Was dieser Mann nicht alles kann: Über 230 Meter springt er von einer Staudamm-Mauer an einem Bungee-Seil in die Tiefe. Über einen Abgrund segelt er einem herrenlosen Flugzeug nach und bewahrt es vorm Absturz. Der Umklammerung einer monströsen Frau, die Liebes- und Mordakt zugleich im Sinn hat, entledigt er sich mit rüder Gewalt. Einen russischen General jagt er im Panzer durch Sankt Petersburg. In Kuba schafft er es, keinem einzigen Kubaner zu begegnen. Er ist gefesselt und geknebelt, als eine Rakete auf ihn zufliegt, und sitzt gefangen in einem stahlgepanzerten Waggon, während darunter eine Bombe tickt - und überlebt dennoch. Sein Name ist Bond, James Bond. "Ready to save the world again?"

Nach dem unvergleichlichen Sean Connery, der Bond als wollüstigen Zyniker gab, und dem stoischen Roger Moore, der brav die Designer-Klamotten trug, in denen die Stuntmen ihre Shows boten, soll nun mit Pierce Brosnan alles ganz anders werden. Das heißt, das alte Rezept soll schon weiterhin genutzt, nur der Cocktail nicht länger gerührt, sondern geschüttelt werden. Also noch greller der Feuerzauber, noch rasanter die Reisen rund um den Globus, noch extravaganter die Ausstattung, noch satanischer die Bösewichter, denen es mit allen Mitteln zu trotzen gilt. Gelegentlich sogar mit Ironie. "Bitte bedenken Sie, Sie haben zwar die Lizenz zum Töten, aber nicht das Recht, die Verkehrsregeln zu mißachten!"

Doch Bond beginnt langsam (und das ist in "Goldeneye" erstmals angedeutet), ein altmodischer Held zu werden. Er glaubt noch an die Macht der Tat: kämpft, prügelt sich, schießt, tötet. Aber die eigentlichen Schlachten finden in unsichtbaren Datennetzen statt. Hätte er nicht die smarte Programmiererin an seiner Seite, liefe er den Bösewichtern wohl hilflos hinterher. So werden langsam auch die extensiven Schauwerte zum Problem. Wenn nichts wirkt außer dem thrill des Bumbums, bleiben letztlich nur Schall und Rauch. Die Uhr für 007 läuft ab. Was auch heißen könnte: Alles wäre neu zu installieren - mit Schirm, Charme und noch mehr Ironie. Pierce Brosnan hätte jedenfalls das Zeug dazu.

In den sechziger Jahren schrieb ein Kritiker, Bonds Sexverhalten sei nur mit der "schmutzigen Phantasie eines Schuljungen" zu vergleichen. Und Sean Connery selbst erklärte, er hätte nichts dagegen, wenn Bond an Rheumatismus erkrankte und von ein paar Mädchen beseitigt würde. In "Goldeneye" bekommt (32 Jahre nach Lotte Lenya in "Dr. No") wieder einmal ein Mädchen ihre Chance dazu. Daß sie sie nicht nutzen darf, ist Seriengesetz. Aber immerhin wird sichtbar, wie unterlegen Bond im Grunde ist. Er braucht inzwischen Netz und doppelten Boden, um über seine Runden zu kommen.

Filme, die sich nur dem Auge hingeben und dessen Lust: "Kino der Attraktionen" nannte man das früher gerne. Schöne Frauen, teure Drinks, mondäne Hotels, schicke Autos. Und mittendrin ein charmanter Bursche, der augenzwinkernd andeutet, wie unsinnig die ganze Chose ist. Einmal rollt er für zehn Sekunden in einem BMW-Cabrio an (auf Kuba), nur damit unsere wackeren Bayern Stoff für ihren neuesten Werbespot kriegen. In seinem innersten Kern ist James Bond der Donald Duck des Kinos: der tapsige Trottel, der sich groß aufspielt, um zu zeigen, wie dümmlich alle Allmachtsphantasien sind. Eine Persiflage, die fatalerweise ernst genommen wird.

Ob auch dieser Bond am Ende wieder einmal die Welt rettet? Na, was glauben Sie denn!