der Gelegenheit, dies alles von der Schweiz aus zu tun, sei schon recht; das Land selbst sei unwichtig und infolgedessen bestens geeignet als Durchgangsort für Ideen.

Beschreibt all dies eine elitäre Position? Da wird er munter: "Ich will immer wieder probieren: spielerisch, gebildet, elitär - kann man das noch machen?" Und wenn ihn auch durchaus nicht interessiert, was Marktforscher glauben, was Leser wollen, so besteht er doch darauf, es müsse Leser geben, die Qualität wollen.

Und die sind bei du wahrlich bestens aufgehoben.

Wer Texte lesen kann und will, wer dem allgegenwärtigen Beschuß durch elektronisches Geflimmer so weit trotzen kann, daß ruhige Photoreportagen noch das Auge erreichen, wer Sinn für die Seitengestaltung behalten hat und den Zeitgeist sich selbst überlassen kann, der findet, in der Regel, Hefte, die ihn gleichsam ansaugen.

Die Texte: Das Blatt bietet eine Mischung bekannter und unbekannter Autoren. Nicht der Name zählt (zumeist), sondern der durchaus gelegentlich verquere Zugang zum Thema. Da versammeln sich nicht die berühmten Edelfedern. Die Sprache hat oft einen beinahe dokumentarischen, auch spröden Ton. Bachmann will seinen Lesern durchaus "Textmengen zumuten" und wendet diese Überzeugung ironisch: "Manchmal kann man den Leuten Texte nicht ersparen." Daß das Lesen auch Arbeit machen kann, weiß er. Soll es. Zwischentitel, Vorspänne - wozu. "Ich will es den Leuten nicht scheinbar leichter machen." Ist das arrogant? "Ein bißchen sind wir das, ja, aber nicht snobby. Snobby sollten wir nicht sein." Das hieße, Menchen zu verachten.

Die Photos: du ist eines der letzten Refugien der großen Photoreportage. So hat es begonnen, 1941, als "das neue Sehen" die Leute zunächst verschreckte, weil die Realität das Kunstphoto verdrängte. So ist es geblieben. Namen wie Brassai, Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, Gisèle Freund oder Edward Steichen haben eine Tradition gebildet, der die heutige Mannschaft folgt. Dabei dienen die Photos "prinzipiell nicht der Illustration des Textes. Sie haben ihre eigene Dramaturgie und Grammatik" (Bachmann). Das Layout hat dem zu dienen.

Die Gestaltung der Seiten: Hier ist der Zeitgeist besonders fern. Keine kleinen bunten Kästchen, kein Geschnipsel zum raschen Aufnehmen und Vergessen. Statt dessen: große, ruhige, durchaus auch graue Flächen. Nichts darf deren Komposition stören. Das ist ein schönes, ein puristisches Konzept, das freilich mit einer gewissen Gebrauchsunfreundlichkeit bezahlt werden muß. Das beginnt mit kargen, auch zuweilen mystischen Überschriften (derlei nennt man hier feuilletonistisch), und es endet mit dem gänzlichen Fehlen von Autoren- und Quellenhinweisen. Die lassen sich zwar am Schluß des Blattes aufspüren, aber auch da erst nach langer, unbeirrbarer Suche. Der Leser lernt: Schön ist unpraktisch, oder: Praktisch ist schön nicht.

Zwei Besonderheiten noch: Das Editorial zu Beginn des Heftes, das neben seinen üblichen Aufgaben immer wieder Kollisionen mit der Aktualität entschärfen muß. Und der Kalender mit seinen Hinweisen auf kulturelle Veranstaltungen. Eingebaut sind zahlreiche Lesekostbarkeiten: literarische Zitate und, soweit namentlich nicht gekennzeichnet, skurrile, bisweilen bizarre, oft auch komische Einfälle des zuständigen Redakteurs.

So wie das du heute aussieht, erscheint es seit 1988. Dieter Bachmann, Schriftsteller, Dramaturg, Reporter, hatte die Führung übernommen und eine schon Jahrzehnte früher praktizierte Idee zum Konzept gemacht: ein Heft, ein Thema. Anlaß für die Neuorientierung hatte die Übernahme der Zeitschrift durch den TA-Media Verlag geboten. Der ZEIT war das damals eine Träne wert. Unter der Überschrift "Adieu Du?" war (am 29. Januar 1988) zu lesen: ". . . die seit 1941 erscheinende Zeitschrift wurde an die Tagesanzeiger AG verkauft . . . und nun soll alles ganz anders werden."

Das wurde es. Es wurde besser. Denn das Blatt war, nach jahrzehntelanger Blüte, ein wenig bieder geworden. Der neue Eigentümer aber handelte anders als etwa der Spiegel-Verlag, der Hans Magnus Enzensbergers Transatlantik, ein in Grenzen dem du vergleichbares Produkt, bald nach der Übernahme im März 1991 sterben ließ. Zu teuer.

Teuer, streng betriebswirtschaftlich zu teuer, ist auch du. Es macht im Jahr rund eine Million Franken Verlust. Daß der Verleger Hans Heinrich Coninx dennoch sagt, "ich bin ein leidenschaftlicher Verfechter des du", daß auch die Familie im Verwaltungsrat "ein klares Signal zum Weitermachen" gegeben hat, darf als rares Zeichen publizistischen Verlegerwillens gedeutet werden. Coninx: "Man muß auch für das gesamte gesellschaftspolitische Biotop was machen, was nicht nur immer wieder Geld einbringt. Und sein Geschäftsführer Michel Favre stellt lakonisch fest: "Es muß kein Geld verdienen." Aber einen Weg, das "hochqualitative Blatt wirtschaftlich zu machen", den fände er schon gern.

Vielleicht führt der ihn nach Deutschland. Denn von der rapide auf jetzt durchschnittlich 30 000 Stück gestiegenen Auflage kommen nur 5000 bis 9000 über den Rhein in die deutschen Buchläden, wo das Blatt auch abonniert werden kann. Früher hat man's an den Kiosken versucht, mit mäßigem Erfolg. Aber "im Buchladen", sagt Bachmann, "da sind wir nun in der richtigen Gesellschaft".

Daß das du, trotz des großen Formats (es ist deutlich höher und ein wenig breiter als der stern), durchaus Buch-Charakter hat, ist einer weiteren mäzenatischen Tat des Verlegers zu verdanken: Anzeigen sind allein vorn in der Umgebung des Editorials und hinten, im Kalender, zu sehen. Das eigentliche Thema bleibt frei.

"Das Heft ist unteilbar", kommentiert Dieter Bachmann. "Wenn sich das ändern würde, liefe ich am selben Tag fristlos weg."

Der Mann macht im Gespräch keinen flüchtigen Eindruck.