Zum Beispiel diese Szene, in Ettore Scolas "Wie spät ist es?", vor sieben Jahren: Da sitzt er auf der Couch bei Anne Parillaud, in ihrer Wohnung, und sie ist die Freundin seines Sohnes, und er ist der besorgte Papa, hergereist aus Rom, um nach dem Rechten zu sehen, und er schaut ihr zu, wie sie halbnackt aus dem Badezimmer kommt, sich anzieht, ihre Haare schüttelt, und sie ist jung und schlank, und er schaut und schaut. Und dann fragt er, ganz nebenbei, wie das denn so sei mit ihr und seinem Michele, dem Taugenichts, wenn sie zusammen wären, das heißt, sie wisse schon, nun ja, er meine, wenn sie also zusammen im Bett - na ja, und . . . "Und?" - "Nichts, nichts." Und dann grinst er dieses Clownsgrinsen, von einem Ohr zum anderen, und rührt mit den Händen durch die Zimmerluft und blinzelt und zwinkert mit hochgezogenen Brauen . . . Und dann ist er still.

Wie spät war es da? Schon sehr spät.

Und noch später dann, in "Allen geht's gut" von Giuseppe Tornatore, die Szene im Zugabteil: wie er den anderen Reisenden das Photo seiner Kinder zeigt, fünf Kinder, Guglielmo, Alvaro, Canio, Norma und Tosca, und alle haben es zu etwas gebracht, und allen geht's gut - und dazu das Greisenlächeln unter dem Schnurrbart und die Kinderaugen hinter der dicken Hornbrille, die Finger, die über das Photo flattern, seht her, seht doch, . . . zu spät, viel zu spät.

Und dann, endlich, im "Schwebenden Schritt des Storches" von Theo Angelopoulos, war er verschwunden. Einfach weg. Man sah ihn, aber er war nicht da. Man hörte ihn reden, aber er schwieg. Und Jeanne Moreau, die ihn suchte, erkannte ihn nicht, denn es gab ihn nicht mehr. Er war ein Fremder geworden, irgendeiner in einer griechischen Grenzstadt, ohne Namen, ohne Paß. Der Fluß, der an der Stadt vorbeifloß, trug ihn davon.

So ging der Mann, der Guido Anselmi gewesen war und Curzio Malaparte und Fred alias Pippo und Snaporaz, der mit Anita Ekberg im TreviBrunnen gebadet hatte und mit Anna Karina im Mittelmeer, der durch die Stadt der Frauen und beinahe auch (in Fellinis nie gedrehter "Reise des G. Mastorna") durch die Stadt der Toten spaziert war, aus den Bildern fort. Was ihm gehörte, das Grinsen, das Zwinkern, die flatternden Hände und diese Stimme, mit der er in Nikita Michalkows "Schwarze Augen" (1987) immer wieder "Sabatchka! Sabatchka!" - "Hündchen! Hündchen!" - ruft, bis die Besitzerin des Hündchens ihm auf sein Zimmer folgt, nahm er mit. Was allen gehört, die Erinnerung, ließ er da.

Marcello Mastroianni , am 28. September 1924 als Sohn eines Kunstschreiners in Fontana Liri bei Frosinone geboren, wurde 1948 von Luchino Visconti für das Theater entdeckt. In Viscontis Truppe spielte Mastroianni den Stanley Kowalsky in "Endstation Sehnsucht", den Diomedes in "Troilus und Cressida" und den Gió in "Tod eines Handlungsreisenden", und Visconti war es auch, der ihm die erste wichtige Filmrolle gab - 1957 in "Weiße Nächte". Da spaziert er mit Maria Schell durch eine edelgraue Kulissenlandschaft, rehäugig, traurig und schmal, ein Dostojewskij-Held aus Italien. Der Film gewann einen Preis in Venedig und wurde ein Flop. Aber schon im Jahr darauf stand Mastroianni neben Totó und Vittorio Gassmann in Mario Monicellis Komödie "Diebe haben's schwer" vor der Kamera, schwamm im Erfolg des Films nach oben und blieb fortan auf die Rolle des zärtlichen Halunken, flotten Versagers und betrogenen Betrügers abonniert - bei Mauro Bolognini ("Bel Antonio"), Pietro Germi ("Scheidung auf italienisch"), Vittorio de Sica ("Gestern, heute, morgen") und in zahllosen anderen Filmen und Filmchen. Denn Marcello Mastroianni legte nicht, wie andere Kinostars, zwischen den Rollen Erholungspausen ein. Er ging von einem Dreh zum nächsten, drei- oder viermal pro Jahr, atemlos, rastlos, besessen. Ein Schauspieler sei "eine leere Schachtel", erklärte er, und diese Schachtel wollte gefüllt werden, immer wieder und bis zum Rand. In 47 Jahren drehte er so gut hundertfünfzig Filme. Noch als Todkranker trat er in Raoul Ruiz' Kinomärchen "Drei Leben und ein Tod" auf, neben Chiara, seiner Tochter aus der Beziehung mit Cathérine Deneuve. Und wer ihn spielen sah, der glaubte nicht an seinen Tod.