Im Frühjahr 1927 reist der gelernte Philosoph und selbsternannte "Rassenseelenforscher" Ludwig Ferdinand Clauss über Griechenland und Zypern nach Palästina. "Wie lerne ich die Rolle des Beduinen?" fragt er in einem Brief, den er von Jerusalem aus an seine Geliebte in Berlin schreibt. "Wie schaffe ich's, unter ihnen wie einer der ihren zu sein? Wenn mir das gelingt, dann ist mir der Absprung vom Ufer meines inneren Abendlandes gelungen . . . Dann werde ich reif für ,drüben` und reise über den Jordan. Dort werde ich die erlernte Rolle spielen, bis ich vergesse, daß es eine Rolle ist."

"Drüben", in der Wüste, in den Lagern der Beduinen, blieb Clauss dann fast vier Jahre lang. Er hatte seine Rolle so gut erlernt, daß ihm der Ehrentitel eines "Scheichs der Deutschen" zugesprochen wurde. "Rassenseelenforschung" sollte für Clauss kein distanziertes akademisches Geschäft sein, sondern in Einfühlung und Selbstpreisgabe bestehen. "Mitleben" nannte er diese "Methode". Clauss teilte die Obsession vieler seiner Zeitgenossen für die Eigenarten und für die Reinerhaltung menschlicher Ethnien. Auch sein Engagement für die "Nordische Bewegung" brachte ihn in Berührung mit dem präfaschistischen Zeitgeist: Der "nordische Mensch" erschien ihm als "Leistungsmensch" mit einer besonderen Begabung zur Machtentfaltung und Weltgestaltung, und er beklagte, daß das geistige und politische Leben Deutschlands von fremdartigen Einflüssen durchdrungen sei.

Zugleich jedoch wandte sich Clauss vehement gegen eine von pseudowissenschaftlicher Warte aus vorgenommene Idealisierung des Nordischen und gegen die Behauptung, zwischen den Rassen bestehe eine objektiv meßbare Rangfolge. "Eine Rasse", so schreibt er unmißverständlich, "ist eine in sich geschlossene Einheit des Stiles, die ihre Wertordnung in sich selbst trägt und nur mit ihrem eigenen inneren Wertmaßstab gemessen werden darf." Als 1929 Clauss' Buch "Von Seele und Antlitz der Rassen und Völker" erscheint, zeigen sich denn auch die völkisch Bewegten - die Clauss zuvor zu ihren Wortführern gezählt hatten - tief gekränkt. "Das Buch", so heißt es in einer Besprechung, sei "geeignet, das mühsam in die vorwiegend Nordische Menschheit hineingetragene Wissen von ihrer besonderen Artung wieder zu zerstören und den Glauben an die Gesundung durch das Nordische Blut zu vernichten".

Nicht nur durch seinen Wertrelativismus distanzierte sich Clauss von jenem Germanenglauben, der 1933 zur Staatsdoktrin erhoben werden sollte. Er lehnte auch das herrschende biologistische Paradigma ab: Nicht Rassenbiologie, sondern Völkerpsychologie wollte er betreiben; nicht der Vererbungslehre und den Unterschieden des "Blutes" galt sein Interesse, sondern den "Erlebensstilen". Der Körper hatte für ihn nur Bedeutung als "Schauplatz einer stilbestimmten Seele". Statt an der Anthropologie und Eugenik orientierte sich Clauss deshalb an kunstwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden.

All diese Divergenzen verhindern jedoch zunächst nicht, daß Clauss doch noch Anschluß an die "Bewegung" findet. 1933 tritt er in die NSDAP ein und wird zum gefragten Redner bei der Hitlerjugend, beim Bund Deutscher Mädel, beim Nationalsozialistischen Lehrerbund, bei der SS. Sein Buch "Rasse und Seele" erreicht 1941 die siebzehnte Auflage. Mit seinem Studienfreund Hans Günther, der als militanter "Rassen-Günther" bekannt werden sollte und von dem Clauss sich in seinen Schriften bereits distanziert hatte, gründet er die Zeitschrift Rasse. Darin verkündet er: "Die Welt der Deutschen ist in nordischer Haltung geschaffen und darum in nordischem Stile gestaltet. Wir können das Fremde achten und ehren wie irgend etwas, das gottgeschaffen ist, so gut wie wir. Aber es kann nie unser werden: Es ist fremd und soll fremd sein."

Die Ambivalenz von Clauss' Überzeugung, daß das Fremde zu achten und auch zu erforschen, daß von ihm in der normalen Lebenspraxis jedoch Abstand zu halten sei, mußte ihn mit den Parteidoktrinären in Konflikt bringen. Der Bielefelder Soziologe Peter Weingart beschreibt in seinem Buch minutiös die Mitte der dreißiger Jahre einsetzenden Versuche der hauptamtlichen Rassenideologen, Clauss auszugrenzen und zu isolieren. Diese Bemühungen führen schließlich zum Entzug der Lehrerlaubnis und zum Parteiausschluß.

Während der langwierigen Verfahren vor dem Parteigericht sieht sich Clauss dazu genötigt, ausgerechnet wegen gelebter Nähe, die ihm zur Last gelegt wird, seine Distanz gegenüber Menschen anderer Herkunft hervorzukehren. Clauss hatte seit der Freiburger Studienzeit mit der Jüdin Margarete Landé zusammengearbeitet. Landé, deren Eltern zum Protestantismus konvertiert waren, ging 1925 nach Palästina. Sie war keine überzeugte Zionistin, bekannte sich jedoch schließlich zum jüdischen Glauben. Mit Clauss lebt sie dann bei den Beduinen; das Verhältnis zwischen ihnen - das sollte in den Augen der Rassenpolizisten später Bedeutung erlangen - verblieb jedoch im Rahmen enger wissenschaftlicher Kooperation. Auch nach ihrer Rückkehr nach Deutschland wohnt Landé stets in der Nähe des von ihr hochverehrten Clauss und steht ihm bei der Aufbereitung seiner Forschungsergebnisse zur Seite.