So heiter und verspielt hat Susanne Linke noch nie choreographiert wie in ihrem neuen Stück für das Bremer Tanztheater: "Hamletszenen".

Sie macht gar nicht den Versuch, Shakespeares Tragödie zu "vertanzen", sondern sucht nach Kernszenen, Schlüsselstellen, von denen aus sich die Handlung skizzieren läßt, die vielschichtig gebrochenen Charaktere in Gesten und Bewegungen darstellen lassen. So ergeben sich die seltsamsten Übereinstimmungen zu dem szenischen Kommentar, den Peter Brook zur selben Zeit für sieben Schauspieler unter dem Titel "Qui est la" in Paris geprobt hat (ZEIT Nr. 52/95).

Am Ende des Jahrhunderts wird die Rätselfigur Hamlet zur beherrschenden Gestalt, auch auf dem Tanztheater. Seit Francesco Clerico 1788 in Venedig seinen "Amleto" auf die Ballettbühne gebracht hat, gibt es von Tschaikovskij bis zu Boris Blacher, von Bronislava Nijinska bis zu Tatjana Gsovsky immer neue Versuche der Tanzkunst, dem Dänenprinzen sein Geheimnis zu entreißen. Im März gibt es im Berliner Hebbel-Theater, Koproduzent von Linkes "Hamletszenen", einen ganzen "Hamlet"-Zyklus. Und womit verabschiedet sich der Choreograph Joachim Schlömer am 28. Februar von Weimar? Mit einem "Hamlet I, II, III" zur Musik von Galina Ustwolskajas "Komposition Nr.1, 2, 3".

Wenn Hamlet als Melancholiker, Grübler, verhinderter Täter so schwer zu fassen ist, denkt Susanne Linke, weshalb ihn dann nicht gleich dreimal auf die Bühne holen (Gilles Welinski, Thomas Stich, Leonard Cruz)? Wenn ein simpler Mann schon dreimal erscheinen darf, dann doch eine so zwischen Eltern- und Königshaus, zwischen Witwer-Vater, Bruder, Geliebtem hin und her und in den Wahnsinn geschubste junge Frau wie Ophelia mindestens viermal (Barbara Martinini, Ditta Miranda, Amaya Lubeigt, Gitta Barthel).

Ungewöhnlich der Zauber von Nan Hoovers Videoprojektionen. Auf der fast leeren Bühne von Thomas Richter-Forgách, zur synthetischen Musik von Ronald Steckel, arbeitet die New Yorker Performance-Künstlerin mit großflächigen Wänden und Schrägen in den Symbolfarben Rot, Gelb, Blau, Schwarz. Wasser kräuselt sich, Feuer wabert auf den Seitenwänden. Tiefflieger-Lärm kündet an, daß der Geist des toten Königs erscheint. Auf einer der schrägen Wände sieht man nur, überlebensgroß, eine Hand - Herrscherhand, von Hamlet vermißte Beschützerhand. Wann haben wir die Geistererscheinung je so einfach, eindringlich erlebt?

Und dieses Tanztheater wollen die Bremer wegsparen? Die Stadt könnte, wieder, zu einem Zentrum für das internationale Tanztheater werden - wenn die kleinmütige Verwaltung sich nur auf die gute Tradition der Hansestadt besinnen wollte, über deren Geldspeicher für Seefahrer sie einst die Worte meißeln ließen: "Wagen un winnen".

Wenn die Kultur-Deputation am 7. Februar tagt, kann sie das Theater vollends ruinieren oder etwas wagen und - gewinnen.