In der Altmark, einer ländlichen Region im Norden von Sachsen-Anhalt, sind Zeitungsverleger gern spendabel. Die Volksstimme zum Beispiel, bis zur Wende in der DDR Bezirksorgan der SED und seit 1991 im Besitz des Heinrich Bauer Verlags, verzichtet hier großzügig auf jährliche Vertriebseinnahmen in Höhe von schätzungsweise rund 7,5 Millionen Mark - zugunsten der 60 000 Leser eben ihrer Altmark-Ausgaben.

Die nämlich brauchen für das Monatsabonnement seit Herbst 1991 sage und schreibe nur sieben Mark zu bezahlen. In allen anderen Regionen ihres Verbreitungsgebietes dagegen kostet die im Prinzip gleiche, nur mit einem jeweils anderen Lokalteil versehene Volksstimme (Gesamtauflage: 320 000 Exemplare) fast das Dreifache. Zuletzt wurde der Preis im vergangenen Herbst von 17,50 auf 19,90 Mark erhöht.

Aber auch die örtliche Konkurrenz, die Altmark-Zeitung aus der Münchner Verlagsgruppe Ippen, schont mit ihrem Abo-Preis großherzig die Geldbeutel ihrer inzwischen fast 40 000 Leser. Als eine der ungezählten Neugründungen auf dem ostdeutschen Pressemarkt wurde sie anfangs, nach der Wende in der DDR, für monatlich fünf Mark fast verschenkt. Erst kürzlich hat der Verlag den Bezugspreis, der mehr als zwei Jahre lang bei zehn Mark lag, auf knapp dreizehn Mark erhöht. Branchenkenner sind sich einig, daß beide Verlage mit diesen Dumpingpreisen in der Altmark bestenfalls die Vertriebskosten decken können, zumal beide Titel auch sonntags erscheinen.

Der heftige Preiskampf in der Altmark ist kein Einzelfall, sondern ein - wenn auch krasses - Beispiel für eine durchaus übliche Praxis auf dem deutschen Pressemarkt, wie eine Untersuchung des Instituts für Journalistik und Kommunikationsforschung Hannover zeigt. Fast zwei Drittel der rund 110 Regionalzeitungen in Deutschland arbeiten mit "gespaltenen" Vertriebspreisen: Für unterschiedliche Lokalausgaben jeweils derselben Zeitung werden unterschiedliche Abonnementpreise verlangt - je nach Wettbewerbsposition. Das Grundmuster dieser Strategie ist denkbar einfach. Dort, wo eine Zeitung keinen örtlichen Mitbewerber hat, werden die höchsten Preise verlangt; andere Ausgaben derselben Zeitung, die in Konkurrenzgebieten erscheinen, sind zum Teil deutlich billiger.

Diverse Blätter, etwa die Koblenzer Rhein-Zeitung, der Südkurier (Konstanz), die Rheinische Post und die Westdeutsche Zeitung aus Düsseldorf oder das Freie Wort (Suhl) und die Thüringer Allgemeine in Erfurt, bringen es so auf mehr als vier unterschiedliche Preisstufen. Gezielte Preisabschläge auf einzelne Ausgaben in einer Größenordnung von dreißig bis über sechzig Prozent sind keine Ausnahmen auf dem deutschen Pressemarkt. Auf diese Weise "subventionieren" die Leser in Monopolgebieten - freilich ohne groß gefragt zu werden - die Dumpingpreise, die sich ihre Zeitung in anderen Regionen leistet, um, so darf man wohl schließen, der Konkurrenz Markanteile streitig zu machen oder sie gänzlich vom Markt zu verdrängen.

Blätter wie die Volksstimme profitieren dabei ganz offenbar von der Unkenntnis ihrer Leser - Abonnenten in Magdeburg, Haldensleben, Genthien oder andernorts in Sachsen-Anhalt wissen nämlich gar nicht, daß sie für das gleiche Produkt fast dreimal soviel zahlen müssen wie Leser in der wenige Kilometer entfernten Altmark. Woher sollten sie auch? Die Volksstimme zählt, neben zahlreichen anderen Titeln, zur Gruppe jener Zeitungen, die ihren Lesern die Höhe des, wie es heißt, "ortsüblichen Bezugspreises" im Impressum nicht mitteilen.

Seiner Sache sicher ist sich etwa Michael Best, Geschäftsführer vom Westfalen-Blatt, Bielefeld. Bereits vor Jahren sei dem Verlag in einem Verfahren vor dem Landgericht Dortmund bescheinigt worden: Nicht überall, wo Westfalen-Blatt draufsteht, ist auch das ganze Westfalen-Blatt drin. Mit ihren verschiedenen Lokalausgaben, so Best, liefere die Zeitung ein jeweils anderes Produkt, so daß Preisunterschiede gerechtfertigt seien.

Gemessen an der Höhe einzelner Preisabschläge müssen die inhaltlichen Unterschiede allerdings gewaltig sein. Statt der sonst üblichen 29,90 Mark verlangt das Westfalen-Blatt für seine Ausgabe in Vlotho nur 12,90 Mark. Es paßt sich damit - als sechsmal wöchentlich erscheinende Zeitung - an das Preisniveau der örtlichen Konkurrenz, des Vlothoer Anzeigers, an. Der jedoch erscheint seit Jahrzehnten lediglich zweimal pro Woche. Günter Uppendahl, Verlagsleiter der kleinen Lokalzeitung mit einer Auflage von 5000 Exemplaren, vermutet hinter der Preispolitik des Westfalen-Blatts denn auch eine "klare Verdrängungsabsicht".

