Die Idee der Shareware wirkt so grundanständig, als könne man keinen Pfennig Geld mit ihr verdienen. Shareware, so nennt man jene Computerprogramme, die frei kopiert werden dürfen, sich deswegen wie Pilze von selber verbreiten und bei Gelegenheit bescheiden um eine kleine Bezahlung für den Autor bitten. Dennoch leben allein in den USA um die 15 000 Programmierer von Shareware; das schätzt der amerikanische Fachverband ASP (Association of Shareware Professionals). Zusammen erwirtschaften sie einen Umsatz von 300 bis 500 Millionen Dollar im Jahr.

Das kann nur funktionieren, weil der Vertrieb von Shareware höchst simpel ist und so gut wie gar nichts kostet. Die Autoren deponieren ihre Werke einfach an einem vielbesuchten Ort der digitalen Welt, etwa in einer Mailbox. Für die Verbreitung braucht es keinerlei Zwischenhandel; dafür sorgt allein der natürliche Kopiertrieb der Anwender. So erreichen selbst Feierabendprogrammierer potentielle Abnehmer in aller Welt.

Typische Shareware-Programme sind etwa Datenbanken zur Verwaltung von Zierfischen oder eine Textverarbeitung nur zum Drucken von Visitenkarten - kleine Helferlein, die Aufgaben erledigen, für die man einen herkömmlichen Softwarekoloß erst gar nicht anwirft. Andere Autoren wiederum bemühen sich, die Standardsoftware zu ergänzen: Allein die Programme, die den mangelhaften Dateimanager von Windows 3.1 um nützliche Funktionen erweitern, gehen in die Dutzende.

Wo immer die Großen eine Lücke lassen, wird sich ein Shareware-Programm ansiedeln. Manche Autoren verschmähen nicht einmal die ausgefallensten Systeme: Auch für den alten Atari ST oder den taschenrechnerförmigen Psion Organizer sind Shareware-Programme erhältlich.

Der Schaffensdrang der Programmierer ist enorm: Allein in dem für Windows-Programme reservierten Teil des Online-Dienstes Compuserve treffen jede Woche zwischen 200 und 300 mehr oder weniger neue Schöpfungen ein.

Es gibt jemanden, der sich das alles anschaut: Carsten Scheibe, 28, lebt davon, daß er unablässig begutachtet, was die Shareware-Autoren hervorbringen. Die neuesten Programme kommen ihm automatisch per Telephonleitung ins Haus; Scheibe hat dazu die einschlägigen Foren von Compuserve angezapft. Nacht für Nacht sickert von dort die Software in seinen Rechner ein, und nur ein paar Einsiedlerkrebse, zwei Leguane und eine Schildkröte schauen zu, wenn fahl die Modemlichter blinken. Am nächsten Morgen, zwanzig oder dreißig Megabyte später, gesellt sich der Mensch zu den stummen Terrariumsbewohnern und beginnt mit seiner täglichen Arbeit: Der Ertrag der Nacht wird ausgepackt, und dann heißt es probieren, probieren, probieren.

Naturgemäß ist Scheibes Geduld begrenzt: Achtzig von hundert Programmen scheitern während der alltäglichen Massenrezension am Monitor bereits an der ersten Hürde: "Meistens schau' ich nur noch auf den Titel. Noch einen Programmanager und noch ein Abspielprogramm für Audio-CDs, das braucht nun wirklich keiner." Schon gelöscht. Von den restlichen überleben wiederum viele den Programmstart nicht: Zwingen sie etwa zu einer Wartepause, um den Kunden ans Bezahlen zu erinnern? Muß man heute nicht mehr hinnehmen. Unübersichtliche Benutzeroberfläche? Weg damit.