Berlin, Dorotheenstädtischer Friedhof. Zehntausend Personen in Schwarz. Hinter dem Heiner-Müller-Sarg die Witwe in Begleitung von ARD, ZDF, Arte, SFB, RTL, RTL 2 und Pro Sieben. Glockenläuten. Roman Herzog schüttelt der Witwe zwei Minuten die Hand. Hinter der ausgewählten Ehrenreihe aus Klaus Kinkel, Erich Böhme und Botho Strauß in zweiter Reihe: Eberhard Diepgen, flankiert von der geschlossenen Redaktion von Theater heute. Überall Schwermut. Gregor Gysi ist bei der vierminütigen Diepgen-Kondolation auf das Grab von Georg Wilhelm Friedrich Hegel gedrängt worden und mit dem Kopf auf dessen Grabplatte aufgeschlagen. In elfter Reihe - umrahmt von Heribert Sasse, Hermann Kant, Einar Schleef und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger - ist es Frank Castorf schwindelig geworden. Er hat sich auf den Grabstein von Helene Weigel gesetzt und ein Aspirin eingenommen. Die Trauergemeinde erreicht das offene Grab zwischen Brecht, Johannes R. Becher und Wilhelm von Humboldt. Margarete Schreinemakers steht links vom Johann-Gottlieb-Fichte-Grab und interviewt Alexander Kluge zum Thema Trauer und Krebs in Deutschland. Durs Grünbein sitzt auf einem Baum und dichtet ein aktuelles Gedicht für die morgige Ausgabe der FAZ. Ende des Glockenläutens. Richard von Weizsäcker hält eine Rede. August Everding macht gegenüber Oskar Lafontaine seine Platzreservierung geltend und nimmt von rechts ein Regieangebot Götz Friedrichs für die "Götterdämmerung" an. Hans Magnus Enzensberger sagt zu Wolf Biermann: "Er war ein großer Dichter." Biermann sagt: "Ich auch." Kanonensalven. Gregor Gysi ist auf der Grabplatte Hegels erwacht und eilt mit blutender Wunde zum Müller-Grab, in das sich der Sarg - hinabgelassen von Peter Zadek, Rolf Hochhuth, Hellmuth Karasek und dem durch Losverfahren ausgewählten Johannes Mario Simmel - feierlich und unter dem von Edith Clever, Elfriede Jelinek, Christa Wolf, Andrea Breth und Sigrid Löffler geleiteten Chor der Klage langsam in die Tiefe senkt. Erneutes Glockenläuten. Die Trauergemeinde greift geschlossen zur Zigarre. Hildegard Knef, gestützt von George Tabori, Franz Beckenbauer und Günther Rühle, singt ein Lied. Ende des Läutens. Rita Süssmuth hält die dreizehnte Rede. Harald Juhnke kippt drei Kanister Whisky ins Grab. Bernhard Minetti protestiert gegen die Schließung des Schiller-Theaters. Dimiter Gotscheff schneidet sich, Philoktet zitierend, vor Süssmuth die Pulsadern auf. Ignatz Bubis schüttelt die Hand der Witwe seit siebzehn Minuten. Rudolf Augstein hat seine Akkreditierung vergessen und ist heimlich über die Friedhofsmauer geklettert. Erich Mielke hält die dreiundzwanzigste Rede und zitiert Georg Büchner. Biermann zitiert auch Georg Büchner und spricht über seine Freundschaft mit Georg Büchner. Die Trauergemeinde inhaliert ein letztes Mal und wirft hustend zehntausend Zigarren ins Grab. Günter Grass nutzt das erhebliche Rauchaufkommen und stößt Marcel Reich-Ranicki ins Grab. Durs Grünbein fällt vom Baum. Gerhard Stadelmaier fällt der Füllfederhalter aus der Hand. Claus Peymann verwechselt Ernst Jünger mit Stefan Heym und stößt ihn ins Grab. Alexander Kluge ohrfeigt Margarete Schreinemakers auf Fichte liegend. Rainald Goetz ritzt Harald Schmidt mit der Rasierklinge ein Heiner-Müller-Zitat in die Stirn. Erneutes Glockenläuten. Die Grabplatte verschließt die letzte Ruhestätte. Rolf Hochhuth sichert sich telephonierend Anteile am Müller-Leichnam. Die ARD filmt das Herz der Witwe. Castorf bewirft die Trauergemeinde seit zehn Minuten mit Kartoffelsalat. Walter Jens hat sich auf den Grabstein Müllers gesetzt und liest 300 Jahre Heiner Müller. Dazu anhaltendes Glockenläuten. Ulrich Wickert kommentiert. August Everding dirigiert. Johann Kresnik erigiert. Niemand protestiert.

Blabla.

Der Witwe ist schlecht geworden. Sie stößt aus einen lautlosen Schrei. Hinten an der Friedhofspforte steht plötzlich ganz klein ein Mann mit Zigarre und winkt. Er zieht die Hose herunter und zeigt der Welt bescheiden einen Arsch. Stille.