Mittags in Mahabalipuram, am Golf von Bengalen. Wie struppige Pinsel ragen ein paar Fächerpalmen aus der Küstenebene; in den Dünen wuchern Ohrenkakteen. Menschen und Hunde, Rinder und Ziegen liegen ausgestreckt im Schatten der Tamarisken, die vereinzelt im sandigen Boden wurzeln. Anders als die üppig grüne Westküste wirkt die Ostseite von Indiens Südspitze reichlich ausgedörrt.

Plötzlich unterbrechen Granitfelsen, die ihre rundgeschliffenen Rücken aus dem Sand schieben, die Ödnis. Schon um das Jahr 600 n. Chr. schlugen Steinmetze großflächige Reliefs aus dem Gestein. Im Auftrag des Königs sollten sie damals ihr Geschick beweisen und Vorschläge entwickeln für den Tempelbau. Das Ergebnis: plastische Bilder zuhauf und etliche Gotteshäuser, die auf engem Raum beieinanderstehen. Fünf Tempel, mal rund, mal quadratisch, mal langgestreckt, wurden hier aus dem Fels geschlagen - ein jeder von ihnen als Riesenskulptur aus nur einem einzigen Stück Granit. Immer mit Säulen und Kapitellen am Eingang zum ausgehöhlten Inneren. Oft mit abgestuftem Dach, bei dem jede Etage fein gearbeitet ist wie eine Tempelanlage en miniature mit Zäunen, Dächern, Heiligenfiguren. Später, als man nach diesen Modellen ähnliche Tempel schuf im Land, formte man den Zierat aus Stuck. Hier ist alles aus purem Stein. "Diese Anlage", sagt Ernst, der Indologe, "hat selbst nie religiösen Zwecken gedient. Sie hatte lediglich Modellcharakter - und zählt trotzdem zu den bedeutendsten Kunstwerken des Landes."

In einen der gewaltigen Felsbrocken zum Beispiel hatte der Monsunregen eine Rinne gewaschen. Die bot sich an, fand man vor 1400 Jahren, den heiligen Fluß Ganges zu verkörpern. Nun tummeln sich Schlangengötter mit menschlichem Oberkörper im Flußbett, ringsherum ist ein vielfältiges Szenario aus Tieren, Menschen und Göttern in den Stein gemeißelt.

Bis heute ist Mahabalipuram im Bundesstaat Tamil Nadu ein Zentrum der indischen Bildhauerkunst. Von fern tönt das Klopfen der Steinmetze herüber. Flache Ladengeschäfte säumen die Five Rathas Road, die zu den Modelltempeln führt. Die geschäftstüchtigen Besitzer servieren der Kundschaft erst mal eine Cola, das verpflichtet. Die Regale quellen über von Elefanten und Zebus, von tanzenden, lesenden, Flöte spielenden Göttern in allen Größen. Ringsum hocken Steinmetze am Boden, die unentwegt für Nachschub sorgen. Mit eisernen Meißeln bearbeiten sie die Granitstücke nach vorgegebenem Muster. Pusten den Staub fort, skizzieren die nächsten Konturen, setzen erneut an. Ihr von Radiomusik begleitetes Klopfen füllt die Luft.

Ein Lastwagen hat vor einem der Läden geparkt, soll einen großen Granitlöwen abholen. Ein paar Männer hieven Baumstämme herbei, die sie als Rutsche an die Ladefläche lehnen, schlingen Seile um die Skulptur. Vier von ihnen springen auf die Ladefläche, zerren an den Tauen, zehn weitere Helfer schieben den Steinkoloß vom Boden aus. Nur langsam bewegt sich der Löwe nach oben. Arbeitskraft ist billig in Indien, da lohnt es nicht, einen Kran anzuschaffen. "Ein Maurer zum Beispiel", sagt Ernst, "verdient vielleicht 300 Rupien im Monat, das sind rund 150 Mark." Der gröbsten Armut ist der Mann damit schon entronnen, auch wenn er, wie üblich, eine vielköpfige Familie ernährt.

Aus der Tiefe des Ladens tönt metallisches Hämmern. Versteckt hinter Regalen, schärfen Schmiede die stumpf gewordenen Meißel der Steinmetze. Im Kreis hocken sie um eine kleine Feuerstelle, an der mit versteinerter Miene ein Junge steht, vielleicht zwölf, dreizehn Jahre alt. Im Feuer glühen die Meißel, die er reihum an die Schmiede weiterreicht. Vorsicht ist geboten, daß ihm das heiße Eisen nicht aus der Zange rutscht und auf die nackten Füße fällt. Funken umsprühen seine bloßen Beine und das Gesicht seines Altersgenossen, der vor dem offenen Ofen sitzt und stetig den Blasebalg bedient. Der jüngere Junge daneben hat einen besseren Job erwischt: Er braucht nur Holzkohle zu Stiften zu spitzen, mit denen die Bildhauer vor der Tür ihre Modelle skizzieren - vielleicht wird er eines Tages selbst die Götter meißeln dürfen.

Abends in Madras, an der Usman Road. In dichten Trauben umlagern Kundinnen die Verkaufstresen. Drängeln nach vorne; begutachten argwöhnisch die Ware, die sich die Frau vor ihnen zeigen läßt; versuchen, die Aufmerksamkeit eines Verkäufers zu gewinnen. Doch das Kaufhaus, das dem Andrang kaum Herr wird, ist kein Ramschladen und veranstaltet auch keinen Schlußverkauf. "Silber-, Gold-, Rubinenabteilung" steht auf den Schildern geschrieben, die der Kundschaft den Weg durchs Gedränge weisen. An kaufkräftigen Inderinnen, die ihr Geld in Armreifen, Ketten und Ohrringen anlegen möchten, besteht hier kein Mangel.