Fast ist es, als befände man sich im Kölner Hänneschen-Theater; auf dem Programm: das Stück "ICD-10", eine Farce um den internationalen Krankheitenschlüssel (siehe auch Seite 70). Der verpflichtet die Ärzte von diesem Jahr an, ihre Krankheitendiagnose nach jenem Schlüssel PC-gerecht zu dokumentieren. Genügte bisher etwa die Diagnose "psychische Störungen", muß der Arzt nun detailliert darlegen, welche Störung er ermittelt hat. Bei "Störungen der Sexualpräferenz" kann der Arzt unter knapp einem Dutzend Detaildiagnosen den richtigen Schlüssel wählen, wobei er sich festlegen muß, ob sein Patient an "Fetischismus" (Ziffer F65.0 des ICD-10) oder "Pädophilie" (Ziffer F65.4) leidet.

Der neue Schlüssel für etwa 14 000 Krankheiten wurde zusammen mit dem Gesundheitsstrukturgesetz von 1992 beschlossen und trägt die Unterschrift aller Reformbeteiligten - die von Gesundheitsminister Horst Seehofer ebenso wie die von Rudolf Dreßler (SPD) und Dieter Thomae (FDP). Doch nun wollen alle am liebsten nichts mehr davon wissen. Der oberste Datenschützer Joachim Jakobs hält den Schlüssel aus Gründen des Datenschutzes für einen "ausgemachten Schmarrn", obwohl sein Vorgänger Alfred Einwag keine Bedenken hatte. Die Ärzte laufen Sturm, weil der ICD-10 angeblich zuviel Arbeit macht. In Wirklichkeit fürchten sie den Schlüssel, weil er den Kassen die Kontrolle ärztlichen Handelns erleichtert. Der Freilassinger Mediziner Hans-Peter Held nahm es mit Humor und schrieb Seehofer über die Ärzte Zeitung einen offenen Brief in Filser-Manier. Helds Kernsatz: "Du woast as und i wos's, des ganze is a hirnrissiger Bürokratnschoaß."

Seehofer ließ sich nicht nehmen, an gleicher Stelle zu antworten, und zwar ICD-10-gerecht: "Ich weiß, daß die ICD-10 bei den Ärzten R45.1 und R45.2 auslöst. Ich kann aber trotzdem Ihre F91.3 nicht ganz nachvollziehen. R45.4 und R45.5 sind doch keine Diskussionsgrundlagen. Mein Unverständnis über die manchmal sehr unsachliche R46.7 kann sich dann auch schon mal in einer R23.2 zeigen. Aber grundsätzlich löst die Kritik der Ärzte bei mir keine F51.0 aus. Dein Schreiben zeigt ein R46.1, und deshalb habe ich Dir auch gerne persönlich geantwortet. Ich möchte auch der Hoffnung Ausdruck verleihen, daß ich mit meiner Antwort zu einer Bewältigung Deines R45.2 beitragen konnte."

Wer den neuen ICD-10 nicht parat hat, dem sei mit nachstehender Rohübersetzung geholfen. Also: Seehofer weiß, daß der neue Schlüssel bei den Ärzten "Ruhelosigkeit" (R45.1) und "Unglücklichsein" (R45.2) ausgelöst hat. Dennoch könne er Helds "Störung des Sozialverhaltens" (F91.3) nicht nachvollziehen, zumal "Reizbarkeit" (R45.4) und "Feindseligkeit" (R45.5) keine Diskussionsgrundlagen seien. Sein Unverständnis über den unsachlichen "Wortschwall" (R46.7) verursache ihm zwar schon mal eine "Gesichtsrötung" (R23.2), doch löse das bei ihm keine "Schlaflosigkeit" (F51.0) aus. Weil Held ein "besonders auffälliges Erscheinungsbild" (R46.1) zeige, habe er ihm persönlich geantwortet, in der Hoffnung, damit zur Bewältigung von Helds "Unglücklichsein" (R45.2) beizutragen. Wer's nun immer noch nicht verstanden hat, leidet offensichtlich unter F70 (leichter Intelligenzminderung).