Es war fast wie ein deutsches Märchen. Aus einem kleinen Milchgeschäft im oberbayerischen Rosenheim wurde in nur einer Generation ein blühendes Firmenimperium. Unternehmens- und Clanchef Josef März verstand es insbesondere in den siebziger und achtziger Jahren, seine exzellenten Beziehungen zu Franz Josef Strauß und DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski bestens zu nutzen. Als die bayerische Politik offiziell noch kräftig über den Klassenfeind herzog, wurde auf dem Märzschen Landgut Spöck der DDR-Milliarden-Kredit eingefädelt. Kein Wunder, daß da auch das eigene Geschäft mit dem Osten boomte.

Nach dem Fall der Mauer und dem Tod von Josef März war es mit den lukrativen Ostgeschäften vorbei, doch die Rosenheimer Sippe expandierte munter weiter. Die Märzens kauften sich eines der größten deutschen Brauerei-Imperien zusammen, stiegen groß bei Moksel, dem langjährigen Rivalen im Fleischgeschäft, ein, legten sich Sektkellereien und Milchwerke zu, engagierten sich bei Mineralwasser und wollten selbst bei Computern und in Immobilien mitmischen. Im Jahr 1990 ging die Gebr. März AG an die Börse, 1992 wurde ein Jahresumsatz von 2,14 Milliarden Mark erreicht. In der Rosenheimer Firmenzentrale, einem M-förmigen Prunkbau, sah man sich schon auf einer Stufe mit Weltkonzernen wie Nestlé und Unilever.

Doch dann kam, was Branchenkenner schon lange prophezeit hatten. Die Schulden aus der Einkaufstour türmten sich immer höher. Auch der von den Banken forcierte Rückzug der Familienmitglieder aus dem Management konnte nichts mehr aufhalten. Das zusammengekaufte Imperium mit rund achtzig Tochterunternehmen be-

gann zu bröckeln. Kleinaktionäre klagten, bei März sei ein "permanentes Schlachtfest" im Gange. Jetzt scheint für die Gebr. März AG selbst der Weg zur Schlachtbank vorgezeichnet. Vorstandschef Dieter Jünemann konnte bei der außerordentlichen Hauptversammlung vergangene Woche in München die Liquidation "nicht mehr mit Sicherheit" ausschließen. Obwohl die Gläubigerbanken durch einen Forderungsverzicht die Konzern-Verschuldung von über einer Milliarde auf 528 Millionen drückten, wird der März-Konzern immer unattraktiver. Bei den Brauereien läuft der Ausverkauf: Die Bavaria-St.-Pauli-Brauerei ("Jever") ist längst weg, und der Münchner Schörghuber-Konzern will die EKU-Brauerei übernehmen. Von den einst fast 4000 Mitarbeitern mußten 1500 schon gehen, mindestens weitere 500 werden in Kürze folgen.

Die Gründe für den Niedergang liegen nicht nur im Zusammenbruch des Ostgeschäfts oder in der dramatischen Lage am Biermarkt, sondern auch im gigantischen Kaufrausch der Familie. Ein Blick auf die Molkereisparte zeigt, wie dilettantisch man bei März zu Werke ging. Das 110-Millionen-Mark-Milchwerk in Elsterwerda kam trotz massiver Subventionen nie in die Gewinnzone. Den beklagten "Preiskrieg der Discounter" hatte Elsterwerda selbst kräftig mit Milch-Niedrigpreis- Angeboten im Ruhrgebiet geschürt. Das Werk wurde für gerade noch 37,5 Millionen Mark veräußert. Die zweite Stütze, die Deller KG in München, war ebenfalls ein Fehlkauf. Zwischenzeitlich wurde sie verpachtet, das wertvolle Grundstück am Münchner Olympiapark liegt in Händen der lange Zeit viel zu geduldigen Banken. In der Branche gibt man der Deller-Molkerei noch ein bis eineinhalb Jahre, und ob die Gebr. März AG dann noch existiert, ist zur Zeit mehr als fraglich.