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Manchen Geheimnissen kommt man einfach nicht auf die Spur. Da sitzt man endlich Juliette Binoche gegenüber, allein mit dem "stillen Star" (Brigitte), dem "Engel ohne Tränen" (Spiegel), "durchsichtig wie Glas" (Süddeutsche Zeitung). Aber würden wir es in diesen dreißig Minuten wirklich klären, "das Geheimnis der magischen Ausstrahlung" (Cosmopolitan)? Und so mußte die Dame von der Filmpresse zusätzlich einfach noch ein gemeinsames Essen arrangieren. Furchtbar kompliziert war das, alle Fäden wurden gezogen und waren bis zum Zerreißen gespannt, denn Juliette Binoche, im Kino ein "natürliches Mysterium, ruhig und klar und zu allem bereit, auch zum Schlimmsten, zur Katastrophe" (Spiegel), mag im richtigen Leben, verrät die Pressedame kaum geniert, die Presse nicht.

Vielleicht würden wir sie nun am späten Abend unter ihren Kollegen ja vielleicht wirklich mal herzhaft lachen sehen, denn sie lacht selten in der Öffentlichkeit, die neue französische Frau. Wölbt nur mal anmutig die schöne Oberlippe im Porzellangesicht (zum Beispiel exklusiv für Lancômes neuen Duft "Poème"). Aber dann saß Juliette Binoche in diesem ungemütlich leeren Veranstaltungsraum des Münchner Hotels "Bayerischer Hof" wie verloren an einem großen runden Tisch. Und das Verhängnis nahm seinen Lauf. Die Kollegen von RTL rollten gerade noch ihre Kabel ein. Da raunte die Pressedame rasch in unser Ohr, "besser keine Fragen nach Olivier, sie lebt mit ihm zusammen, das ist richtig, aber sie mag darüber nicht sprechen".

Juliette Binoche, schmal und zart, schlägt die Beine mit den zierlichen Stiefelchen übereinander. Und schenkt uns einen Blick aus ihren Augen, dunkel und schwer, schüttelt unmerklich mit einer anmutigen Bewegung des Kopfes ihr kastanienbraun schimmerndes Haar, nur so, daß die Ponyspitzen ein bißchen wippen, deutet ihr kleines Schulmädchenlachen an, und - was wird sie sagen? Sie sagt: "Ich habe Schnupfen. Es tut mir leid."

Eigentlich war das schon das Ende. Olivier! Sie will nicht über Olivier Martinez reden. Dabei haben wir sie am Morgen in einer Pressevorführung von "Der Husar auf dem Dach" (der gerade am 18. Januar in Deutschland startete) über zwei Stunden mit ihm durch die Provence reiten sehen. Er als stolzer italienischer Edelmann Angelo, voll gebremster Leidenschaft, nur der Schmollmund verrät zuckend die wahren Gefühle, sie als Gräfin de Théus, kraftvoll und unnahbar, betörend lieblich, aber immer auf dem hohen Roß.

Und wir haben es ganz gut ertragen, daß die beiden in diesem breiten poetischen Filmepos irgendwie nie richtig zusammenkommen. War das denn noch so wichtig? Wußten wir doch längst aus französischen Zeitschriften wie Elle und Marie Claire, daß der im Film so seltsam verschlossene Angelo im wirklichen Leben in das Haus der abweisenden Filmgräfin Pauline gezogen ist, ins neue Haus im Süden von Paris, mit Hund und Juliettes erstem Kind. Und hat nicht auch schon Gala die alles entscheidende Frage gestellt: "Ist sie nun schwanger oder nicht?" Gala schwört: Sie ist.

Nein, heute keine Fragen zu Olivier. Ihre Stimme klingt wie ein Reibeisen. Sie preßt eine der großen Lutschtabletten aus der Folie. Und wir sagen, noch nie hätten wir die Provence so wild und sanft, so einsam und anmutig empfunden wie in den Bildern von Regisseur Jean-Paul Rappeneau, eine ganz neue alte Provence, Städte, gepeinigt von Choleraepidemien, Landschaften, verwittert von Hitze, Kälte, Schnee . . . Juliette Binoche zieht eine ihrer feingeschwungenen Augenbrauen hoch: "Ich finde den Film zu lang. Für Amerika wird er neu geschnitten, das tut ihm gut."

