Peinliches Schweigen oder ahnungsloses Schulterzucken war jahrzehntelang die Antwort, wenn im Wiener Stadtteil Gersthof jemand fragte, warum es eigentlich weder in der St. Leopoldskirche noch daneben am Pfarrhaus irgendein Zeichen des Gedenkens für jenen Kaplan Heinrich Maier gebe, der drei Wochen vor dem Ende der großdeutschen Hitlerherrschaft als letzter zum Tode Verurteilter seinen Kopf unter das Fallbeil im Wiener Landesgericht hatte legen müssen. Erst sehr spät, 1988, wurde am Pfarrhaus eine Tafel angebracht mit einem krampfhaft-künstlerisch verklärten Blutgerüst und der Inschrift: "Heinrich Maier . . . vom Altar weg verhaftet . . . geköpft für Christus und Österreich".

Redlich hat sich der heutige Gersthofer Pfarrer Norbert Roth bemüht, das Gedächtnis seines Vorgängers von den Schleiern des Vergessens und Verdrängens zu befreien. Je mehr historische Quellen zum Vorschein kommen, desto deutlicher wird das Bild eines Menschen, der in kein klerikales Klischee und auch in kein politisches paßt. Weltoffen und vital, ehrgeizig und unternehmungslustig, ein Pfarrer, "den man sich eher als Schiffskapitän vorstellen konnte" - so schilderten Freunde den 35jährigen Heinrich Maier, der mitten im Krieg, 1942, ein zweites, nun philosophisches Doktorexamen besteht und zugleich gegen die Anordnungen seiner kirchlichen Obrigkeit verstößt, indem er nicht nur "rein seelsorglich", sondern politisch tätig wird. Nicht von der Kanzel herab, sondern im Untergrund. Enthaltsamkeit, zumal gegenüber diesem verbrecherischen Regime, ist nicht Kaplan Maiers Sache. Ob er überhaupt ein gläubiger Mensch sei, fragt ihn jemand vertraulich, und er antwortet: Vielleicht mehr als manche anderen, "aber ich bringe halt das Kerzenschlucken nicht zusammen . . ."

So verstand der junge Priester auch politischen Widerstand nicht so sehr als idealistischen Kampf mit dem Bösen, sondern als praktische Aufgabe: Es galt, die Niederlage Hitler-Deutschlands, die vorauszusehen war, zu beschleunigen. Aber wie? Einen Weg entdeckte Heinrich Maier durch eine Frau, mit der er seit Jahren befreundet war, die Pianistin Barbara Issakides, Ende Zwanzig und schon international bekannt. Sie wohnte nicht weit vom Gersthofer Pfarrhaus, wo sich Gleichgesinnte zu treffen pflegten. Die schöne, in Wien geborene Griechin interessierte sich zwar kaum für Politik, doch sie haßte Hitler und wollte "etwas tun", und sei es als Botin auf ihren Konzertreisen.

Als Pianistin durfte Barbara Issakides ins Ausland reisen, sogar in die neutrale Schweiz. So wie auch der Mann, den sie bei Kaplan Maiers brisanten politischen Plauderabenden kennengelernt und in den sie sich verliebt hatte: Franz Messner. Dieser Tiroler mit brasilianischem Paß war Generaldirektor des kriegswichtigen Semperit-Konzerns und hatte deshalb häufig in den Fabriken seiner Firma in vielen Ländern Europas zu tun - auch im Buna-Werk in Brzezinka/Birkenau bei Auschwitz. Und natürlich hatte Messner auch immer wieder Grund, "geschäftlich" - so wie Barbara Issakides "musikalisch" - nach Zürich zu reisen, wo im Hotel "Belle Rive au Lac" der Verbindungsmann zu einem geheimen Büro in der Berner Herrengasse wohnte. In diesem Büro hatte sich 1942 Allen Welsh Dulles, der Europachef des amerikanischen Geheimdienstes, eingenistet, um von dort alles nach Washington zu funken, was er aus Hitlers Machtbereich erfuhr, sogar durch ein - wie ihm schien - "seltsames Agenten-Trio", geführt von einem Priester.

In einem erst vor kurzem entdeckten geheimen Untersuchungsbericht der Wiener Gestapo vom Juli 1944 heißt es: "Im September 1943 beschlossen Maier und Messner, die wichtigsten Rüstungsbetriebe den Feindmächten preiszugeben, um einerseits einen Beitrag der österreichischen Widerstandsbewegung zum Sieg der Alliierten zu leisten und andererseits zu verhindern, daß die für friedensmäßige Erzeugung wichtigen Industrien und offenen Städte durch die feindliche Luftwaffe zerstört würden." In der Tat gelangten bald genaue Lageskizzen und Produktionsziffern von Stahlwerken, Waffen-, Kugellager- und Flugzeugfabriken an die alliierten Generalstäbe. Amerikanische und britische Bomber konnten so der geheimen V-Raketenfabrik in Peenemünde und den Messerschmidt-Werken bei Wien Schläge versetzen. Seine Gummibetriebe versuchte Messner möglichst zu schonen; er lieferte jedoch erste, aus seinem Semperit-Werk bei Auschwitz kommende Informationen über den Massenmord an den Juden - eine Nachricht, deren Ungeheuerlichkeit bei den Amerikanern in Zürich ungläubiges Staunen erregte.

Angesichts solcher Greuel wurde es für die Widerstandsgruppe um Heinrich Maier immer wichtiger, den Krieg nicht nur durch Spionage für "die andere Seite" zu verkürzen, sondern auch die eigenen Landsleute aufzuklären, sie politisch auf eine künftige Friedensordnung vorzubereiten. Da erwog man im Gersthofer Pfarrhaus sogar eine neue kleine Donaumonarchie, zu der Österreich, Bayern und das italienische Südtirol gehören sollten; es wurden Flugblätter verfaßt, in denen Hitler als "Verräter des deutschen Volkes" entlarvt und der Militarismus als "Schande unseres Jahrhunderts" gebrandmarkt wurden. All diese Aktivität kostete allerdings auch Geld, das Maier teils von dem wohlhabenden Messner bekam, teils durch diesen von den Amerikanern beschaffen ließ. Und eben dies wurde allen zum Verhängnis.

Anfang 1944 flog Messner nach Istanbul, wo sein Firmenvertreter, ein böhmischer Ingenieur, nicht nur für Semperit tätig war, sondern unter dem Decknamen "Dogwood" als Agent der Amerikaner auch im türkischen Dschungel der Geheimdienste mitmischte. Durch ihn erfuhr Messner, daß die Amerikaner demnächst 100 000 Reichsmark für die Gruppe um Maier bereitstellen würden - abzuholen in Budapest.