Die Autorin, Gabriele Prinzessin zu Wittgenstein, war als junges Mädchen in Berlin bei einem Bildhauer in der Lehre. 1934 hatte sie dort ein absurdes Erlebnis: Im Beisein von Hitler, Goebbels und anderen Nazigrößen spielte sie mit beim "Mörder-und-Detektiv-Spiel".

MÜNCHEN. - Im vergangenen Jahr gab es zahlreiche Gedenktage an die Erlösung von Adolf Hitlers Schreckensherrschaft und seinem blutigen Krieg. Viele Erinnerungen wurden wach und standen plötzlich wieder greifbar vor Augen.

Für mich gilt das für einen gespenstischen Abend, den ich in Berlin im Hause von Frau von Dirksen verbrachte. An jenem Abend zählten Hitler, sein Adjutant Schaub, Himmler und Goebbels zu ihren Gästen. "Gespenstisch" weil, um die nach Tisch beginnende Langeweile zu vertreiben, plötzlich jemand auf den Gedanken kam, das "Mörderspiel" zu inszenieren.

Ich werde gleich erklären, was es damit auf sich hat, aber zuvor noch ein paar Worte zu Frau von Dirksen. Sie lebte in Berlin und hatte Hitler sozusagen "erfunden". Sie lud oft Vertreter der alten und der neuen Prominenz zusammen ein, dazu das, was sie "Mädchenblüten" nannte - zu dieser Kategorie rechnete sie anscheinend auch mich.

Einmal lud sie mich zusammen mit Hitler und dem Kronprinzen ein. Hitler erregte sich lautstark über den Reichstagsbrand, der Kronprinz klatschte mir ab und zu aufs Knie, was ich wenig schätzte. Dieser Abend war meine erste Begegnung mit "dem Führer", aber der gespenstische Abend sollte erst noch kommen.

Zu den Gästen gehörten außer Hitler und seinen Gefolgsleuten die Tochter von Dirksen - sie war die Frau des Botschafters von Reinbaben. Rechts von Hitler saß Frau von Reinbaben, links ich. Ich probierte angestrengt eine Unterhaltung mit Hitler, was kaum möglich war. Entweder sprach er, gelegentlich auch ich, aber ein Gespräch kam nicht zustande.

Ausgelöst durch eine Bemerkung von mir, rief Goebbels plötzlich über den Tisch. "Ich bin gar nicht Ihrer Ansicht, Prinzessin!" Wir tauschten wütende Blicke. Hitler verstummte.