Über dreihundert Seiten und eine These: Die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition haben, so meint der kanadische Historiker James Bacque in seinem neuen Buch, den Greueltaten der Nazis vergleichbare, wenn nicht sogar schlimmere Verbrechen auf dem Kerbholz. 9,3 Millionen Deutsche hätten nach Kriegsende Rachsucht und Vergeltungswut der Sieger mit dem Leben bezahlt: 1,4 Millionen Kriegsgefangene, 2,1 Millionen Vertriebene und 5,7 Millionen Hungertote, Opfer verweigerter Nahrungsmittelhilfe u nd einer maß- wie ziellosen Sabotage, weil es angeblich wichtiger war, noch Intaktes zu zerstören, als Verkehrswege wieder herzurichten oder die Menschen mit dem Nötigsten aus Industrie und Landwirtschaft zu versorgen. Bacque spricht von Vorsatz und niedrigen Beweggründen, ebenso kühl kalkuliert und in die Tat umgesetzt wie das anschließende Verwischen der Spuren. Keiner der 5,7 Millionen Hungertoten sei registriert worden, sie lägen verscharrt in geheimgehaltenen Grabstätten.

Demographische Analysen stellen bekanntlich besondere Anforderungen. Sie gelingen nur, wenn Historiker zugleich in Soziologie, Statistik, Medizinsoziologie und Volkswirtschaftslehre bewandert sind und überdies die Kärrnerarbeit auf sich nehmen, kommunale und kirchliche Register auszuwerten. Bacque ignoriert gleich alles. Er verläßt sich auf eine Handvoll Interviews und persönlicher Nachlässe - und eine Volkszählung aus dem Jahr 1946. Wer damals wo und von wem gezählt worden ist, erfahren wir nicht; ebensowenig, wie die Zähler im Chaos des Jahres 1946 gearbeitet haben und was von ihren Methoden zu halten ist.

So viel Chuzpe muß man erst einmal aufbringen: Konkurrierende Quellen, die ihm nicht in den Kram passen, verbucht Bacque auf das Konto westlicher Zensur und preist statt dessen die "Zuverlässigkeit" russischer Archive. Daß es in Moskau kaum ordentliche Findbücher gibt, scheint Bacque animiert zu haben, auch aus amerikanischen Beständen ohne Angabe der Behörden, des Standorts, des Registers oder Datums zu zitieren. Im historischen Proseminar würde es dafür keinen Schein geben.

Wenn man das Buch nicht mehr ernst nimmt, läßt sich wieder herzhaft lachen. Wer ist an den Katastrophen des 20. Jahrhunderts schuld? Marx, Darwin und Freud, letzterer, weil er den ewigen Kampf des Ich gegen das Über-Ich propagierte. Was war Deutschland unter den Nazis? Ein Land der Widerstandskämpfer. Wer war ihr Führer? Rudolf Heß. Was hat Henry Morgenthau mit einem Vampir gemein? "Der Morgenthau-Plan wurde in Sünde empfangen, starb bei der Geburt und lebte viele Jahre glücklich fort." Wo verbrachten die Deutschen ihre ersten Nachkriegsjahre? In einem "riesigen Gefängnis". Doch gefriert das Lachen, wenn etwa russische Besatzungssoldaten als "Untermenschen" und "Monster" vorgestellt werden.

Dergleichen Texte gab es in den fünfziger und sechziger Jahren zuhauf, "graue" Literatur aus der Feder von Ideologen oder verbitterten Historikern, die wegen ihrer braunen Vergangenheit aus dem Hochschuldienst entlassen worden waren und seither vorzugsweise im Grabert-Verlag veröffentlichten. Seit einigen Jahren jedoch drängt der Extremismus zur Mitte. Joachim Hoffmann, mittlerweile pensionierter Rechtsausleger des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes Freiburg, redet von "Stalins Vernichtungskrieg" (siehe ZEIT Nr. 46/95 und Nr. 2/96). Große Häuser öffnen ihre Programme. James Bacque schreibt bei Ullstein, und Dirk Bavendamm doziert über "Roosevelts Krieg" bei Herbig. Nur der Leiter der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle, Alfred Schickel, bedient sich für Tiraden gegen Roosevelt noch des eigenen Kleinverlages. Allerdings hat er insofern die Nase vorn, als ihm in Anerkennung seines publizistischen Wirkens das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde.

Eine neue "Kriegsschuldlüge" zeichnet sich ab. Mal hat Stalin den Zweiten Weltkrieg entfesselt, mal sitzen die Kriegstreiber in Washington oder London. Auch Bacque treibt die Retusche so weit, daß am Ende von der deutschen Barbarei so gut wie nichts mehr zu sehen ist und die Alliierten als Völkermörder dastehen: "Weit über 60 Millionen Menschen wurden mit voller Absicht an den Rand des Todes durch Verhungern getrieben. . . . Etwas Derartiges hatte die Welt noch nie erlebt." Es ist mehr als erstaunlich, wie Wolfgang Wippermann unlängst zu Recht anmerkte, daß die seriösen Fachhistoriker diesem Treiben noch immer ungerührt zusehen.

James Bacque: