Bei den 5. Münchner Aids-Tagen am vergangenen Wochenende war von dem früheren therapeutischen Nihilismus nicht mehr viel zu spüren.

Im Gegenteil, die meisten der mehr als 1300 Wissenschaftler, Ärzte und von der Immunschwäche Betroffenen, die das Münchner Kuratorium für Immunschwäche (KIS) eingeladen hatte, sehen Hoffnungsschimmer.

Mut gemacht hatte ihnen der erfahrene Aids-Arzt Hans Jäger, der Begründer des KIS: Dank der Fortschritte im vergangenen Jahr rücke eine erfolgreiche Aids-Behandlung in greifbare Nähe. Eine vollständige Heilung sei zwar nicht zu erwarten, aber Symptomfreiheit für viele Jahre.

Der gestiegene Optimismus beruht unter anderem auf den Ergebnissen kürzlich abgeschlossener internationaler Studien, der europäisch-australischen Delta-Studie I und II und der US-amerikanischen ACTG-175-Studie.

Daraus geht klar hervor, daß nicht im Einsatz eines Wirkstoffes das Heil liegt (früher war dies meist AZT), sondern in der Kombination unterschiedlicher Wirkstoffe. Deren Kürzel wie AZT, ddI, DDC, D4T oder Ro 318959 haben auf Kongressen Konjunktur. Diese Wirkstoffe verhindern die Vermehrung der Aids-Viren zumindest zeitweise.

Offenbar gelingt es dem Körper mancher HIV-Infizierter sogar ohne Medikamente, die Virusvermehrung zu stoppen. Immerhin erkranken zehn Prozent der HIV-Positiven nicht an Aids. Die Gründe hierfür sind nach wie vor unbekannt. Wahrscheinlich gibt es einen engen Zusammenhang zwischen dem Fortschritt der Aids-Erkrankung und der Vermehrung sowie Qualität der HI-Viren. Der Ratschlag, vor der Therapie erst die Zahl der Viren im Blut zu bestimmen, kommt zur richtigen Zeit.

Seit kurzem läßt sich nämlich die Virusbelastung durch die (mit einem Nobelpreis ausgezeichnete) Polymerase-Kettenreaktion PCR ermitteln. Neben der Bestimmung der Keimzahl ist es wichtig, auch die Qualität der Viren zu kennen, um die richtigen Medikamente einsetzen zu können. In der Bakteriologie ist zur Resistenzprüfung von Keimen die Anfertigung eines Antibiogramms üblich. Einen ähnlichen Test für die Resistenz von Aids-Viren haben belgische Forscher erarbeitet, der unter dem Namen AntiViroGram jetzt auch in Deutschland zur Verfügung steht.