STUTTGART. - In diesen Tagen hatte er in Pension gehen wollen. Der Bürgermeister von Neckarwestheim hätte zu seinem Abschied ins Rathaus geladen, das, wie alles in dem Ort, etwas zu protzig geraten ist. Der Ort nämlich schwamm im Geld: Die Gewerbesteuer des Atomkraftwerks floß reichlich. Der Musikverein hätte gespielt, und in seiner letzten Rede hätte Horst Armbrust zurückgeblickt auf seine 35 Jahre als Bürgermeister, und er hätte stolz noch einmal aufgezählt, wie unter seiner Regie aus dem verschlafenen Weindorf die reichste Gemeinde (pro Kopf) in Deutschland geworden ist:

Gepinkelt wird auf poliertem Naturstein;

gegolft auf dem gemeindeeigenen Platz;

gebadet (umsonst natürlich) in vier öffentlichen Bädern.

Von Fanfarenstößen begleitet, hätten die Bürger dann ihren Bürgermeister von "Schlaraffendorf" auf einen Schild gehoben und dreimal durchs Dorf getragen. Doch es kam anders. Bürgermeister Armbrust hockt in Stammheim im Gefängnis.

Wann immer ein Polizeifahrzeug Horst Armbrust in den vergangenen Wochen aus seiner Zelle ins Landgericht brachte, waren die Zuhörerreihen meist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die rotwangigen Keltenköpfe und pausbackigen Hausfrauen waren unschwer als Repräsentanten aus Neckarwestheim zu erkennen, die miterleben wollten, wie ihrem Bürgermeister der Prozeß gemacht wurde. Vor einem Jahr hatte man ihn im Rathaus verhaftet, als bekannt wurde, daß vierzig Millionen Mark in der Gemeindekasse fehlten.

Sie fehlen immer noch. Denn Armbrust hat das viele Geld nicht in seinem Garten verbuddelt, was immerhin noch schlauer gewesen wäre, als es Spekulanten in die Hand zu drücken. Die hatten dem Dorfschulte versprochen, aus vierzig Millionen innerhalb eines Jahres hundert zu machen. Doch das hat nicht geklappt. Der Schwindel flog auf und mit ihm der 62jährige Bürgermeister ins Gefängnis. Dort spielte er die Rolle des Treudoofen, der Betrügern auf den Leim gegangen sei.