Juliette Binoche, 1964 geboren, ist eine kluge, selbstbewußte Person. Ihr Vater ist Theaterdirektor, die Mutter Französischlehrerin mit Regie-Ambitionen. Die Eltern trennen sich, als die Tochter zwei Jahre alt ist. Sie wächst bei der Mutter in kleinen Verhältnissen auf. "Da habe ich gelernt, mich durchzusetzen." Juliette träumte nicht von einer Theaterkarriere, sie hatte eine. Mit zwölf steht sie zum ersten Mal auf einer Pariser Bühne, in der Schule inszeniert und spielt sie Ionesco und Molière. Das Theater wird zur Ersatzfamilie. Nach dem Abitur Schauspielschule, der erste Filmauftritt in Jean-Luc Godards "Maria und Joseph".

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Für die Verfilmung von Josephine Harts "Verhängnis" hat sie mit dem 1995 verstorbenen Regisseur Louis Malle gearbeitet. Sie war Anna, die in das Leben eines Londoner Arztes und Parlamentariers (Jeremy Irons) einfällt wie eine sanfte Terroristin. Malle, nach einer schweren Herzoperation damals schon von Todesahnungen verfolgt, sah Anna vor allem als schwarze, zerstörerische Figur, die Obsession eines Mannes, dessen Qual. Die junge Juliette fühlte vor allem die Lust, das "Phantastische an dieser Passion". "Die Menschen haben Angst vor dem Leben. Angst vor dem Sterben", beklagte die damals 27jährige frisch und unbeschwert in Interviews. "Ich habe keine Angst."

Sie war wütend. Bei dem Geniestreich ihres Lebensgefährten Léos Carax ("Die Liebenden von Pont Neuf") hatte sie mitgestalten, mitleiden, mitkämpfen dürfen, er hat der künstlerisch begabten Juliette die Rolle einer Malerin geschenkt, später sogar einen neuen (märchenhaft glücklichen) Schluß.

Für den exzessiven Carax, den Juliette im richtigen Leben nach Drehschluß erschöpft verließ, war Juliette Partnerin, Mittelpunkt. Bei Malle, der seine Zartheit und Verletzlichkeit hinter der Maske des Regieprofis versteckte, fühlte sie sich wieder in die Schranken zurückverwiesen.

Wußte sie, daß Malle damals schon an einer Inszenierung von "Tristan und Isolde" für die Wiener Oper arbeitete? Die Liebe und der Tod. Der Tod und die Liebe - daß nur dieses Thema ihn zuletzt noch bedrängt hat? Juliette putzt sich die Nase. "Malle war mir fremd." - Auch seine Filme? Sie sagt: "Ich hatte nie einen gesehen." Und bis zum heutigen Tag nicht einmal das wunderbare "Auf Wiedersehen, Kinder", den wohl anrührendsten Film, den Malle . . . "Nein", sagt sie kühl. "Wir fanden keine gemeinsame Sprache."

Jetzt ist Juliettes Gesicht fast wächsern. Der gläserne Star sieht nicht wirklich verschnupft aus, Augen verquollen, wäßrig, rötlich, nein, nichts von alledem. Ihr zartes Gesichtchen ist einfach nur von einer unwirklichen Transparenz. Es greift uns ans Herz. Soll sie doch samt allen Geheimnissen ins Bett! Ausruhen bis zur Premiere am Abend. "Ich danke Ihnen." Ihre Stimme ist nur noch ein kleines Krächzen.

Und wir wissen noch immer nichts. Warum erzählt dieses Gesicht in Großaufnahme so viel? Warum wirkt dieses kühle Geschöpf im Film so verletzlich? Sie hat nichts von dem blitzenden Intellekt, der umwerfenden Intelligenz einer Fanny Ardent, nichts von der Erotik und Weiblichkeit der jungen Deneuve. Warum sehen wir Juliette Binoches Augen, wenn wir an Teresa denken, die unbeirrbar Liebende aus der Kundera-Verfilmung "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins"? Wir dürfen sie am Abend nicht aus den Augen lassen!

Doch Juliette bleibt im Bett. Sie ißt nicht, sie zeigt sich nicht, nur Olivier verbeugt sich vor dem Publikum, ein junger Mann von 28 Jahren mit schütterem Dreitagebart, überraschend schüchtern. Und die stille, zauberische Juliette, der durchsichtige Engel, der mit den Tränen spricht, der stumme Star, behält alles Geheimnis . . . Es bleibt geschützt von Millionen Viren, verdeckt von hundert Schnupftüchern. Die Nase zu, und alle Fragen offen, und wir? Nichts werden wir erzählen können.

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Aber das macht doch nichts, tröstet die Redakteurin. Wir haben ihr Photo, sie sieht wunderbar aus. Nur Mut, fährt sie fort, da braucht es kaum noch Worte.

Und wahrscheinlich ist es genau das, das große Geheimnis. So wollen wir sie haben, so soll sie sein, die französische Frau: stumm, schön und voller Rätsel.