Im elektronischen Forum des Online-Dienstes America Online (AOL) zum Thema Brustkrebs war die Empörung groß: "Ich bin außer mir", wetterte eine Teilnehmerin. "AOL - du hast einen großen Fehler begangen", schalt eine andere. Und eine dritte fragte sich: "Haben die das auch bei Hodenkrebs gemacht?" Der Grund für den Ärger: Ihre elektronischen Kurzbiographien, mit denen sich jeder in dem Online-Dienst vorstellen darf, waren plötzlich verschwunden. Die AOL-Verantwortlichen hatten kurzerhand alle jene gelöscht, in denen das Wort "Brust" vorkam - um ihren Dienst sauberzuhalten.

Derlei Zensur könnte jenseits des Atlantiks bald zur Regel werden. Denn der amerikanische Kongreß plant, "unanständiges Material" aus den Datennetzen zu verbannen: Wer es Minderjährigen on line zugänglich macht, soll mit Strafen von bis zu 100 000 Dollar und zwei Jahren Gefängnis rechnen müssen. Das entsprechende Gesetz, in dem es sonst ironischerweise vor allem um die weitere Deregulierung des Fernmeldewesens geht, würde Datennetze damit zum am stärksten kontrollierten Medium in den Vereinigten Staaten machen - noch vor dem schon stark überwachten Fernsehen.

Klar, daß die freiheitsliebende Internet-Gemeinde da Sturm läuft. "Das ist der größte Angriff auf die Meinungsfreiheit, den diese Nation je erlebt hat", wettert etwa Mike Godwin, Rechtsanwalt bei der Electronic Frontier Foundation (EFF), einer Lobbyorganisation des Cyberspace. Aber auch die Telekombranche befürchtet großen Schaden. Die durch die Regelung entstehende Haftpflicht würde "viele Unternehmen aus dem Online-Markt treiben", meint Harris Miller, Präsident des Industrieverbands Information Technology Association of America (ITAA).

Moral gegen Meinung und Markt - daß der Konflikt auch in den Datennetzen ausbricht, war absehbar. Schließlich darf im amerikanischen Fernsehen zwar nach Belieben gemordet, aber keines der berühmten sieben, offiziell unanständigen Wörter wie shit, fuck oder tits verwendet werden. Darüber wacht die Federal Communications Commission (FCC), seitdem der Komiker George Carlin in den siebziger Jahren die Gerichte mit gezielten Provokationen im kalifornischen Pacifica Radio zu einer Grundsatzentscheidung trieb.

Der Streit um die Moral in Datennetzen kam freilich schneller als erwartet, weil Online-Dienste und Internet in Rekordzeit zu Massenmedien geworden sind. Experten meinen mittlerweile, daß die Online-Branche einmal die wirtschaftliche Bedeutung der Autoindustrie oder der Zivilluftfahrt haben wird. Ende des Jahrhunderts sollen Internet-Unternehmen jährlich 73 Milliarden Dollar umsetzen, schätzt die kalifornische Börsenfirma Hambrecht & Quist.

Druck in Washington für ein sauberes Netz machte vor allem die religiöse Rechte - mit Erfolg: Anfang Dezember stimmte ein Ausschuß des Repräsentantenhauses knapp für den Formulierungsvorschlag des republikanischen Abgeordneten Henry Hyde, den auch die erzreaktionäre Christian Coalition unterstützt.

Danach macht sich jedermann strafbar, der in Datennetzen "unanständiges Material" veröffentlicht - es sei denn, er sorgt dafür, daß Minderjährige nicht darauf zugreifen können. Und als "unanständig" gelten eben schon die berühmten sieben Wörter und damit etwa der "Ulysses" von James Joyce. "Damit wird dem Internet ein heißer Feuerhaken in den Arsch gesteckt", schrieb der Journalist Brock Meeks in seiner Online-Kolumne "CyberWire Dispatch" - und merkte gleich an, daß dieser Satz nach dem neuen Gesetz wohl nicht nur ihn, sondern auch seinen Internet-Dienst teuer zu stehen kommen würde.