Verrat oder normaler Parteiwechsel in der Demokratie? Der Übertritt von sieben Bürgerrechtlern der ehemaligen DDR in die CDU hat in der vergangenen Woche Schockwellen ausgelöst. Es gehört wohl zur fatalen Logik der Öffentlichkeit, daß nichts die politischen Raster stärker festigt als der Verstoß gegen sie: Wer die Partei wechselt, ist allemal ein Überläufer.

Aber dieses Wort selbst entstammt dem Lagerdenken. Daß die Parteien ihre Palisaden prompt verstärkten, dazu haben Vera Lengsfeld, Angelika Barbe, Günter Nooke und die anderen vier mit ihrem Wort vom kommenden "Richtungswahlkampf 1998" beigetragen. So wurde prompt vom Auftakt einer neuerlichen "Rote-Socken"-Kampagne des CDU-Generalsekretärs Peter Hintze gesprochen. Grüne Bürgerrechtler wie Werner Schulz und Marianne Birthler fühlen sich von Vera Lengsfeld "richtig hintergangen". Verraten kommt sich auch der SPD-Parlamentarier Stephan Hilsberg vor, der einst mit Angelika Barbe zu den Gründern der Ost-SPD gehörte. Aber gerade diese drei sind es, die hinter dem Schritt der Abtrünnigen auch das Krisenmoment in ihren einzelnen Parteien erkennen können.

Die Frage der Anklage - wie kann man ausgerechnet zur CDU gehen? - zielt auf das Verhältnis von Politik und Moral, das in Ostdeutschland anders geschichtet ist als in Westdeutschland. Günter Nooke wurde sofort als Wiedergänger von Franz Josef Strauß behandelt, als er von der Entscheidung zwischen Freiheit und Sozialismus sprach, die bei der Bundestagswahl 1998 anstehe. Das zeigt: Noch immer werden die DDR-Bürgerrechtler automatisch zum linken Lager gerechnet, obwohl sie alle den Links-rechts-Schematismus westdeutscher Prägung kritisieren. Werner Schulz' Verachtung für die "parlamentarische Gesäßgeographie" ist bekannt.

Auf Günter Nooke und den Pfarrer und Religionssoziologen Ehrhart Neubert trifft die Kategorie "Überläufer" ohnehin nicht zu. Beide haben zusammen mit dem christdemokratischen Umweltminister von Sachsen, Arnold Vaatz, den Gruppenauftritt organisiert und rechnen sich das Presseecho als persönlichen Erfolg an. Beide arbeiten schon seit längerer Zeit intensiv mit der CDU zusammen, beispielsweise in der Grundwertekommission der CDU Brandenburg. Ihr Papier hat die Union mit einigen Korrekturen übernommen. Sowohl Neubert als auch Nooke gehörten 1989 zum Demokratischen Aufbruch, lehnten aber Kohls Allianz für Deutschland ab. Günter Nooke, ein schwerblütiger, sturer Politiker, gilt auch bei seinen neuen Gegnern immer noch als "politisches Naturtalent". Nur Wolfgang Wieland, der grüne Fraktionsvorsitzende in Berlin, erlaubte es sich, ihn als "Amokläufer" zu titulieren. Denn Nooke hatte im März 1994 mit einem Wort Manfred Stolpe habe vor dem Untersuchungsausschuß "gelogen" die damalige Ampelkoalition in Brandenburg platzen lassen. Nookes Ziel war von Anfang an eine Alternative zum westdeutschen Parteiensystem. Aber nicht nur deswegen war er 1993 gegen den Zusammenschluß von Bündnis 90 mit den Grünen. In einem Streitgespräch mit Joschka Fischer lehnte er grüne Politik als "linke Alternative" ab. Der Physiker bekannte sich seinerzeit zu einer "wertkonservativen", "religiösen", "bodenständigen" Haltung. Seine Parteivorstellung: eine "innovative" Partei als "Problembündnis", jenseits des "linksalternativen Milieus". Nun setzt er auf die CDU, "denn ich habe mittlerweile mein Ideal von einer autonomen ostdeutschen Bewegung abgespeckt".

Günter Nooke arbeitet gegenwärtig in Berlin als Abteilungsleiter Controlling in der staatlichen Geschäftsstelle für Braunkohlesanierung. Ehrhart Neubert hat kürzlich ein Buch über die Geschichte der DDR-Opposition fertiggestellt. Beide kehren mit ihrem Eintritt in die CDU zur Politik zurück. Nooke wird gar als denkbarer CDU-Vorsitzender in Brandenburg und mithin als wirksamer Stolpe-Gegner gehandelt. Neuberts Motiv für den Wechsel zur Union: "Wir wollen nicht mehr bloß mit dem Pfund, das wir vor sieben Jahren uns erworben haben, weiter hausieren gehen." Neubert erwartet in der CDU nicht nur eine größere Chance zur programmatischen Arbeit, sondern auch eine größere Nähe im Hinblick auf Grundwerte. Ihn "stört wahnsinnig", daß die Regierung Stolpe durch die Einführung des Schulfaches LER (Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde) als Ersatz für den Religionsunterricht die kirchenfeindliche Politik der DDR fortsetze.

Alle sieben Bürgerrechtler wollten selbstverständlich ein Signal setzen gegen die Machtbeteiligung der PDS und gegen den "Schmusekurs" der Grünen und der SPD gegenüber den SED-Nachfolgern. Beim Thema "DDR-Vergangenheit" hat sich ohnehin in den vergangenen Jahren ein persönlich geprägtes Vertrauensverhältnis zwischen CDU und Bürgerrechtlern entwickelt. Das von Helmut Kohl gemeinsam mit der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley beförderte "Bürgerbüro" war nur ein Endpunkt. Weit mehr zählte das CDU-Engagement in der Enquetekommission zur "Aufarbeitung des SED-Unrechts". Alle sieben betonen, daß die CDU sich unzweideutig zur PDS und ihrer Vergangenheit verhalte. Und setzen dann, wie Neubert, leise hinzu, der Einfluß der "Blockflöten", also der DDR-CDU, sei ja innerhalb der Union "geringer" geworden. Sie fühlen sich im nachhinein von Wolfgang Thierses Strategiepapier, das er in den SPD-Parteivorstand eingebracht hat, zusätzlich bestätigt. Dort wird vorgeschlagen, die Koalitions- oder Tolerierungsfrage mit den SED-Nachfolgern erst nach dem Wahlausgang in den Ländern zu thematisieren. Aber Werner Schulz von Bündnis 90/Die Grünen nimmt seiner ehemaligen Fraktionskollegin Vera Lengsfeld solche Motive nicht ab. Sie komme jetzt mit der "billigen PDS-Frage", habe ihn aber überhaupt nicht unterstützt, als er beim Parteitag in Suhl die Grünen, gegen Jürgen Trittins Vorstellung, auf eine Ablehnung einer PDS-Koalition festlegte. Für die Angst der Vera Lengsfeld vor der PDS gibt es allerdings genug biographische Gründe. Dazu gehören in der DDR die Haft und die Tatsache, daß ihr damaliger Mann, Knud Wollenberger, ein "Oibe", ein "Offizier im besonderen Auftrag" war, der den Spitzeleinsatz aller anderen IMs um sie herum koordinierte.