Am Sonntag, als sich herausstellt, daß alles wahrscheinlich anders war als vermutet, brauchen einige Berichterstatter einen Schuldigen. Nicht den jungen Libanesen, den die Polizei festgenommen hat, denn der ist ja nur tatverdächtig. Nein, lieber einen, dessen Schuld schon erwiesen ist; einen, der dafür Verantwortung trägt, daß die Republik auf die falsche Fährte gehetzt wurde; einen, der die Deutschen kollektiv in vorauseilende Selbstbezichtigung trieb.

"Herr Bürgermeister, haben Sie sich in den vergangenen Tagen nicht zu weit aus dem Fenster gehängt?" fragt ein Journalist scheinnaiv. Ein Dutzend Kameras nehmen Michael Bouteiller ins Visier. Das Oberhaupt der Hansestadt Lübeck ahnt, daß die Medienwalze ihn nun platt machen will. Erst hatten Journalisten ihn umschwärmt und die drei Tage seit der Brandnacht in ein Endlos-Interview verwandelt, ihm Dutzende von kleinen Statements entlockt, weil der Mann so schön melancholisch in die Linse schaut und so schön kritisch über die Asylpolitik spricht. Jetzt ist alles anders, die große Story vom rassistischen Anschlag scheint geplatzt zu sein.

Bevor Michael Bouteiller antworten kann, folgt schon die zweite, die dritte Frage: "Haben Sie das Geschehen nicht unzulässig politisiert?" - "Warum sind Sie in Ihren Kommentaren von einer ausländerfeindlichen Tat ausgegangen?" Bouteiller rechtfertigt sich wortreich, aber die Journalisten erreicht er nicht mehr. Viele folgen nun dem Urteil der FAZ, die Lübecks Bürgermeister "rhetorischer Exzesse" geziehen hatte.

Berichterstatter, jedenfalls manche, können vergeßlich sein und gnadenlos, wenn es gilt, die eigene Eilfertigkeit zu camouflieren. Ja, Michael Bouteiller hat die Brandkatastrophe von Anfang an politisiert, bloß nicht so plump wie plötzlich behauptet. Ja, er ist weit gegangen mit seinen Ankündigungen, wahrscheinlich zu weit, aber nicht, weil er der Idee verfallen war, Rechtsradikale müßten partout die Täter gewesen sein.

Am Donnerstag abend, gerade vierzehn Stunden nach Ausbruch des Feuers, hielt der Bürgermeister von Lübeck jene Rede, die ihn republikweit bekannt gemacht hat. Rund tausend Lübecker versammeln sich zu einer spontanen Trauerfeier vor der rauchenden Ruine. Sie glimmt in gleißendem Scheinwerferlicht, auch nach Sonnenuntergang suchen Feuerwehrleute darin nach Überlebenden. Vor der Menge steht der Bürgermeister auf einem kleinen Podest, durch eine Leselampe in fahles Licht getaucht. Gleich zu Beginn seiner Trauerrede sagt er, was viele nicht hören wollen: "Wir wissen noch nicht, wer oder was für diese Katastrophe verantwortlich ist." Die Macht der Bilder hat die Versammlung ergriffen: Das Haus hinter dem Gartenzaun erinnert verteufelt an die Photos aus Solingen und Mölln. Und vor dem Zaun der Bürgermeister, der alles offenläßt, wo alles klar zu sein scheint. Wutgeheul erhebt sich, Pfiffe, Proteste einer starken Minderheit. "Hören Sie nur zu", ruft Bouteiller, "ich werde das Nötige schon sagen."

Das Nötige aus seiner Sicht ist dies: "Diese Katastrophe, was immer der Grund dafür ist, soll uns ein Zeichen sein. Wir müssen uns der Menschen in den Asylbewerberheimen annehmen und ihre Lebensverhältnisse verbessern." Vor dem Podest steht eine kleine Gruppe Afrikaner, viele sind Überlebende der Brandnacht. Dem Bürgermeister haben sie einen Zettel übergeben. "Urgent", eilig, steht darauf, daneben eine Forderung: Man wolle in die deutsche Gesellschaft integriert werden, in Wohnungen unter Deutschen wohnen. Auf französisch liest Bouteiller den Zettel vor und auf französisch sagt er spontan die Wohnungen zu. Doch er geht noch weiter, viel weiter: "Die Asylbewerberheime müssen geschlossen werden. Lassen Sie mich hier das Versprechen abgeben, daß wir in Lübeck damit anfangen werden."

Die Menge applaudiert, es war am Ende doch der rechte Ton. Aber waren es auch die richtigen Worte? Der oberste Lübecker hat nicht vorverurteilt. Aber er hat zugleich nicht weniger angekündigt als einen Rechtsbruch. "Sammelunterkünfte" werden vom Gesetz gefordert. Und nun: Die Heime schließen, um mit der Integration zu beginnen, die das Gesetz gerade verhindern will?