Zwar hält es Albert Esslinger-Kiefer, Mitglied im Vorstand des Verbandes der Lokalpresse und Verleger der Pforzheimer Zeitung, für "durchaus justitiabel, wenn die Preisschere bei ein und derselben Zeitung zu weit auseinanderklafft". Er selbst allerdings empfindet es als ein "längst überholtes, lächerliches Ritual", wenn die örtliche Konkurrenz, die Badischen Neuesten Nachrichten aus Karlsruhe, seit Jahren versucht, mit gespaltenen Bezugspreisen in Pforzheim Boden gutzumachen. Zumindest im alten Bundesgebiet, so Esslinger-Kiefer, sei nicht der Preis, sondern die lokale Kompetenz entscheidend. Tatsächlich verliert die BNN trotz eines geringeren Verkaufspreises in Pforzheim seit Jahren kontinuierlich Marktanteile.

In den neuen Bundesländern spielt der Preis angesichts hoher Arbeitslosigkeit und immenser sozialer Probleme offenbar eine sehr viel größere Rolle. Denn nicht nur in der Altmark, sondern nahezu überall dort, wo es noch lokale Konkurrenz gibt, arbeiten die großen, marktbeherrschenden Regionalzeitungen mit zum Teil drastischen Preisnachlässen auf einzelne Lokalausgaben. Vor allem in Thüringen liefert sich die vom Essener WAZ-Konzern dominierte Zeitungsgruppe Thüringen seit geraumer Zeit einen heftigen Preiswettbewerb mit den Blättern der Thüringen Presse, einem Anzeigenverbund mehrerer Zeitungen unter der Ägide des Süddeutschen Verlags, München. Die Studie aus Hannover ermittelte allein in dieser Region nicht weniger als dreizehn Lokalausgaben mit einem Abo-Preis von weniger als zehn Mark. In Eisenach konnte die Thüringer Allgemeine (Auflage: 300 000 Exemplare) aus der Zeitungsgruppe Thüringen nur per Gerichtsurteil in erster Instanz dazu bewogen werden, eine Preissenkung auf 8,90 Mark zurückzunehmen. Damit wollte man den beiden örtlichen Konkurrenzblättern Paroli bieten, als diese Ende 1994 zur Eisenacher Presse fusionierten. Die Methode erinnert stark an das Sprichwort von den Kanonen und den Spatzen: Mit zusammen 12 000 Exemplaren erreichen beide Neugründungen nur einen Bruchteil der Auflage der Thüringer Allgemeinen. Die kostet in Eisenach jetzt 9,20 Mark - ganze 30 Pfennig mehr, als vom Landgericht Erfurt einst beanstandet. In Monopolgebieten verlangt die TA von ihren Lesern 15 Mark.

Nach einem internen Bericht des Bundesinnenministeriums zur Lage der Lokalpresse in Ostdeutschland vom August 1992 verstoßen marktbeherrschende Verlage, die mit gespaltenen Bezugspreisen arbeiten, "möglicherweise" gegen das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen. Das Beispiel Eisenach zeigt allerdings, wie schwierig es ist, solche Methoden juristisch zu unterbinden. Zwar trifft man sich in Thüringen mittlerweile immer häufiger vor Gericht. Auch flattern den miteinander rangelnden Verlagen immer häufiger Abmahnungen der Konkurrenz ins Haus. Der Vertriebspreis spielt dabei inzwischen aber nur noch eine Nebenrolle in jenem "extremen Verdrängungswettbewerb", den Wolfgang Grimm, Verlagsleiter der Neugründung Thüringerpost in Schleiz, "so nie und nimmer für möglich gehalten hätte".

Ohnehin, so fürchten Branchenkenner wie die Medienwissenschaftlerin Beate Schneider aus Hannover, dürfte sich das Thema - "mangels Masse" - alsbald erledigt haben. Von den vielen Zeitungen, die nach der Wende in Ostdeutschland neu gegründet wurden, ist angesichts derart rauher Sitten inzwischen nur noch eine Handvoll übriggeblieben. Als vorerst letztes Opfer hat die Wernigeröder Zeitung, ein Ableger der Goslarschen Zeitung, zum Jahresende ihr Erscheinen eingestellt. Der örtliche Konkurrent, der Auflagenriese Volksstimme aus Magdeburg, "wollte uns weghaben", so Gert Krause, einer der beiden Goslarschen Verlegerbrüder. Jedenfalls vermutet er, daß dies das Ziel des Bauer-Verlags war und daß gespaltene Bezugspreise helfen sollten, es zu erreichen.

Nach dem Rückzug der Wernigeröder Zeitung hat die Volksstimme ihren Bezugspreis in dieser Region prompt und mit einem Schlag um gut 25 Prozent erhöht - von 14,90 auf 18,70 Mark.

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik und Theater Hannover