BERLIN. - Eine Routinemeldung aus dem Polizeialltag: "In seiner Wohnung in Berlin- Wilmersdorf wird der Geschädigte Frank O. von dem polnischen Staatsbürger Piotr C. mehrfach mit abgebrochenem Tischbein auf den Kopf geschlagen. Der Täter flüchtete anschließend unter Mitnahme der Jeanshose des Geschädigten mit Bargeld in den Taschen und der Armbanduhr vom Tisch in unbekannte Richtung. Der Geschädigte erlitt eine Vielzahl von tiefen Platzwunden auf dem Kopf, Haematome und Schürfwunden am Kopf und Oberkörper."

Was der Polizeibericht unter "Betrifft: schwerer Raub" verbucht, landet immer häufiger auf dem Schreibtisch von LKA 1215. LKA 1215, das ist das behördeninterne Kürzel für eine verschämt-gewundene Dienstbezeichnung: "der Ansprechpartner der Berliner Polizei für gleichgeschlechtliche Lebensweisen".

Heinz Uth war fünf Jahre lang dieser polizeiliche "Schwulenbeauftragte", der erste in Deutschland, bis er jetzt zur Jahreswende in den Ruhestand ging. Meldungen unter der Rubrik "Schwerer Raub" gehörten in der letzten Zeit zu seinem Dienstalltag, und sie sind alarmierendes Indiz: Homosexuelle werden immer häufiger Opfer von Raubüberfällen, bei denen sie mit äußerster Brutalität körperlich mißhandelt werden.

Daß Schwule, vor allem wenn sie ihre Homosexualität verdeckt leben, überproportional häufig mit Kriminalität konfrontiert sind, ist ein uraltes Phänomen. Opfer par excellence: leicht erpreßbar, in den Augen der Täter als "Memmen" nicht zur Gegenwehr fähig und aus Angst vor der Polizei nur selten zu einer Strafanzeige bereit. "Der Aufwand für die Täter war bei Schwulen schon immer sehr gering", konstatiert Heinz Uth, "aber früher ging es in zwei Dritteln der Fälle um reine Erpressung. Dann war es die räuberische Erpressung, und heute fragen die Täter oft gar nicht mehr."

Über die Zahl der Gewalttaten gegen Schwule gibt es keine gesonderte Statistik, und Uth hütet sich, über einen möglichen Anstieg zu spekulieren. Eindeutig zugenommen jedoch hat die Brutalität der Übergriffe. "Die Täter gehen in einen Szenetreffpunkt, konzentrieren sich auf die, die ängstlich in der Ecke stehen oder sich im Klo einschließen, und dann geht's sofort zur Sache, mit Messer und Pistole, übermäßig hart." Hate crime nennen amerikanische Kriminologen dieses Phänomen des physischen "Overkills" gegen Schwule und Lesben. Die Täter agieren bei ihren Gewaltakten ihre Aggression gegen andere oder unausgelebte eigene sexuelle Neigungen ab.

Offenkundig gibt es in Berlin aber noch ein anderes Phänomen: Die Gewalt verlagert sich mehr und mehr in Privatwohnungen, und immer häufiger stammen die Täter aus osteuropäischen Staaten. Zwischen dreißig und fünfzig Prozent aller Überfälle auf Schwule, so beobachtet die Berliner Polizei, gehen auf das Konto von jungen Männern aus Rumänien, Polen oder den GUS-Staaten.

Was dem überfallenen Frank O. aus Wilmersdorf passierte, ist fast schon ein klassischer Fall: In einer Homo-Bar kommt er mit mehreren jungen Polen ins Gespräch. Die schicken den Jüngsten unter ihnen, den sechzehnjährigen Piotr C., als vermeintlichen Strichjungen vor. Bereitwillig fährt der mit Frank O. in dessen Privatwohnung mit. Doch kaum ist die Wohnungstür ins Schloß gefallen, bedroht der Sechzehnjährige seinen Freier mit einem Elektroschockgerät und drischt mit äußerster Wucht mit einem Tischbein auf ihn ein. Dann sucht er mit einigen Wertgegenständen das Weite.