Duisburg, das sich einst voller Stolz "Stadt Montan" nannte, hält einen traurigen Rekord: Nirgendwo sonst im Ruhrgebiet ist die Arbeitslosenquote so hoch wie in der Stadt an der Ruhrmündung. Ende Dezember lag sie bei 15,9 Prozent. Und wenn man die Bezirke der Stadt unter die Lupe nimmt, dann schneidet Rheinhausen, wo Krupp sein Hüttenwerk stillgelegt hat, mit 13,6 Prozent deutlich besser ab als Hamborn mit 16,5 Prozent. Dabei produziert Thyssen dort noch immer Stahl. Doch dazu braucht es immer weniger Leute. So hat die Thyssen-Stahl-Gruppe ihre Belegschaft in den vergangenen drei Jahren von 58 000 auf 39 600 reduziert, Ende dieses Jahres werden nur noch 35 000 Mitarbeiter beschäftigt. Und Ekkehard Schulz, der Vorstandsvorsitzende von Thyssen Stahl, kündigt schon einen weiteren Abbau an: "Wir müssen neue Maßnahmen für Produktivitätssteigerungen auf den Weg bringen."

Während Duisburg mit der hohen Arbeitslosigkeit fertig werden muß, macht Thyssen Stahl nach der personellen Roßkur wieder stolze Gewinne. Wurden in den Krisenjahren 1991/92 bis 1993/94 insgesamt mehr als 1,7 Milliarden Mark Verlust angehäuft, so werden die Stahlkocher in den nächsten Tagen für das vergangene Geschäftsjahr wieder einen satten Gewinn von 705 Millionen Mark verkünden können.

Das muß Musik in den Ohren von Dieter H. Vogel sein, der mit der Hauptversammlung am 22. März von Heinz Kriwet den Vorstandsvorsitz bei der Muttergesellschaft Thyssen AG übernimmt. Er muß dann - im Gegensatz zu seinen Vorgängern - nicht mehr befürchten, daß ihm Verluste der Stahltochter das Geschäft versalzen. Zwar gibt es mit Thyssen Stahl keinen Gewinn- oder Verlustübernahme-Vertrag, die verheerenden Verluste beim Stahl haben den Thyssen-Vorstand dennoch bewogen, in den vergangenen zwei Geschäftsjahren die Dividende ausfallen zu lassen.

Und auch sonst findet der neue Mann an der Spitze ein Gesamtunternehmen vor, das sich sehen lassen kann. So ist die Thyssen Handelsunion - die derzeit noch von Dieter H. Vogel selbst geleitet wird - seit Jahren ein verläßlicher Goldesel. Im Geschäftsjahr 1993/94 verdiente die Handelstochter vor Steuern 205 Millionen Mark, und im vergangenen Geschäftsjahr hat sich das Ergebnis um gut zehn Prozent verbessert.

Das gute Ergebnis konnten auch die Anlaufverluste des Telekommunikationsgeschäfts nicht entscheidend schmälern, und Vogel rechnet damit, daß die Verlustphase 1997 in dieser Zukunftssparte beendet ist und von 1999 an das große Geld fließt. Vor Jahresfrist überraschte Handelsunion-Vorstandsmitglied Heinrich Kersten die Öffentlichkeit mit der Ankündigung, das Unternehmen werde "nach vorsichtiger Planung" bis Anfang 2000 aus dem Telekommunikationsgeschäft einen zusätzlichen Gewinn vor Steuern von jährlich rund 750 Millionen Mark erzielen. Vogel setzte noch einen drauf: Dieser Betrag sei eher zu niedrig angesetzt.

Nicht so rosig sieht es allerdings beim zweiten Beteiligungsbereich der Thyssen AG - "Investitionsgüter und Verarbeitung" - aus. Der ist in der Thyssen Industrie AG zusammengefaßt und mit einem Sammelsurium von Aktivitäten für große Ausschläge in der Ertragsrechnung gut. In den vergangenen fünf Jahren schwankte der Gewinn vor Steuern zwischen 104 und 460 Millionen Mark. Und zum Ergebnis des Jahres 1994/95 von 194 Millionen Mark trug allein die Sparte Aufzüge und Rolltreppen 165 Millionen Mark bei.

Seit nunmehr 23 Jahren müht sich Thyssen, aus der 1973 übernommenen und sehr bald in Thyssen Industrie umgetauften Rheinstahl AG ein profitables Mitglied der Familie zu machen - mit wechselndem Erfolg. Dabei hatten Thyssens Altmeister Hans-Günther Sohl und sein Nachfolger Dieter Spethmann mit dem Rheinstahl-Erwerb Großes vor. Er sollte das Unternehmen aus der Monostruktur der Stahlerzeugung herausführen und den Konzern auf ein breiteres Fundament stellen. Doch mit Rheinstahl hatte Thyssen auch Problembereiche wie Werften und Gießereien übernommen - ganz zu schweigen von der verlustträchtigen Rüstungsschmiede Henschel in Kassel.