An einem kalten Wintertag im Dezember 1990 hat der Chaosforscher Otto Rössler einen tragischen Unfall. An der Grenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg rast ein entgegenkommendes Auto in seinen Wagen. Fünf Menschen, darunter Rösslers siebenjähriger Sohn Jonas, werden schwer verletzt. Die Tragödie nimmt ihren Lauf: Der bayerische Rettungsdienst entscheidet, die fünf Verunglückten in verschiedene Kliniken einzuliefern. Jonas wird von seinen Eltern getrennt. In einem weit entfernten Krankenhaus angekommen, stirbt das Kind.

Monate später beginnen Otto und Reimara Rössler, Bilder und Zeichnungen von Jonas zu sammeln. Die Eltern, beide Wissenschaftler, durchforsten Anekdoten und Zitate, die sie im Lauf der Jahre auf einem Kalender an der Küchenwand notiert haben. Minutiös rekonstruieren sie, wie das Wissenschaftlerkind zu denken beginnt, seine Ängste, Träume und Phantasien. Otto Rössler, der normalerweise über deduktive Biologie, superfette Attraktoren oder Endophysik schreibt, sammelt tiefsinnige Kinderaussprüche wie "Knetemännchen werden beim zweiten Mal nie dieselben" oder "Nichts ist von Anfang da, alles muß einmal entstehen".

Schließlich wird daraus ein Buch. Wer will so etwas drucken? Nach langem Suchen findet Otto Rössler einen Verleger. Und so erscheint 1994 in der science-Reihe des Rowohlt-Taschenbuch Verlages neben dem "Untergang der Dinosaurier" oder der "Physik in der Berghütte" eben auch "Jonas' Welt", herausgegeben von Reimara und Otto Rössler.

Nun entstehen nicht alle Wissenschaftsbücher auf solch anrührende Weise. Aber daß Jonas' Kinderworte gerade bei Rowohlt eine Heimat fanden, ist kein Zufall. Denn die science-Reihe des Hamburger Verlages ist gewiß die bunteste und abwechslungsreichste Wissenschaftsbuchreihe, die in den vergangenen Jahren auf den Markt kam.

Die einzige ist sie freilich nicht. So gibt es auch von den Fachverlagen Springer und Spektrum eine populärwissenschaftliche Buchreihe; im vergangenen Jahr brachte der C. H. Beck Verlag seine Reihe Wissen auf den Markt. Kein Zweifel, Naturwissenschaft wird salonfähig. Auch in Zeitschriften und Magazinen bestimmen Themen wie Hirnforschung, Urknall oder Antimaterie zusehends die Titelbilder.

"In den siebziger Jahren hatten wir die Pädagogik und die Psychologie. In den Neunzigern liefern dagegen die Natur-, Computer- und Neurowissenschaften den Rahmen für den allgemeinen Diskurs", diagnostiziert Rowohlt-Lektor Jens Petersen. Er kann sich genau erinnern, wie der Boom der Wissensbücher begann.

Am Anfang war Stephen Hawking. Seine "Kurze Geschichte der Zeit" wurde zum größten Wissenschaftsbestseller aller Zeiten. Daß nur wenige das anspruchsvolle Werk verstanden, tat dem Erfolg keinen Abbruch. Millionen von Lesern in aller Welt entdeckten plötzlich die Faszination der Wissenschaft, und den Verlagen dämmerte, daß hier ein brachliegendes Feld zu bestellen war. Nach Hawkings Kassenrenner wurden Wissenschaftsautoren plötzlich hoch gehandelt. In der anfänglichen Euphorie wurden Hunderttausende von Mark für Lizenzrechte ausgegeben, die sich teilweise nie bezahlt machten.