Die Sensation ereignete sich 1860 in einem Steinbruch bei Solnhofen in Bayern. Arbeiter waren zufällig auf den Abdruck einer etwa 150 Millionen Jahre alten fossilen Feder gestoßen. Schon ein Jahr später breitete der dazugehörige Vogel seine prähistorischen Schwingen aus: Archaeopteryx lithographica. Bis heute gilt er als der älteste bekannte Vogel. Zwar streiten sich die Paläontologen noch immer, ob und wie gut er fliegen konnte. Aber Archaeopteryx verdankt seine Position immerhin einem eindeutigen Vogelmerkmal: Er ist das älteste Fossil mit Federn.

Doch jetzt kommt unerwartet Bewegung in die vorgeschichtliche Ornithologie. Lian-hai Hou vom Institut für Wirbeltierpaläontologie in Peking meldet aus der Provinz Liaoning die Entdeckung zweier bisher unbekannter Vogelarten. Schon wittern die ersten Wissenschaftler neuen Streit um die prähistorische Erbfolge. Wird Archaeopteryx als Ahnherr aller Vögel gestürzt?

Die Frage führt rasch zu den eigentlichen Problemen der vorgeschichtlichen Naturkunde. Mehr und mehr kämpfen die Forscher mit einem System, das sie im vorigen Jahrhundert etwas voreilig bei den Biologen entlehnt hatten, dem Konzept der Arten.

Carl von Linné hatte 1735 die erste Auflage seiner "Systema naturae" veröffentlicht. "Ad majorem Dei gloriam", zur größeren Ehre Gottes, ordnete der schwedische Naturforscher die Lebenswelt. Linné nahm wie viele seiner Zeitgenossen eine unveränderliche göttliche Natur an. Variationen innerhalb einzelner Arten wertete er bloß als den Ausdruck von Unvollkommenheit.

Die Leugnung der Entwicklungsgeschichte hatte Folgen. Typische Exemplare einer Art wurden gleichsam als platonische Ideen in den Schaukästen zoologischer Sammlungen aufgereiht, füllten die vergilbenden Blätter riesiger Herbarien und die Köpfe angehender Forscher. Alle neuen Funde mußten sich an diesen "Exemplartypen" messen lassen. Linné beschränkte sich bei seinen systematischen Aufräumarbeiten auf anatomische Merkmale. Vorhanden oder nicht vorhanden, normal oder abnormal, immer gab es nur zwei Möglichkeiten. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts galt die Anatomie als entscheidendes Kriterium zur Einordnung neuentdeckter Spezies.

Auch Lian-hai Hou hat kaum mehr als ein paar Knochen vor sich. Die spärlichen Überreste gilt es jetzt auszuwerten, dann werden auch die neuen Funde in die Vitrine gestellt. Doch der chinesische Wissenschaftler ist schon jetzt überzeugt, auf die wahren Vorfahren der heute lebenden Vögel gestoßen zu sein.

Bereits vor einem Jahr hatte er einen anderen spektakulären Fund vorgestellt: Confuciusornis sanctus. Der heilige Konfuziusvogel, der paläontologischen Legende nach zufällig von einem Bauern entdeckt, erregte die Fachwelt, weil er im Gegensatz zu Archaeopteryx neben Federn auch einen Hornschnabel besaß. Den Ältestenrang aber konnte er dem Star der vorgeschichtlichen Vogelwelt noch nicht streitig machen. Diesen Ehrenplatz sollen jetzt endlich die beiden neuen Funde einnehmen.